: Warum sinkende Zahlen trügen können

von Oliver Klein
18.11.2020 | 19:00 Uhr
Die Zahl der registrierten Neuinfektionen sinkt, doch nach aktuellen Zahlen des RKI werden in Deutschland auch weniger Tests durchgeführt. Lässt sich von einer Trendwende sprechen?
Die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen mit dem Coronavirus sinkt. Heute meldeten die Gesundheitsämter dem Robert-Koch-Institut (RKI) 17.561 neue Fälle, rund fünf Prozent weniger als am Mittwoch vor einer Woche. Und das scheint ein Trend zu sein: Seit Sonntag liegen die Tageszahlen jeweils zwischen fünf und neun Prozent unter dem Vergleichswert des jeweiligen Tages aus der Vorwoche.
Doch ob sich diese Zahlen tatsächlich als einen Hinweis für eine Entspannung beim Infektionsgeschehen werten lassen, ist fraglich. Denn es wird auch deutlich weniger getestet: Nach aktuellen Daten des RKI, die heute veröffentlicht wurden, sank die Zahl der Corona-Tests von rund 1,6 Millionen pro Woche Anfang Oktober auf rund 1,4 Millionen in der vergangenen Woche - ein Minus von rund 13 Prozent.

Neue Teststrategie des RKI

Dabei spielen vor allem die neuen Richtlinien des RKI zu Tests eine wichtige Rolle: Seit dem 11. November soll wieder zielgerichteter getestet werden, um die begrenzten Kapazitäten nicht zu überfordern. Tests sind demnach nur für Patienten mit "schweren respiratorischen Symptomen wie einer Bronchitis oder einer Lungenentzündung, Atemnot oder Fieber" vorgesehen.
Wer nur leichte Erkältungssymptome hat und keinen direkten Kontakt mit einem Infizierten, wird in der Regel keinen Test mehr bekommen. Ausgenommen von der Regelung sind unter anderem Risikopatienten oder Mitarbeiter im Gesundheitswesen.

Je zielgerichteter die Tests, desto höher die Positivquote

Die neuen Regelungen sorgen also einerseits dafür, dass weniger Tests durchgeführt werden. Und andererseits bewirken zielgerichtetere Tests, dass der Anteil der positiven Ergebnisse steigt: Neun Prozent der Tests fielen zuletzt positiv aus. Einen ähnlich hohen Wert gab es bisher nur Anfang April.
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Ein zielgerichteteres Testen bedeutet auch, dass eine höhere Dunkelziffer von nicht erkannten Corona-Infektionen zu erwarten ist: Weil Personen, die keine oder kaum Symptome haben, eben weniger in die Statistik eingehen - obwohl sie für andere ansteckend sein können. Durch diese Veränderungen der Teststrategie lassen sich die Werte "nicht mehr vergleichen", erklärte der Bonner Virologe Hendrik Streeck der Deutschen Presse-Agentur.
Alleine dadurch - ohne Shutdown light - würde man wahrscheinlich bereits einen Rückgang der Neuinfektionszahlen erwarten, wenn diese Testempfehlungen sich durchgesetzt haben.
Hendrik Streeck, Direktor des Institutes für Virologie, Universität Bonn
Ein besseres Bild des Infektionsgeschehens ergibt sich - wenn auch mit einiger Verzögerung - aus dem Blick auf die Todesfälle und die Belegung der Intensivstationen.

Mehr Intensiv-Patienten und steigende Todesfälle

Nach Zahlen des DIVI-Intensivregisters befinden sich derzeit 3.561 Patientinnen und Patienten mit Covid in intensivmedizinischer Behandlung. Es werden zwar weiterhin täglich mehr, aber das exponentielle Wachstum im Oktober konnte gestoppt werden.
Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus hingegen steigt weiter stark. Im Schnitt der vergangenen sieben Tage starben täglich 193 Menschen - doppelt so viele wie noch vor zwölf Tagen. Zuletzt wurden heute 305 Tote gemeldet. Die Zahl könnte bald den Höchstwert von 325 im April überschreiten.

Labor-Verband sieht keine Trendwende

Vorsichtiger Optimismus, aber noch keine Entwarnung - so sieht es der Verband akkreditierter Labore in der Medizin (ALM). Gegenüber ZDFheute erklärt der Verband, die Zahlen nährten die Hoffnung, "dass sich das Infektionsgeschehen auf dem Niveau stabilisiert und im weiteren Verlauf dann hoffentlich zu nachhaltig rückläufigen Infektionszahlen führt". Von einer Trendwende könne derzeit aber nicht gesprochen werden.
Fazit: Die leicht sinkenden Zahlen bei Neuinfektionen geben Grund zur Hoffnung, sind aber keine Trendwende. Denn auch die Zahl der Tests ist deutlich gesunken. Hingegen steigt die Zahl der Patienten auf Intensivstationen und die Zahl der täglichen Todesfälle.
Quelle: mit Material von dpa

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