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Wie mit Corona-Mythen Geld verdient wird

von Nils Metzger
08.04.2020 | 10:53 Uhr
Ein Fitnesscoach veröffentlicht YouTube-Videos über angebliche Corona-Verschwörungen. Und bewirbt Nahrungsergänzungsmittel als Gegenmaßnahme. So funktioniert sein Geschäftsmodell.
Quelle: Screenshot YoutubeScreenshot eines Youtube-Videos von "Coach Cecil" zum Coronavirus.
Cecil Egwuatu war früher deutscher Basketballprofi, dann startete er eine Karriere als Fitnesscoach und Social Media Influencer. Mit kumpelhaften wie reißerischen Botschaften tritt er unter dem Namen "Coach Cecil" auf. Seit 2016 hat er mehr als 450 Videos zu den Themen Sport, Gesundheit und Ernährung auf YouTube veröffentlicht.
Seit knapp einem Monat drängt ein neues Thema hinzu: Mehrmals wöchentlich postet Egwuatu Videos zum Coronavirus, die in der deutschen Szene der Verschwörungstheoretiker auf große Resonanz stoßen. In dieser Zeit haben sich laut dem Social-Media-Tool Socialblade seine wöchentlichen Aufrufzahlen mehr als verdoppelt verglichen mit dem Zeitraum vor der Krise.

YouTube hat sein Video gelöscht

In einem Video von Ende März spricht Egwuatu über eine angebliche Verschwörung von WHO, Bill Gates und führenden deutschen Forschern, um mit Hilfe des Coronavirus die Demokratie abzuschaffen.
YouTube löschte das Video, aber auf einem anderen YouTube-Kanal ist es immer noch abrufbar mit mehr als 700.000 Aufrufen. Zum Verbreiten fordert Egwuatu seine Zuschauer explizit auf: "Teilt sofort das Video, denn es geht hier wirklich um die Demokratie." Die sei in Deutschland "anscheinend nicht mehr gewünscht".
Wie Egwuatu Zahlen und Definitionen verdreht oder bewusst missversteht, hat auch die ZDFheute Corona-Sprechstunde am 1. April recherchiert:
Betrüger und Verschwörungstheoretiker versuchen die Pandemie auszunutzen. Der Faktenchecker Andre Wolf erklärt im ZDFheute-Livestream, wie Sie Corona-Falschinformationen erkennen.

Werbung für Nahrungsergänzungsmittel in jedem Video

Die große Aufmerksamkeit, die seinen Videos zukommt, nutzt Egwuatu, um damit Geld zu verdienen. Am Ende jedes seiner Corona-Videos steht eine rund acht Minuten lange Passage, in der Egwuatu erklärt, wie er sich schützen würde: "Solltet ihr Angst haben, dann blende ich euch jetzt noch (…) die Passage ein, wo ich erkläre, einfach was ich machen würde, um mein Immunsystem zu stärken."
Oder: "Deswegen würde ich natürlich alles machen, dass ich mein eigenes Immunsystem so aufbaue, dass selbst wenn ich diesen Virus bekommen würde, ich nicht zu dem einen Prozent der Menschen gehören würde." Daneben ist im Bild ein rot durchgestrichenes Coronavirus zu sehen.

Egwuatu empfiehlt verschiedene frei erhältliche Nahrungsergänzungsmittel und Vitaminpräparate. Die Verbraucherzentrale weist mit Blick auf das neuartige Coronavirus explizit darauf hin, dass es keine Studien gebe, die eine "Wirksamkeit von bestimmten Pflanzen, Vitaminen, oder Mineralstoffen gegen es beweisen". Nahrungsergänzungsmittel seien Lebensmittel und "nicht zur Prävention, Linderung oder Therapie von Erkrankungen gedacht".

Werbelinks zu Amazon direkt unter den Videos

Praktischerweise verlinkt Egwuatu direkt unter seinen Videos die Produkte auf Amazon, die er für eine Stärkung gegen das Coronavirus empfiehlt - häufig sind es Nahrungsergänzungsmittel seiner eigenen Marke.
An solchen Amazon-Verkäufen verdient Egwuatu dann doppelt: Wenn Fans bei seiner Marke zuschlagen und dann sind all seine Links auf die Amazon-Webseite auch Teil eines sogenannten Affiliate-Programms. Amazon bezahlt Teilnehmern seines Partnerprogramms wie Egwuatu eine Provision, wenn sie Käufer über diese Links in den Amazon-Shop lotsen.

Was sagt Amazon dazu?

Affiliate Marketing ist eine etablierte und lang bekannte Strategie im Onlinemarketing. Doch nutzt Egwuatu dieses System jetzt aus, indem er fragwürdige Behauptungen über Nahrungsergänzungsmittel und ihre Wirkung bei Covid-19-Erkrankung aufstellt?

Amazon teilte auf Anfrage lediglich mit, dass "Teilnehmer am Amazon Partnerprogramm für den Inhalt ihrer Webseite selbst verantwortlich sind". Ihnen sei es aber nicht gestattet, falsche oder irreführende Angaben über Amazon-Produkte zu machen.

Trifft das auch auf Falschinformationen zum Coronavirus zu? "Wir behalten uns das Recht vor, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen – bis hin zum Ausschluss des Partners vom Programm", so ein Amazon-Sprecher.

Was sagt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung dazu?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), ein Fachverband der Ernährungswissenschaft, kritisiert, dass Cecil Egwuatu in seinen Beratungsvideos gleichzeitig Produkte vermarkte: "Der Verkauf von Produkten sollte nie im Fokus stehen. Seriöse Ernährungsberater arbeiten immer produktneutral", sagt eine DGE-Sprecherin.

Als berufliche Qualifikation gibt Egwuatu in einem Vorstellungsvideo nicht näher spezifizierte "Fernstudien im Bereich Ernährung, Sport und Rehabilitation" an. Ernährungsberater und Coach sind in Deutschland keine geschützten Berufsbezeichnungen. Jeder darf sich so nennen.

Es sei für den Zuschauer darum nicht klar ersichtlich, welche offiziell anerkannten Qualifikationen Egwuatu besitze, bemängelt die DGE. "Inhaltlich sind nicht alle seiner Aussagen zu Ernährung verkehrt, aber sie werden teils sehr polemisiert vorgetragen", so die Einschätzung der DGE.

Auf Instagram äußert sich Coach Cecil zu den Vorwürfen

Schriftliche und telefonische Anfragen an Egwuatu wurden nicht beantwortet. Auf Instagram kommentierte er den Vorwurf, er würde sich an der Corona-Krise bereichern wollen, so:
Ich kriege 500 Euro weniger Werbeeinnahmen über YouTube. Ich verkaufe viel weniger Nahrungsergänzungsmittel, als ich könnte. Der Unterschied ist nur, ich entscheide mich für die Wahrheit. Das ist beim Zucker so, das ist bei diesen Lügen so, das ist bei diesen Zahlen so. Das ist genau das Gleiche, was Wodarg macht, das ist genau das Gleiche, was Ehrenmänner machen.
Cecil Egwuatu
Als Coach Cecil bewirbt er weiterhin in jedem Corona-Video auch seine Produkte und Affiliate Links. Je mehr Menschen seine Videos schauen und verbreiten, desto erfolgreicher läuft auch sein Marketing-Business.

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