: Wie sinnvoll ist die deutsche Teststrategie?

29.11.2020 | 17:41 Uhr
Wer wird aktuell getestet? Wie zielführend sind Massentests? Und welche Rolle haben Schnelltests für die Corona-Teststrategie? Ein Überblick.
Sowohl für den PCR-Test als auch den Antigen-Schnelltest gilt: Sie müssen von geschultem, medizinischem Personal durchgeführt werden.Quelle: Reuters

Wie sieht die aktuelle Teststrategie aus?

Aktuell werden vor allem bei denjenigen ein PCR-Test durchgeführt, die klare Covid-19-Symptome haben, etwa eine Bronchitis oder Lungenentzündung, Atemnot oder Fieber. Menschen mit leichten Symptomen sollen nur noch unter bestimmten Voraussetzungen getestet werden, etwa wenn sie Risikopatienten oder medizinisches Personal sind.
Tests für Menschen ohne Symptome sind vor allem dann angedacht, wenn sie enge Kontaktpersonen von Infizierten sind. Die nationale Teststrategie finden Sie detailliert auch auf der Seite des Robert-Koch-Instituts.

Ist diese Teststrategie sinnvoll?

Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer hält die bisherige Teststrategie in Deutschland insgesamt für schlüssig und im internationalen Vergleich vorbildlich. "Wir haben es eigentlich allen vorgemacht, dass wir sehr breit getestet haben und eine gute Kapazität haben", sagt Stürmer ZDFheute. Vor allem weil in Deutschland auch präsymptomatische Kontaktpersonen getestet würden, sei die Strategie insgesamt erfolgreich.
Gerade erst hat eine neue Studie, die bei "Science" erschienen ist, bestätigt: Etwa die Hälfte aller Corona-Infektionen kann durch präsymptomatische Personen erfolgen. Besonders hoch sei das Ansteckungsrisiko zudem im eigenen Haushalt. Beide Faktoren versucht die nationale Teststrategie miteinzubeziehen.
Ob die empfohlene Teststrategie in der Praxis aber auch immer Anwendung findet, sei eine andere Frage, erklärt Stürmer: "In der Realität ist es natürlich auch vom individuellen Arzt und vom zuständigen Gesundheitsamt abhängig, wer wirklich getestet wird."
Welche Infektionswege sind für das Virus besonders effektiv?

Wo hat Deutschland Fehler bei der Teststrategie gemacht?

Vor allem im Sommer vor dem Hintergrund der Urlaubszeit habe Deutschland Fehler gemacht, meint Stürmer. "Mit der Testpflicht für Reiserückkehrer gingen unsere Testkapazitäten ans Limit", sagt er. Gleiches gelte für die massenhaften Test zur Urlaubssaison im Herbst: Damals wurden von den Bundesländern reihenweise Beherbergungsverbote beschlossen und negative Corona-Tests von Reisenden aus dem Bundesgebiet verlangt. Auch hier ließen sich viele Menschen ohne Indikation testen, um ihren Urlaub antreten zu können.
Man muss dort testen, wo es relevant ist.
Martin Stürmer

Wären Massentests zielführend?

"Man muss sich überlegen: Wo stecke ich Kapazitäten hin?", erklärt Stürmer. Aktuell gibt es laut RKI eine Kapazität von 1,8 Millionen PCR-Testungen pro Woche. Breite PCR-Massentests auch für Menschen ohne Symptome seien bei über 80 Millionen Einwohnern in Deutschland nicht praktikabel, auch mit Blick auf das begrenzte Personal: "Für genaue Tests braucht es entsprechendes Personal, Geräte, etc. Die Kapazitäten sind aber knapp. Jedes Labor muss mit seinen Ressourcen haushalten", sagt der Virologe.

Welche Rolle hat der Antigen-Schnelltest für die Teststrategie?

Auch Antigen-Schnelltests sind für unspezifische Massentestungen ungeeignet. Antigen-Tests können zwar schneller durchgeführt werden als PCR-Test, sind aber auch entsprechend ungenauer. "Wenn unter den Getesteten nur wenige Personen tatsächlich infiziert sind, dann ist ein positives Testresultat sehr wahrscheinlich positiv", heißt es vom RKI. Zudem müssen Schnelltests von medizinischem Personal durchgeführt werden, was erneut die Frage nach der Personalkapazität aufwirft.

Martin Stürmer ...

... ist Virologe, Leiter eines Medizinlabors und Lehrbeauftragter für Virologie an der Universität Frankfurt.
Daher können Schnelltests den PCR-Test bislang nur ergänzen, nicht aber ersetzen. Bei zeitlich begrenzten Besuchen in Altenheimen oder zur schnellen Ersterfassung im Krankenhaus machen Schnelltests aber durchaus Sinn. "Wenn ein solcher Test negativ ausfällt, weiß ich, dass ich für die Zeit des Besuchs wahrscheinlich sicher bin", sagt Martin Stürmer. Seit Mitte Oktober werden Schnelltests in Alten- und Pflegeheimen, Krankenhäusern oder Reha-Einrichtungen gezielt eingesetzt.
Stürmer rät aber davon ab, noch schnell einen Antigentest zu machen, um Weihnachten mit einem sicheren Gefühl zu feiern - nicht nur mit Blick auf dadurch entstehende Engpässe bei der Testkapazität. "Ein einmaliger Antigentest gibt keine Sicherheit für die Feiertage", erklärt der Virologe. Zudem gebe es keine Zulassung der Tests für Privatpersonen.
Korrektur: In einer früheren Version war von "asymptomatischen" Personen die Rede. Die zitierte Studie bezieht sich aber auf präsymptomatische Übertragungen. Dies wurde im Text entsprechend geändert.
Quelle: ZDF

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