: Das Sterben der alten Menschen

von Britta Spiekermann
27.01.2021 | 19:57 Uhr
Viele an Covid-19 erkrankte alte Menschen sterben nicht im Krankenhaus. Findet in Deutschland eine versteckte Triage statt? Diese Gefahr sehen Opposition und Patientenschützer.
Patientenschützer in Sorge: Werden alte Menschen bei einer Covid-19-Erkrankung ihrem Schicksal im Altenheim überlassen? (Symbolbild)Quelle: dpa
Fast jeden Tag meldet das Robert-Koch-Institut den Tod von 1.000 Menschen, die mit oder an Corona gestorben sind. Die Zahlen zeigen eine Diskrepanz: Die große Mehrheit dieser Menschen ist nicht im Krankenhaus beziehungsweise auf einer Intensivstation gestorben. Das nährt einen Verdacht.
Corinna Rüffer, behindertenpolitische Sprecherin von B'90/Die Grünen, vermutet, dass eine versteckte Triage längst im Gange ist:
Wir müssen befürchten, dass insbesondere erkrankte Hochbetagte in Pflegeheimen nicht die medizinische Versorgung bekommen, die sie eigentlich bräuchten.
Corinna Rüffer, B'90/Die Grünen
Werden also alte Menschen bei einer Corona-Infektion ihrem Schicksal im Altenheim überlassen und nicht in Kliniken eingeliefert?
Im Zusammenhang mit Corona ist in Deutschland fast die Hälfte aller Toten im Umfeld von Altenheimen gestorben – darunter vor allem Bewohner, aber auch Pflegekräfte und Betreuer.

Kassenärztliche Vereinigung Sachsen wendet sich an Mediziner

Dem ZDF liegt ein Schreiben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Sachsen von Anfang Dezember 2020 vor. Adressiert ist es an alle sächsischen Hausärzte und Internisten unter der Überschrift "Verordnungsmöglichkeit 02-Konzentrator während der Pandemie". Dr. Klaus Heckemann, Vorstandsvorsitzender der KV Sachsen, fragt darin, ob "bei in Pflegeheimen untergebrachten Patienten", bei denen ein Covid-19-Verdacht oder auch eine bestätigte Diagnose vorliege, die "stationäre Einweisung wirklich alternativlos die beste Handlungsoption" sei?
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Er empfiehlt beim Verbleiben der Pflegebedürftigen im Altenheim eine "Sauerstoffzufuhr via Nasensonde". Heckemann schließt das Schreiben mit kollegialen Grüßen und dankt den Ärzten für "auch ihr" pragmatisches Handeln.
Auf ZDF-Nachfrage erklärt Heckemann, es handele sich lediglich um eine Mitteilung und keineswegs könne man von einer Triage sprechen. "Es geht immer um eine Abwägung zwischen angemessener und maximaler Therapie." Entscheidend sei der Wille der Pflegebedürftigen.
"Es ist etwas Unmenschliches für die, die es entscheiden müssen", sagt Hélène Eichrodt-Kessel über die Triage. Ihr Vater wäre fast betroffen gewesen.

Herausforderung: Zusätzlicher Aufwand für Pflegepersonal

In dem Schreiben wird die "Alternative" der "Sauerstoffzufuhr" empfohlen. Sollte diese Maßnahme der "Oxygenierung" nicht ausreichen, schreibt Heckemann, ist "natürlich eine Krankenhausbehandlung in Erwägung zu ziehen". Das heißt allerdings auch, bei einer Verschlechterung des Zustands ist die Einlieferung nicht zwingend, sie ist in Erwägung zu ziehen.
Problematisch ist der Einsatz eines sogenannten "Sauerstoffkonzentrators" allerdings aus mehreren Gründen: Die Handhabung sei zwar, wie Heckemann versichert, "kein Problem für das Pflegepersonal", "jedes Heim habe damit Erfahrung". Natürlich bedeute es aber einen zusätzlichen zeitlichen Aufwand, gerade wenn mehrere Pflegebedürftige an Covid-19 erkrankt seien.
Auf die Frage nach der ärztlichen Kontrolle räumt Heckemann ein, dass es sicher Heime gebe, die in dieser Hinsicht schlecht aufgestellt seien. Quantifizieren könne er nicht, wie viele Pflegebedürftige in Krankenhäuser eingeliefert worden seien.   

Corona in Pflegeheimen: Patientenschützer sind alamiert

Besorgt und alarmiert ist Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Er spricht für die Pflegebedürftigen und Sterbenden in dieser Gesellschaft. Brysch fragt, warum es - auf die deutsche Gesamtlage bezogen und nach seiner Rechnung - 15.000 infizierte Pflegeheimbewohner gar nicht erst auf eine Krankenhaus-Station geschafft hätten?
In Deutschland werden derzeit medizinisches, Heim- und Pflegepersonal, sowie über 80-Jährige gegen Corona geimpft. Doch vielerorts gibt es Probleme bei der Vergabe von Impfterminen.
Liege eine freie Entscheidung des Corona-Patienten oder der Bevollmächtigen vor, sei ein Verbleiben in einem Altenheim kein Problem, wenn aber : "(…)  Hausärzte, Angehörige oder Pfllegeheimleitungen hier bestimmen, dann wäre das für die Betroffenen höchst bedrohlich".
Brysch klagt an, die Sauerstoffversorgung von Covid-19-Patienten in Pflegeeinrichtungen ohne ausreichende Diagnostik und ärztliche Überwachung gleiche einer Triage.
Karl Lauterbach, Gesundheitsexperte der SPD, bestreitet das. "Ältere Pflegebedürftige kommen im Gegensatz zur ersten Welle heute häufiger nicht mehr in die Klinik oder auf die Intensivstation, wenn sie schwer an Covid erkrankt sind." Dafür gebe es medizinische Gründe, erklärt Lauterbach. "Ich halte das nicht für einen Hinweis auf eine stille Triage." Eugen Brysch fragt allerdings: "Hat der Pflegebedürftige im Falle einer Covid-Erkrankung tatsächlich eine Wahl?"

Menschenrechtsaktivist sieht Gesetzgeber in der Pflicht

Menschenrechtsaktivist Raul Krauthausen sagt, man überlasse viele Ältere ihrem Schicksal, wenn man sie nicht in Kliniken einliefere:
Meiner Meinung nach erfüllt diese Praxis, solange Kapazitäten vor Ort im Krankenhaus noch verfügbar sind und die betroffenen Patient*innen nicht ausdrücklich den Wunsch äußern, nicht ins Krankenhaus zu wollen, den Tatbestand der unterlassenen Hilfeleistung, wenn nicht gar der Tötung durch Unterlassen.
Raul Krauthausen
Bereits seit vergangenen Sommer liegt eine Verfassungsbeschwerde vor. Sie zielt darauf, so Krauthausen, dass der Gesetzgeber "seiner Schutzpflicht gegenüber Bürgerinnen und Bürgern nachkommt" und "verfassungsrechtlich nachprüfbare Prinzipien regelt, nach denen im Fall einer Triage zu entscheiden ist". Noch gibt es in Deutschland eine solche gesetzliche Regelung zur Frage der Triage nicht.

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