Warum die Zahl der Infektionen wichtig bleibt

von Katja Belousova
23.09.2020 | 16:46 Uhr
Wird die Corona-Pandemie auf die Zahl der Neuinfektionen verengt? Diese verrät nur bedingt etwas über das Ausmaß der Lage. Sie zu erfassen, bleibt aber außerordentlich wichtig.
Quelle: ZDF/dpaDie Zahl der Corona-Infizierten in Deutschland steigt wieder. Doch wie viel sagt das über die Pandemie aus?
Wie sinnvoll ist es, bei der Bewertung der Coronavirus-Pandemie vor allem auf die Zahl der Neuinfektionen zu schauen? Diese Frage ist ins Zentrum der aktuellen Corona-Debatte gerückt. Befeuert wird sie durch den Bonner Virologen Hendrick Streeck.
In einem Interview mit der "Welt am Sonntag" erklärte er: "Wir dürfen uns bei der Bewertung der Situation nicht allein auf die reinen Infektionszahlen beschränken." Walter Plassmann, Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg, stimmt dem zu. Im Gespräch mit "Focus Online" forderte er: "Wir müssen uns von dieser vollkommenen Fixierung auf Infektionszahlen lösen."
Ob es diese "Fixierung" tatsächlich so gibt, ist eine Frage für sich. "Die Leute, die näher am Inhalt dran sind, die machen das gar nicht, die schauen gar nicht auf die reinen Zahlen der gemeldeten Infektionen. Die schauen natürlich auf zusätzliche Parameter“, gab der Berliner Virologe Christian Drosten im NDR-Podcast zu bedenken.

Zahl der Corona-Neuinfektionen sagt nichts über Schwere

Was aber - trotz Drostens Einwand - außer Frage steht: Seit Ausbruch der Pandemie gilt die Zahl der Neuinfektionen zumindest für viele Nicht-Mediziner als wichtige Richtlinie und spielt in der allgemeinen Berichterstattung rund um die Pandemie eine prominentere Rolle als viele andere Parameter.
Sie sagt aber wenig darüber aus, wie viele infizierte Menschen auch tatsächlich an Covid-19 erkranken oder wie schwer ihr Krankheitsverlauf ist. Die Zahl der Corona-Toten bleibt in Deutschland aktuell zum Beispiel vergleichsweise überschaubar.

Erkrankungszahl vs. Corona-Infektionszahl

Dass die reine Zahl der Infektionen nur wenig darüber aussagt, wie viele dieser Infektionen auch klinisch relevant sind, sieht auch der Heidelberger Virologe Ralf Bartenschlager so. "Das ist aber wichtig, wenn es darum geht, entsprechende Kapazitäten in Krankenhäusern vorzuhalten. Hierfür ist die Erfassung der Erkrankungszahl wichtiger als die Infektionszahlen", sagt er im Gespräch mit ZDFheute.
Aktuell sehen wir, dass die Zahl an Neuinfektionen deutlich mehr ansteigt als die Zahl an Patienten, die stationär in der Klinik aufgenommen werden müssen.
Ralf Bartenschlager
Auch Streeck fordert vermehrt auf die stationäre und intensivmedizinische Belegung in Krankenhäusern zu schauen. Als weiteren wichtigen Parameter nennt er "die Anzahl der Tests, die es braucht, einen Corona-positiven Menschen zu finden". Damit gemeint ist die Frage, wie hoch die Positivquote unter allen Corona-Tests ist. Denn die Zahl der Neuinfektionen steigt aktuell auch dadurch, dass mehr getestet wird als noch etwa im Frühjahr.

Was bringt der Blick auf den Ct-Wert?

Ein weiterer Parameter, der in dieser Debatte fällt, ist der Ct-Wert. Dieser gibt an, wie viele Durchläufe es beim PCR-Test braucht, bis das neuartige Coronavirus in einer Probe identifiziert werden kann. Deshalb nehmen Experten an: Je höher der Ct-Wert, desto geringer ist die Viruslast beim jeweiligen Patienten. Und je geringer die Viruslast, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, jemanden anzustecken.
Corona-Schnelltests könnten zwar nicht allein zu Hause durchgeführt werden, aber in deutlich einfacheren Testzentren wie Schulen oder Pflegeheimen.
Würde man den Fokus also auch auf den Ct-Wert legen, dann wüssten Infizierte, wie ansteckend sie tatsächlich noch sind. Das Problem hierbei ist aber: Eine einheitliche Erfassung des Ct-Werts ist aktuell nicht möglich.
"Da fehlen schlichtweg noch die entsprechenden Standards", sagt der Frankfurter Virologe Martin Stürmer. Mit Blick auf den Wert gebe es bislang kein einheitliches Vorgehen der Labors - zudem kann der Wert durch einen schlecht abgenommenen Abstrich verfälscht werden.
Der Ct-Wert ist nichts, was man gut vergleichen kann - da fehlt die Standardisierung.
Martin Stürmer

Neuinfektionen und der Schweregrad der Erkrankung wichtig

Um das Ausmaß der Corona-Pandemie zu erfassen, braucht es also verschiedene Werte. In der aktuellen Debatte geht es aber keinesfalls um ein "Entweder/Oder", sondern um ein "Sowohl/Als auch". Denn auch der Blick auf die Neuinfektionen bleibt wichtig.
"Die Zahl der Infektionen und die Erfassung der Örtlichkeit gibt uns ein Bild über das aktuelle Infektionsgeschehen im Land und wird helfen, frühzeitig neue Cluster zu erkennen", erklärt Bartenschlager. Es müsse eben beides gleichberechtigt erfasst werden, die Neuinfektionen und der Schweregrad der Erkrankung.

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