: Wie das Impfen von Kindern in den USA läuft

von Nina Niebergall, Washington
21.06.2021 | 08:09 Uhr
Während es in Deutschland keine explizite Empfehlung gibt, sind in den USA schon acht Millionen Jugendliche geimpft. Von neuen Freiheiten - und der Sorge um Nebenwirkungen.
In den USA gibt es eine klare Empfehlung, Kinder ab 12 Jahren impfen zu lassen. Bald wollen Biontech/Pfizer auch die Zulassung für noch jüngere beantragen.
Die Stimmung ist ausgelassen in der Tanzschule "District Dance" in Germantown im US-Bundesstaat Maryland. Es ist die letzte Stunde vor der Sommerpause. Mädchen zwischen 14 und 15 Jahren tanzen hier zeitgenössisches Ballett, die meisten schon seit vielen Jahren.
Sie haben ihrer Tanzlehrerin ein Geschenk mitgebracht. Zum Dank gibt es eine feste Umarmung. Außer den Masken, die alle weiterhin tragen, erinnert kaum mehr etwas an die Corona-Pandemie.
Denn die Tanzschülerinnen sind allesamt gegen Corona geimpft, einige vollständig, andere zumindest mit der ersten Dosis. "Es ist ein Gefühl der Freiheit." So beschreibt es die 14-jährige Izzy Dolce.
Ich mache mir zwar immer noch Sorgen um die Pandemie, aber es ist ein großes Gewicht von meinen Schultern genommen worden, sodass ich endlich wieder meine Teenager-Jahre genießen kann.
Izzy Dolce, Tanzschülerin

Acht Millionen Kinder geimpft

Laura Friedman hat ihre Tochter Josie gleich am ersten Wochenende impfen lassen, nachdem der Impfstoff von Biontech und Pfizer am 10. Mai auch für ihre Altersgruppe zugelassen war.
Ich war so froh, dass ich sie impfen lassen konnte, weil sie die letzte im Haushalt war ohne Impfung. Es fühlt sich jetzt einfach sicherer an.
Laura Friedman, Mutter einer Tanzschülerin
Knapp acht Millionen Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 17 wurden seitdem geimpft. Die Gesundheitsbehörde Center for Disease Control and Prevention (CDC) empfiehlt die Impfung uneingeschränkt - anders als die Ständige Impfkommission (Stiko) in Deutschland. Die begründete ihre Entscheidung mit einer unzureichenden Datenlage, auch was Spätfolgen der Impfung angeht. Gleichzeitig müssten Kinder nur sehr selten intensivmedizinisch behandelt werden, erlebten kaum schwere Krankheitsverläufe.

Covid-19 die zehnthäufigste Todesursache

David Kimberlin ist Professor für Kinder-Infektionskrankheiten an der University of Alabama und berät die US-Gesundheitsbehörden. Er versteht, woher die Bedenken in Deutschland kommen. "Ich verstehe es, aber ich stimme dem nicht zu", sagt er. "Wenn man sich die Gesamtzahl der Menschen ansieht, die schwer an Covid-19 erkrankt waren, dann haben zweifellos ältere Menschen das höchste Risiko." Aber nur rohe Zahlen zu vergleichen, sei nicht wirklich angemessen.
Hier in den USA ist Covid-19 die zehnthäufigste Todesursache bei Kindern seit Beginn der Pandemie Anfang 2020.
David Kimberlin, Professor für Kinder-Infektionskrankheiten
Die Impfung verursache zwar Nebenwirkungen, die meisten seien aber sehr schwach: leichte Schmerzen im Arm, Kopfweh, Schüttelfrost, Fieber.

Herzmuskelentzündung eine Nebenwirkung?

Doch es gibt auch Berichte von schlimmeren Nebenwirkungen: Bis Ende Mai sind 789 Fälle von Herzmuskel- bzw. Herzbeutelentzündungen aufgetreten. Mehr als die Hälfte dieser Verdachtsfälle bei unter 30-Jährigen. Ob die Corona-Impfung die Ursache war, ließ sich bisher nicht eindeutig klären. Nächste Woche beraten die US-Gesundheitsbehörden, wie damit umgegangen werden soll.
Die Ergebnisse müsse man nun abwarten, sagt Kinderarzt Kimberlin. Bislang sieht er aber keinen Grund, die Impfung für Kinder auszusetzen.
Wenn Jugendliche oder junge Erwachsene sich mit Covid-19 infizieren und erkranken, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie Herzprobleme bekommen größer als die paar Fälle, die nach den Impfungen berichtet wurden. Außerdem sind diese Fälle sehr leicht und vorübergehend. Sie konnten mit Ibuprofen behandelt werden.
David Kimberlin, Professor für Kinder-Infektionskrankheiten
Umgekehrt wisse man nach wie vor nicht, wie sich eine Corona-Erkrankung bei Kindern auswirke. Auch Kinder, die nur leichte oder gar keine Symptome hätten, könnten das sogenannte PIMS-Syndrom entwickeln.
Bei Kindern kann nach einer Corona-Erkrankung das sehr seltene PIMS-Syndrom auftreten. In Deutschland wurden bisher 295 Fälle registriert.
"Wir verstehen nicht wirklich, warum das passiert. Aber es scheint, als werde das durch die Entzündungsreaktion einer Covid-19-Erkrankung entstandene Ungleichgewicht nicht richtig reguliert", sagt Kimberlin. "Und das kann durchaus langfristige Folgen haben."
Auch in den USA sind viele Menschen skeptisch, ob sie sich und ihre Kinder impfen lassen sollen. Einige wollen noch abwarten, sorgen sich um die Nebenwirkungen.

Angst vor schwerem Covid-19-Verlauf

In der Tanzschule "District Dance" aber überwiegt der Wunsch, vor der Krankheit selbst geschützt zu sein. "Meine Tochter nicht impfen zu lassen wäre eine Art Glücksspiel", findet Erin Bachman, die Mutter einer Tanzschülerin.
Sie wolle das Leben ihrer Tochter nicht diesem Glücksspiel überlassen. Und dem Risiko, dass sie am Ende doch eine der sehr wenigen ist, die nicht nur Erkältungssymptome hat.
Der Autorin auf Twitter folgen: @ninaniebergall

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