: Hohe Übersterblichkeit nicht nur wegen Corona

von Oliver Klein
20.01.2023 | 20:25 Uhr
2020 bis 2022 gab es in Deutschland laut Ifo-Institut rund 180.000 mehr Tote als zu erwarten gewesen wäre. Corona, Grippe, Hitzewelle - was verursachte die Übersterblichkeit?
Die Zahl der in Deutschland Gestorbenen während der Corona-Jahre ist höher als erwartet - die Ursache ist aber nicht Corona allein.Quelle: imago/Christian Thiel
In Deutschland sind in den Corona-Jahren 2020 bis 2022 insgesamt rund 180.000 Menschen mehr gestorben als statistisch zu erwarten gewesen wäre. Das hat eine aktuelle Ifo-Auswertung von Zahlen des Statistischen Bundesamts ergeben. Auffällig dabei: Die Übersterblichkeit hat sich ausgerechnet im Jahr 2022 noch mal beschleunigt, obwohl bereits ein Großteil der deutschen Bevölkerung gegen Corona geimpft war.
Insgesamt gab es 2020 rund 39.000 zusätzliche Todesfälle, also über den Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019 hinaus. Ein Jahr später, als neue, deutlich ansteckendere Varianten des Virus die Inzidenzen in die Höhe schnellen ließen, waren es 68.000, 2022 sogar fast 74.000 Todesfälle mehr als erwartet.

Übersterblichkeit vor allem bei Älteren

Es starben deutlich mehr ältere Menschen als sonst üblich. In der Altersgruppe der Über-80-Jährigen waren es allein 116.000 Menschen mehr als statistisch zu erwarten gewesen wäre. Dagegen waren es in der viel größeren Altersgruppe 30 bis 59 Jahre nur 12.000 zusätzliche Todesfälle, bei den Bis-29-Jährigen sogar nur rund 900.
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Der größte Teil der 180.000 zusätzlichen Sterbefälle ist durch das Coronavirus zu erklären. Nach Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) starben in Deutschland insgesamt bis Ende des vergangenen Jahres über 160.000 Menschen im Zusammenhang mit Corona.

Übersterblichkeit nicht nur durch Corona zu erklären

"In den Jahren 2020 und 2021 hat die Übersterblichkeit eindeutig mit Corona zu tun - das ist ja nix Neues", sagt auch Joachim Ragnitz, stellvertretender Leiter der ifo-Niederlassung Dresden, der die Zahlen des Statistischen Bundesamtes und des RKI ausgewertet hat. Doch die Pandemie könne nur einen Teil der Übersterblichkeit des Jahres 2022 erklären.
Auffällig an der Analyse ist: Im Jahresverlauf 2022 gab es immer wieder Peaks mit besonders vielen Toten, für die Corona nicht die einzige Erklärung sein kann.
Vor allem zum Jahresende 2022 sind viele Menschen gestorben, da gab es aber laut RKI-Statistik nur wenig Corona-Tote.
Joachim Ragnitz, ifo-Niederlassung Dresden

Mögliche Erklärungen für Übersterblichkeit neben Corona

  • Im Herbst 2022 begann in Deutschland eine außergewöhnlich frühe und außergewöhnlich heftige Grippewelle. In den Jahren zuvor, während der Corona-Pandemie, war Influenza praktisch ausgefallen. "Ein Grund dafür waren die notwendigen Corona-Maßnahmen, die natürlich auch die Übertragung anderer Erreger verhindert haben", erklärte Markus Beier, Vorsitzender des Deutschen Hausärzteverband bei ZDFheute. So gab es nach Expertenmeinung einen gewissen "Nachholbedarf".
  • Ein Teil der Übersterblichkeit im Sommer lässt sich möglicherweise auch durch die Hitzewelle erklären. Das RKI schätzt, dass im außergewöhnlich heißen Sommer 2022 etwa 4.500 Menschen zusätzlich gestorben sind.
In der Grafik gut zu erkennen: Vor allem zum Ende des Jahres 2022 gibt es einen starken Anstieg der Sterbefälle, der nicht nur mit Corona erklärt werden kann.
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Hitzewelle wirkt sich nicht 1:1 auf Übersterblichkeit des Jahres aus

Die Sommerhitze und die Grippewelle hatten also vermutlich eine Auswirkung auf die Übersterblichkeit. Doch die Berechnung ist kompliziert:
"Wir können im Moment nur Vermutungen anstellen. Bei Hitzewellen beispielsweise sterben viele Menschen mit Vorerkrankungen, die ohnehin wenig später auch so gestorben wären", erklärt Sebastian Klüsener Forschungsdirektor am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB). Die vom RKI errechneten 4.500 Tote durch die Hitzewelle im Sommer 2022 wirken sich demnach nicht zwingend in voller Höhe auf die Übersterblichkeit des ganzen Jahres aus.

Experte sieht indirekte Auswirkungen der Pandemie

Die Grippewelle hat sicherlich zur Übersterblichkeit beigetragen, so Klüsener. "Das belegen Zahlen des RKI. Doch wie groß tatsächlich die Auswirkungen der einzelnen Ereignisse war, wird sich erst sagen lassen, wenn die Todesursachenstatistik des Statistischen Bundesamts für 2022 vorliegt."
Denkbar seien auch indirekte Auswirkungen der Pandemie, so Klüsener: "Beispielsweise Krebserkrankungen, weil Vorsorgeuntersuchungen wegen Corona ausgeblieben sind."

Keine Belege für Übersterblichkeit durch Impfung

Für manche Impfgegner steht jedoch bereits die Hauptursache der Übersterblichkeit fest: Coronaschutzimpfungen. "Das ist genauso Spekulation - dafür gibt es keine Belege", sagt Ragnitz. Ähnlich sieht das auch Klüsener. Er erinnert daran, dass die Ständige Impfkommission (Stiko) nur Impfempfehlungen ausspricht, wenn aufgrund von mehreren Studien gesichert ist, "dass die Vorteile der Impfungen die Nachteile überwiegen" - und dabei gehe die Stiko "extrem konservativ" vor.
Zuletzt hatte die AfD die Übersterblichkeit mit Corona-Impfungen in Zusammenhang gebracht, bei der Datenauswertung jedoch einen entscheidenden Logikfehler gemacht. Experten gehen aufgrund der guten Studienlage zur Wirksamkeit und Risiken der Impfung derzeit jedoch nicht davon aus, dass es einen Zusammenhang zwischen Corona-Impfungen und Übersterblichkeit gibt.

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