: Warum Innovation auf Sparflamme riskant ist

von Madeleine Nissen
27.12.2020 | 17:34 Uhr
Die ersten Start-ups sind pleite, Fördergelder für Innovationen werden knapp und Investoren gehen weniger Risiken ein. Was sind die Folgen nach der Corona-Krise?
In der Corona-Pandemie ist das Risiko privaten Geldgebern oft zu hoch. Die Konsequenz: Viele Förderanträge, aber nur wenige Mittel.Quelle: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa
Die Idee kam auf dem Fahrrad. Mit einem Tuch um Mund und Nase gegen den Kölner Feinstaub. Seit ihrem Umzug aus der Natur in die Stadt rangen Anna und Teresa Müller um Luft. "Unsere Allergie wurde immer schlimmer", erinnert sich Anna. "Wir haben uns dann überlegt, wenn ich mir ein Tuch umbinde, dann kann man das doch auch mit einem Filter versehen und weiterentwickeln."
Das war die Geburtsstunde für ihre transparenten Alltagsmasken, ein Jahr vor Corona. Die Schwestern zerschnitten Plastikflaschen und schweißten sie mit Heißkleber erneut zusammen. Immer wieder. Bis ein Prototyp herauskam, mit dem sie sich für das Gründerstipendium NRW bewarben. 

Ohne staatliche Förderprogramme bleibt Start-ups kaum Spielraum

Mit dem Fördergeld legten Anna und Teresa gleich los. Heute bekommt ihr kleines Unternehmen Clair Aufträge aus staubgeplagten Ländern wie China, Indien und Mexiko. Ohne das Stipendium wäre das für sie kaum denkbar gewesen.
Von der Idee zu einem greifbarem Produkt zu kommen, das ist ja oft der schwierigste Schritt.
Anna, Gründerin eines Start-ups
Zu den staatlichen Programmen gehören Kredite, Beteiligungskapital oder Zuschüsse. Diese zu bekommen ist allerdings inzwischen deutlich schwieriger.

Corona-Effekt: Mehr Förderanträge, aber weniger Geldgeber

Das Problem bringt Klaus Jansen vom Verband Innovativer Unternehmen auf den Punkt:
Die Fördermittel werden knapp, da in Krisenzeiten mehr Anträge gestellt werden.
Klaus Jansen, Verband Innovative Unternehmen
Die höhere Anzahl der Anträge hängt zudem auch mit der sinkenden Bereitschaft privater Geldgeber zusammen, Risiken einzugehen, wenn um sie herum die Wirtschaft einbricht. Im ersten Halbjahr bekamen Start-ups weniger Geld von Investoren. Der Wert der Finanzierungen fiel um 22 Prozent. Thomas Prüver, Partner bei der Beratungsgesellschaft EY, erkennt hier "eindeutig einen Corona-Effekt".
Ob Almondia, Mauz & Wauz oder Lokato, die Liste der Insolvenzen wird immer länger. Der Bundesverband Deutscher Start-ups sieht diese Entwicklung mit Sorge. Inzwischen erwartet Verbandspräsident Christian Miele trotz staatlicher Programme "ein massives Start-up-Sterben".

"Massives Start-up-Sterben" gefährdet auch die Wirtschaft

Das ist eine Gefahr für die Wirtschaft. Dessen ist sich die Politik bewusst. Mit Gründerstipendien und Wandelanleihen hält das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen dagegen. Man stehe vor extremen Herausforderungen, erklärt der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart:
Die digitale Revolution krempelt eine Branche nach der anderen um.
Andreas Pinkwart
"Ganz zu schweigen, von den Herausforderungen, vor die uns die Corona-Pandemie stellt", sagt Pinkwart.
Erfolgreiche Geschäftsmodelle werden plötzlich grundlegend in Frage gestellt, neue entstehen. Die Folgen von Innovationen auf Sparflamme sind nicht nur für die Wirtschaft ganz allgemein spürbar, sondern auch konkret für den Einzelnen. Die Digitalisierung verlangt im Alltag nach Werkzeugen, die es den Menschen ermöglichen, höhere Anforderungen an Flexibilität und Schnelligkeit zu erfüllen.

Jansen: Kürzungen beim Thema Innovation "Sparen am falschen Ende"

Die technischen Erfindungen, die unser Leben verändert haben, kommen bislang aus den USA und Asien. Dabei liefern sich Start-ups und etablierte Unternehmen wie Google ein Wettrennen. Die Konkurrenz ist riesig, wie etwa in der Entwicklung von Quantencomputern. Was hierzulande möglich ist, wenn Projekte finanziert werden, zeigt das Mainzer Start-up Biontech, das einen Impfstoff gegen Corona entwickelt hat.
In der Krise Forschung und Innovation auf die lange Bank zu schieben, hält Klaus Jansen vom Verband Innovativer Unternehmen für "sehr gefährlich". Auch wenn es für Unternehmen angesichts des Wirtschaftseinbruchs verlockend ist, hier den Rotstift anzusetzen. "Das ist am falschen Ende gespart, das wissen wir seit der Finanzkrise", sagt Jansen.
Nach einer Krise kommen neue Bedürfnisse der Menschen hinzu, und auf die müssen Unternehmen sich vorbereiten.
Klaus Jansen, Verband Innovative Unternehmen

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