: Warum über die Drosten-Studie gestritten wird

von Jens Lindner
28.05.2020 | 19:05 Uhr
Eine Studie des Virologen Christian Drosten wird heftig kritisiert - in Zeitungen und in den sozialen Netzwerken. Ist die Studie wirklich so angreifbar - und hat das Folgen?
Christian Drosten steht wegen einer Studie in der Kritik.Quelle: Michael Kappeler/dpa-pool/dpa
So liest sich derzeit ein öffentlich geführter, wissenschaftlicher Zwist zwischen zwei der prominentesten Wissenschaftler Deutschlands:
"Das Beispiel der Charité-Veröffentlichung (…) zeigt, dass mit Schnellschüssen am Ende weder der Politik noch der Wissenschaft gedient ist", schreibt der Biologe Alexander Kekulé heute im Tagesspiegel.
Kekulé kritisiert damit, der Virologe Christian Drosten habe eine ungenügende Datenbasis und falsche Methoden angewandt
"Kekulé macht Stimmung. Seine Darstellung ist tendenziös", antwortet der Virologe Drosten auf Twitter.

Die "Bild"-Zeitung fachte Debatte noch mal an

Diese Auseinandersetzung findet statt, nachdem am Montag die "Bild"-Zeitung die Vorveröffentlichung eines Forscherteams um Christian Drosten stark kritisiert hatte.
In dieser Veröffentlichung geht es darum, dass Kinder in der Corona-Pandemie in verschiedenen Altersgruppen genauso ansteckend sein könnten wie Erwachsene. Drosten warnte deshalb, Kitas und Schulen wieder uneingeschränkt zu öffnen.

Warum ist die Studie von Drosten so umstritten?

Eigentlich hat das Team um Christian Drosten Ende April keine wissenschaftliche Studie veröffentlicht, sondern eine Vorveröffentlichung, ein "Preprint". In der Wissenschaft ist das üblich: Eine noch nicht abgeschlossene Studie wird veröffentlicht, die Autoren bitten in Fachkreisen um Hinweise, Meinungen, Verbesserungsvorschläge.
Die Studie von Christian Drosten ist in einer Gemengelage entstanden, in der Öffentlichkeit und Politik schnell belastbare Studien eingefordert haben.
Das sagt Markus Lehmkuhl, Professor für Wissenschaftskommunikation am Karlsruher Institut für Technologie. Er sagt auch: "Eine schnell erarbeitete Studie kann keine perfekte Datenbasis haben. Sie ist aber immerhin besser, als gar keine Studie zu haben".

Die Digitalisierung hat den Diskurs verändert

Ähnlich sieht es auch Volker Stollorz vom "science media center germany": "Das ist eine quick-and-dirty-Studie".
Stollorz berät Wissenschaftsjournalisten bei ihrer Arbeit und weist immer wieder darauf hin, wie sehr die Digitalisierung den wissenschaftlichen Diskurs verändert hat, weil der schneller funktioniert und jeder überall auf wissenschaftliche Veröffentlichungen zugreifen kann. Er sagt, es herrsche echte Unsicherheit:
Die Corona-Pandemie beschleunigt das zusätzlich, weil Handlungsdruck besteht. Und auch deshalb fällt die Kritik an Drosten so heftig aus.

Am ehesten ist Drosten beschädigt

Gibt es nun einen Beschädigten in der aktuellen Diskussion? Am allerehesten Christian Drosten, meint Markus Lehmkuhl: "Die Glaubwürdigkeit von Drosten wird angegriffen, sowohl von der "Bild"-Zeitung als auch von Alexander Kekulé". Dabei sei Drosten einer der weltweit anerkanntesten Virologen.
In der Corona-Krise stehen Virologen im Rampenlicht. Sie erfahren so viel Aufmerksamkeit wie kaum zuvor. Und mit der Aufmerksamkeit kommt der Hass.
Volker Stollorz glaubt nicht, dass seine Reputation in der Wissenschaft leidet, allerdings hält er es für keine kluge Strategie für Forschende, auf Kontroversen emotional zu reagieren – so wie es Drosten teils auf Twitter tut:
Das Publikum stört es, wenn sich Wissenschaftler emotional auseinandersetzen.
Das kratze am Image der Wissenschaft als fachliche, integre und unabhängige Instanz, in der es um Argumente und nicht gefühlte Wahrheiten geht. Dieses Image, auch da sind sich beide einig, ist bis jetzt jedenfalls noch nicht angekratzt.
Mit Material von dpa

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