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Auf welche Mythen Hildmann zurückgreift

von Katja Belousova
19.06.2020 | 21:42 Uhr
Vom TV-Koch zum Verschwörungsmythologen: In der Coronakrise macht Attila Hildmann mit kruden Thesen von sich reden, die antisemitisch und längst widerlegt sind.
Quelle: dpaAttila Hildmann (vorne), spricht bei einer Demonstration gegen die Corona-Politik der Bundesregierung am Bundeskanzleramt.
Scharmützel mit der Polizei vor Berliner Imbissen und verbale Attacken gegen Journalisten, denen sein veganer Burger nicht schmeckte: Für Leser von Boulevard-Nachrichten ist Attila Hildmann längst kein Unbekannter.
Doch es geht noch eine Eskalationsstufe weiter: In den vergangenen Wochen ist aus dem veganen TV-Koch ein echter Wutbürger geworden. Regelmäßig gerät er bei sogenannten "Hygiene-Demos" mit der Polizei aneinander, wurde sogar schon kurzzeitig festgenommen.
Rechte kapern Hygiene-Demos

Brandenburgs Staatsschutz prüft Hildmann

Auf seinen Social-Media-Kanälen verbreitet er gleichzeitig Verschwörungserzählungen zum Coronavirus und antisemitische Parolen, vor allem auf Telegram. Seine Feinde: Bill Gates, Angela Merkel oder George Soros. Seine Freunde: Xavier Naidoo und seine Follower, die er als "Patrioten, Demokraten und deutsche Nationalisten" bezeichnet.
Nach zahlreichen eingegangenen Hinweisen werden Hildmanns Aussagen nun vom Staatsschutz des Landeskriminalamts Brandenburg geprüft, wie die Polizei am Freitag auf Twitter erklärte:

Hildmann, Hitler und die Angst vor der neuen Weltordnung

Der Twitter-Account von "Anonymus Germany" hat Hildmanns Telegram-Kanal mit über 63.000 Abonnenten infiltriert und veröffentlicht regelmäßig, was der Koch dort von sich gibt. So feiert Hildmann Adolf Hitler und ist überzeugt davon, in einem "kommunistisch-zionistischen" Regime zu leben, das das Coronavirus zum Anlass nimmt, um die Freiheit der Bürger zu beschränken.
Er glaubt, dass unser Trinkwasser mit Beruhigungsmitteln angereichert ist, schwadroniert von Chemtrails. Für den 15. Mai kündigte Hildmann sogar das Ende der Demokratie und den Beginn einer "neuen Weltordnung" an. Es geschah: nichts.
Ob auf Facebook, Telegram oder Youtube: In seinen Erzählungen greift Hildmann dabei regelmäßig auf einige altbekannte Verschwörungserzählungen zurück, die seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten im Umlauf sind - und immer wieder aufgegriffen werden, wenn es um das Thema Judentum, Impfungen oder Bill Gates geht.

"Das Protokoll der Weisen von Zion"

Auf Telegram verweist Hildmann als Leseempfehlung auf das "Protokoll der Weisen von Zion" - ein dubioses Dokument, das von Antisemiten bereits ein ganzes Jahrhundert lang bemüht wird, um eine angebliche "jüdische Weltverschwörung" zu beweisen.
Auf den Spuren berühmter Verschwörungstheorien der Moderne
Die sogenannten Protokolle sind eine Fälschung und sollen ein Treffen jüdischer Anführer dokumentieren, die beschlossen hätten, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Der Verschwörungstheorienforscher Michael Butter schreibt dazu in seinem Buch "Nichts ist wie es scheint“:
Fest steht, dass es 1903 in einer obskuren russischen Zeitung veröffentlicht wurde, das es sich in weiten Teilen um ein Plagiat handelt, das auf deutsche und französische Texte rekurriert, die bereits in den Jahrzehnten zuvor zirkulierten.
Michael Butter

Die Chips und die Impfungen

Impfgegner bringen immer wieder das alte Argument auf, dass Menschen bei Impfungen in Wahrheit Chips zur Überwachung transplantiert werden sollen - auch Attila Hildmann glaubt daran. Doch die Behauptung ist nicht haltbar: Zwar wird tatsächlich daran geforscht, wie Digitalisierung bei Impfungen eingesetzt werden kann, um etwa frühzeitig gewarnt zu werden, wann der Schutz ausläuft: Von Mikrochips oder anderen Objekten, die Menschen implantiert werden, ist keine Rede.

Sind Masken medizinisch haltlos?

Diese Behauptung stellt Hildmann in seinem Video "Mein Kampf" (ja, wie das Hitler-Buch) auf. Obwohl zu Beginn der Corona-Pandemie tatsächlich viel Unklarheit zum Thema Masken herrschte, haben Forscher in den vergangenen Monaten festgestellt: Masken schützen den Träger zwar nicht unbedingt vor Ansteckungen, sorgen aber dafür, dass beim Reden oder Niesen weniger Tröpfchen abgegeben werden - und könnten somit andere schützen.

Das Corona-Feindbild Bill Gates

Für die meisten Corona-Verschwörungserzähler ist Bill Gates der Mastermind, der hinter der Coronakrise steckt und damit Geld verdient. Der Grund für die Anschuldigungen: Mit seiner Stiftung ist der Milliardär etwa in die Entwicklung von Corona-Impfstoffen involviert - und ist mit etwa zwölf Prozent zweitgrößter Geldgeber der WHO. Von Kontrolle kann hier keine Rede sein. Die Anfeindungen von Hildmann und Co. dienen vor allem einem Zweck: Ein Feindbild zu installieren, ohne das keine Verschwörungserzählung auskommt.
Immer wieder steht Bill Gates im Zentrum von Verschwörungstheorien. Kritiker werfen ihm wegen der Unterstützung von Impfkampagnen verborgenen Eigennutz für Geschäftsinteressen vor.

Fazit

Hildmann bedient sich der klassischen Hilfsmittel eines Verschwörungsmythologen: Er sucht sich die üblichen Feindbilder, verbreitet unbelegte Thesen und greift zu antisemitischen Erzählungen. Vor allem letztere gilt es für den brandenburgischen Staatsschutz nun genau zu prüfen.

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