Welche Orte Corona-Ausbreitungen befördern

von Katja Belousova
18.06.2020 | 21:46 Uhr
Nach Ausbrüchen in Hochhäusern und Schlachthöfen ist eine Debatte um Corona-Hotspots entstanden. Welche räumlichen Faktoren begünstigen eine Ausbreitung? Ein Überblick.
Ein Hauptübertragungsweg des Coronavirus sind Aerosole: Diese sind so fein, dass sie selbst durch Masken durchgehen.Quelle: picture alliance/imageBROKER
Hochhauskomplexe in Göttingen, Schlachthöfe in Gütersloh: Immer wieder wird von sogenannten Corona-Hotspots berichtet, in denen es zu massenhaften Infektionen kommt. In den Wohnkomplexen wurde die Ausbreitung etwa durch nicht eingehaltene Abstandsregeln, aber auch zu viele Menschen, die auf zu engem Raum lebten, befördert.
In den Schlachtbetrieben wirkten sich neben den Sammelunterkünften, in denen viele der Arbeiter auf engstem Raum wohnen, wohl auch kühle Temperatur günstig auf das Infektionsgeschehen aus.
Im Kreis Gütersloh wurden fast 700 Mitarbeiter der Fleischfabrik Tönnies positiv auf das Coronavirus getestet. Die lokalen Schulen und Kitas bleiben nun vorerst geschlossen.
Welche räumlichen Faktoren begünstigen also eine Ausbreitung? Ein Überblick.

Was sind noch einmal Aerosole?

Eine wichtige Rolle bei der Infektion mit dem neuartigen Coronavirus spielen nach Einschätzung von Experten sogenannte Aerosole. Das sind sehr kleine Schwebeteilchen, in denen sich das Virus befinden kann. Anders als Tröpfchen, die zu Boden fallen, können die kleineren und leichteren Aerosole noch längere Zeit in der Luft stehen und ansteckend sein.
Aerosole - winzige, unsichtbare Partikel. Wie gefährlich sind sie? Wie groß ist ihr Anteil an der Verbreitung der Coronaviren? Ein großangelegter Versuch will Klarheit bringen.

Warum ist Corona-Risiko in Innenräumen größer als draußen?

In geschlossenen und engen Räumen können sich in der Luft schwebende Aerosole besonders gut verteilen, heißt es etwa vom Robert-Koch-Institut. Wichtig ist es daher, Räume regelmäßig zu lüften, damit es einen Luftaustausch geben kann.
Solange man die Abstandsregeln wahre, sei eine Übertragungswahrscheinlichkeit im Freien hingegen sehr gering, so das RKI. Erste Untersuchungen der weltweiten Corona-Fälle deuten darauf hin, dass es bislang überwiegend in Innenräumen zu Corona-Übertragungen gekommen ist.
Aktuell wirkt sich - zumindest auf der Nordhalbkugel - ein weiterer Faktor positiv auf den Übertragungsweg im Freien aus: das warme Klima. Vermutungen von Forschern legen nahe, dass Speicheltröpfchen, durch die das Virus weitergegeben wird, bei kaltem Wetter länger in der Luft bleiben und das Immunsystem durch Kälte geschwächt wird.

Wie gefährlich sind öffentliche Toiletten?

Eine chinesische Studie ist zu dem Schluss gekommen, dass Aerosole auch durch Spülgänge auf der Toilette übertragen werden können. Denn dabei könnten Wirbel erzeugt werden, die sich in Form von Aerosol-Wolken über der Schüssel fortsetzen - bis auf eine Höhe von knapp einem Meter, wo sie eingeatmet werden oder sich auf Oberflächen absetzen könnten.
Man kann davon ausgehen, dass diese Geschwindigkeit noch höher ist, wenn eine Toilette häufig benutzt wird, so etwa bei einer Familientoilette oder einer öffentlichen Toilette in einem dicht besiedelten Raum.
Ji-Xiang Wang, Co-Autor der Studie
Das Virus konnte bereits im Magen-Darm-Trakt und Stuhl von Menschen nachgewiesen werden: In den allermeisten Fällen wurde aber nur totes Virenmaterial ausgeschieden, das nicht ansteckend ist. Die Gefahr durch Klospülungen ist also vergleichsweise gering.
So oder so, für das Kloproblem gibt es - zumindest in privaten Haushalten - oft eine einfache Lösung: den Klodeckel vor dem Spülen zu schließen.

Was ist mit Klimaanlagen und dem Coronavirus?

Eine Studie, die das Virusgeschehen in einem fensterlosen, chinesischen Restaurant untersuchte, kam zu dem Ergebnis, dass Klimaanlagen eine Übertragung durchaus fördern können. Laut Umweltbundesamt bestehe aber kein Risiko, wenn die Luftführung konsequent getrennt voneinander erfolgt. Wichtig sei eine regelmäßige Wartung und Kontrolle.
Flugzeugbauer verweisen darauf, dass ihre Klimaanlagen grundsätzlich gegen Viren gewappnet seien. Sie verweisen auf Schwebstofffilter (Hepa-Filter) in den Klimaanlagen, die 99,97 Prozent der Aerosole herausfilterten und in allen Flugzeugen Standard seien.
Welche Corona-Regeln wo gelten - Tipps für heimische Urlaubsregionen
Die Deutsche Bahn hat keine solche Hepa-Filter. Solange die Klimaanlage in den Zügen funktioniert, ist das Übertragungsrisiko aber geringer, als wenn die Luft stehen würde. Ein Bahn-Sprecher erklärte auf Nachfrage der Nachrichtenagentur dpa:
Eine Übertragung solcher Tröpfchen über die Klimaanlagen eines Zuges ist aufgrund der sehr langen Lüftungswege, der Trocknung der Luft und der vorhandenen Filter äußerst unwahrscheinlich.
Zur Frage der Aerosole machte das Unternehmen bisher keine Angaben.
Entscheidend ist bei Zug- und Bahnfahrten aktuell aber vor allem eines: Dass - neben einer Maskenpflicht - die notwendigen Abstände zwischen den Passagieren eingehalten werden, um das Risiko einer Übertragung zu verringern.
Quelle: mit Material von dpa, AFP

Mehr Informationen zu Covid-19

Aktuelles zur Coronavirus-Krise