: Gutes Wetter wird Coronavirus nicht bremsen

von Lukas Wilhelm
15.04.2021 | 12:41 Uhr
Im vergangenen Jahr beobachteten Wissenschaftler, dass sich das Coronavirus im Sommer schlechter verbreitete - ein saisonaler Effekt. Experten rechnen in diesem Jahr nicht damit.
Experten bezweifeln die Wirksamkeit saisonaler Effekte mit Blick auf die Corona-Mutanten.Quelle: dpa
Geöffnete Gastronomie, Freibadbesuche per Terminbuchung, Open-Air-Veranstaltungen mit Mindestabstand - was derzeit wie ein weit entfernter Traum wirkt, war im vergangenen Sommer mitten in der Corona-Pandemie möglich.

Freiheiten durch niedrige Infektionszahlen

Niedrige Infektionszahlen im Sommer brachten den Menschen in Deutschland ein Stück ihrer Freiheiten zurück. Ein Grund für die niedrigen Zahlen sollen sogenannte saisonale Effekte gewesen sein, meinen Wissenschaftler.

Was sind saisonale Effekte?

Umwelteinflüsse können die Stabilität von Coronaviren beeinflussen. Darüber hinaus könnten Umweltfaktoren auch auf die Aerosole oder Tröpfchen wirken, mit denen das Virus verbreitet werde, sagt die Virologin Stephanie Pfänder von der Ruhr-Universität Bochum. "Auch deren Eigenschaften verändern sich abhängig von den Umweltbedingungen". Sonnenstrahlen etwa - insbesondere UV-Strahlung - schädigen die genetische Information des Virus.

"Ganz grob kann man sagen, dass UV-Strahlung in der Lage ist, das Virus zu inaktivieren, indem die virale Nukleinsäure angegriffen wird", sagt Pfänder. Die Viren seien dann nicht mehr infektiös. Das Wetter beeinflusst auch das Verhalten der Menschen. Im Winter halten wir uns eher in geschlossenen Räumen auf, in der wärmeren Jahreszeit zieht es viele eher ins Freie.

Quelle: dpa

Als saisonale Faktoren gelten in der Wissenschaft unter anderem:
  • Temperatur
  • Luftfeuchte
  • Zustand des Immunsystems
  • UV-Strahlung
  • Verhalten der Bevölkerung
Erwartet uns in diesem Jahr also wieder eine "Pandemie light" aufgrund von saisonalen Effekten? Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer und der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb bezweifeln eine Wiederholung des Sommer-Effekts.
Der Grund seien die Virus-Mutanten aus Großbritannien (B.1.1.7), Brasilien (P.1) und Südafrika (B.1.351), erklären Stürmer und Zeeb im Gespräch mit ZDFheute.
Was man über die aktuellen Corona-Mutanten weiß und was daraus für den Kampf gegen das Virus folgt.

Epidemiologe: "Gewisse Saisonalität" möglich

Zwar werde es eine "gewisse Saisonalität" geben, prognostiziert Zeeb, der am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen arbeitet. "Aber die könnte durch die hohe Infektiosität der Virusvarianten überlaufen werden."
Im Gegensatz zur saisonalen Grippe könne man nicht davon ausgehen, dass sich die Virusvarianten aus warmen Ländern wie Brasilien und Südafrika im Sommer schlechter verbreiteten als im Winter, erklärt Zeeb.
Insofern sollte man da nicht zu viel Hoffnung drauf verwenden, dass man einen deutlichen Effekt sehen wird.
Hajo Zeeb, Epidemiologe

Stürmer: Keine Sommerdelle

Zu einem ähnlichen Schluss kommt der Frankfurter Virologe Martin Stürmer. Aufgrund der Virusvarianten sei nicht davon auszugehen, "dass wir eine Sommerdelle bekommen".
Diese Varianten können sich effektiver verbreiten, das werden sie auch bei warmem Wetter tun. Natürlich auch in Deutschland.
Martin Stürmer, Virologe
Generell dürfe man saisonale Effekte beim Coronavirus nicht überschätzen, warnt Zeeb. "Ohne den Lockdown im vergangenen Frühjahr wären die Zahlen auf keinen Fall so weit runtergegangen."

Auch Drosten stellt Wirkung saisonaler Effekte infrage

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt der Leiter der Virologie an der Berliner Charité, Christian Drosten: "Dass wir 2020 einen so entspannten Sommer hatten, hatte wahrscheinlich damit zu tun, dass unsere Fallzahlen im Frühjahr unter einer kritischen Schwelle geblieben sind. Das ist inzwischen aber nicht mehr so", sagte er im März dem "Spiegel". In Spanien etwa seien im Sommer die Fallzahlen nach einem Lockdown wieder gestiegen - trotz Hitze.
Doch es gibt auch Stimmen, die von der Wirksamkeit saisonaler Effekte beim Coronavirus überzeugt sind. Der Public-Health-Forscher Kai Schulze meint, dass die Verlagerung von Kontakten in Außenbereiche schon dafür ausreichen könnte, den Reproduktionswert des Virus unter den Wert 1 zu drücken.
Schulze zur Saisonalität
Die Experten sind sich also nicht ganz einig. Und obwohl Wissenschaftler Zweifel an der Wirkungskraft von saisonalen Effekten bei Coronavirus-Mutanten haben, macht Virologe Stürmer Hoffnung für den Sommer. "Wenn wir jetzt endlich mal auch von politischer Seite einen vernünftigen Lockdown bekommen werden, dann werden auch die Fallzahlen in Deutschland wieder runtergehen."

Hoffnung auf schönen Sommer bleibt

Dann sei es egal, ob es die britische Variante oder andere seien. Auch diese seien - das hätten Beispiele in Irland und England gezeigt - mit klassischen Regeln wieder in den Griff zu bekommen", erklärt er.
Folgt man Stürmers Einschätzung, könnte der Sommer 2021 also doch noch schön werden.
Quelle: mit Material von dpa

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