AstraZeneca unterbricht Impfstoff-Studie

von Tim-Julian Schneider
09.09.2020 | 15:08 Uhr
Der Pharmahersteller AstraZeneca hat nach einer Erkrankung eines Probanden seine Studie zu einem Corona-Impfstoff unterbrochen. Vorsicht sei sinnvoll, betont ein Infektiologe.
Quelle: dpaDer britische Pharmahersteller will erste Untersuchungen des Probanden abwarten.
Nachdem ein Proband nach einer Corona-Impfung mit dem Impfstoff des Pharmaherstellers AstraZeneca erkrankt ist, hat das Unternehmen global Impfungen im Rahmen seiner klinischen Studien zur Überprüfung des Impfstoffs gegen das Coronavirus pausiert.
"Die Studie wurde nicht abgebrochen, sondern es werden als Standard zunächst neue Impfungen ausgesetzt, um die mögliche Nebenwirkung genauer untersuchen zu können", ordnet Bernd Salzberger, Bereichsleiter der Infektiologie des Universitätsklinikums Regensburg, die Entscheidung ein.
"Ernste Sicherheitssignale, vor allem solche, die im zeitlichen Zusammenhang mit Impfungen entweder auftreten oder diskutiert werden, werden sicherlich mit hoher Aufmerksamkeit bedacht", so Salzberger. Das sei auch sinnvoll bei einer Impfung, die wahrscheinlich in vielen Millionen Dosen angewandt wird.

Infektiologe: "Transverse Myelitis" ernstzunehmende Krankheit

Nach Recherchen der New York Times soll es sich bei der Erkrankung des Probanden um "Transverse Myelitis" handeln, was das Unternehmen zunächst nicht bestätigte. Die mögliche Erkrankung hat laut Salzberger häufig schwerwiegende neurologische Symptome wie akute Lähmungserscheinungen oder Gefühlsstörungen.
Auch wenn in vielen Fällen eine solche Myelitis sich vollständig zurückbildet, ist das ein sehr ernstzunehmendes Syndrom.
Bernd Salzberger, Infektiologe
Solche Signale müssten aufgeklärt werden. "Im besten Fall hatte der Proband eine parallele Virusinfektion, die das Krankheitsbild verursacht hat und nicht die Impfung."

WHO mahnt zur Sicherheit bei Impfstoff-Entwicklung

Auch die WHO unterstreicht nach der Unterbrechung der Corona-Impfstoffstudie des Pharmakonzerns AstraZeneca die Sicherheit bei der Entwicklung. Diese stehe an erster Stelle, sagte die leitende Wissenschaftlerin der WHO, Soumya Swaminathan, am Mittwoch.
"Nur weil wir über Geschwindigkeit sprechen ... heißt das nicht, dass wir anfangen, Kompromisse einzugehen oder Abkürzungen zu nehmen." Die Entwicklung eines Impfstoffes müsse weiterhin nach den geltenden Regeln erfolgen. Dabei müsste an erster Stelle dessen Sicherheit geprüft werden.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat sich im ZDF zuversichtlich über die Entwicklung eines Impfstoffs gegen das Coronavirus geäußert. Gleichzeitig mahnt er zur Wachsamkeit.

17.000 Probanden bereits mit Impfstoff von AstraZeneca geimpft

Dieser Fall der möglichen Erkrankung könnte in der seit Ende Mai laufenden kombinierten Phase II/III-Studie des Unternehmens aufgetreten sein, die derzeit im Vereinigten Königreich, in Brasilien und Südafrika läuft. Insgesamt sollen bereits 17.000 Probanden geimpft und eingeschlossen worden sein. Erst Ende August startete das Unternehmen eine Phase-III-Studie in den USA.
US-Präsident Trump deutet an, dass ein Corona-Impfstoff bereits vor der Präsidentschaftswahl zur Verfügung stehen könnte. Die Opposition fordert dagegen mehr Transparenz.
Der britische Pharmakonzern gehört zu den führenden Unternehmen im Rennen um einen Impfstoff gegen das Coronavirus; die Europäische Union, die USA, Großbritannien und weitere Länder haben sich bereits Hunderte Millionen von Dosen des Impfstoffes vorab gesichert.

Wie funktionieren die Covid-19-Impfstoffe?

Die unterschiedlichen Funktionsweisen der Impfstoffkandidaten haben Vor- und Nachteile. Das Ziel ist dasselbe: Eine Immunreaktion gegen das Virus soll provoziert werden, ohne dass eine Infektion stattgefunden hat. Dadurch soll ein längerfristiger Schutz entstehen.
Wie genau die verschiedenen Impfstoffe funktionieren, sehen Sie - einfach erklärt - in einer 3D-Visualisierung.

Was macht den Impfstoff von Biontech besonders?

Biontech und Pfizer setzen wie Curevac, Moderna und NIAID auf einen Covid-19-Impfstoff auf Basis der sogenannten mRNA. Dieser chemische Botenstoff weist Körperzellen an, Proteine zu produzieren, die die äußere Oberfläche des Coronavirus nachahmen. Der Körper erkennt diese virusähnlichen Proteine als Eindringlinge und kann dann eine Immunantwort gegen das eigentliche Virus auslösen. Der Impfstoff wäre der erste seiner Art. Denn zugelassen wurde ein mRNA-Serum noch nie - weder von europäischen noch US-amerikanischen Behörden.

Wer führt die Corona-Studien durch?

Sowohl die Pharmakonzerne selbst als auch private Dienstleistungsunternehmen, sogenannte Auftragsinstitute. Die deutschen Verbraucherzentralen informieren auf Ihrer Webseite, was freiwillige Testpersonen vor einer Teilnahme an einer klinischen Studie beachten sollten.
Quelle: mit Material von dpa und Reuters

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