"Jetzt sind wir total überlaufen"

07.11.2020 | 16:03 Uhr
Applaus war gestern, heute spüre sie Wut und Skepsis in der Bevölkerung, berichtet eine Covid-Pflegekraft. Wie sich erste und zweite Welle unterscheiden.
Quelle: epaMedizinische Fachkraft in Schutzkleidung.
Deutschland befindet sich inmitten der zweiten Welle. Es ist viel mehr über das Coronavirus bekannt als noch am Anfang des Jahres.
Doch einige Menschen scheinen in gewisser Weise abgestumpft oder "corona-müde" geworden zu sein. Die Intensivpflegerin Carolin von Ritter-Zahony bekommt das im Beruf, aber auch privat zu spüren, wie sie im ZDF-heute-Interview erzählt.
ZDFheute: Wie sieht es derzeit auf der Covid-Intensivstation bei Ihnen aus?
Ritter-Zahony: Vergangene Woche war es noch sehr ruhig bei uns. Jetzt sind wir total überlaufen, um es mal platt zu sagen. Derzeit liegen bei uns sechs Patienten, von denen vier beatmet werden müssen. Zwei weitere sind zur Aufnahme angemeldet.
ZDFheute: Wieso befinden wir uns Ihrer Meinung nach so massiv in dieser zweiten Welle?
Ritter-Zahony: Die Bereitschaft, sich ein bisschen im Alltag zurückzuhalten, hat einfach abgenommen und diesen Lockdown provoziert. Das ist natürlich kein angenehmer Weg, den man jetzt gehen muss.
Aber Letzten Endes sind wir alle selbst dran schuld. Die Zahlen sind verheerend.
Und klar, das tut jetzt vielen Leuten extrem weh. Aber da sind halt genau die Leute dran schuld, die immer laut schreien: meine Freiheit!

Carolin von Ritter-Zahony...

Carolin von Ritter-Zahony (34) ist Fachpflegekraft für Intensivpflege und Anästhesie und Stationsleiterin der Covid-Intensivstation im Klinikum rechts der IsarQuelle: Rechts der Isar
... ist Fachpflegekraft für Intensivpflege und Anästhesie. Die 34-Jährige leitet die Covid-Intensivstation im Klinikum rechts der Isar in München.
ZDFheute: Was belastet Sie an der jetzigen Situation am meisten?
Ritter-Zahony: Es sind sicherlich die Corona-Leugner. Die Menschen, die keinerlei Verständnis und Solidaritätsgefühl haben.
Ich habe tatsächlich schon ein bisschen Angst vor der kommenden Zeit.
In der ersten Welle hat das alles gut funktioniert, weil die Resonanz gut war. Ich befürchte leider, dass es diesmal nicht so laufen wird, weil die Akzeptanz in der Bevölkerung nicht mehr so da ist und das macht einem zu schaffen.
Und weil letztlich auch nichts passiert ist, was der Pflege irgendwie gutgetan hätte. Und ich merke meinen Mitarbeitern an, dass das an ihren Nerven zerrt.
Die Zahl der Covid19-Patienten auf Intensivstationen steigt. Und es fehlt vor allem eins: Personal.
ZDFheute: Das heißt, Sie alle spüren, wie die Dankbarkeit und Wertschätzung in der Bevölkerung abgeebbt ist?
Ritter-Zahony: Tatsächlich ist das zum Teil so, ja. Ich hatte letztens eine ganz schlimme Taxifahrt. Ich hatte eine Maske auf und der Taxifahrer sprach mich darauf an, mit den Worten: Corona gibt’s ja eh nicht. Ich wollte mich dann eigentlich gar nicht auf das Gespräch einlassen. Der Fahrer fragte mich, ob ich auch eine derjenigen wäre, die Intensivpflegerin sei. Ja, das seien ja mittlerweile alle, die gehört werden wollen.
Und von diesen Situationen gibt es leider mehrere. Man wird teilweise als Arbeitskraft in der Pflege als nervig angesehen. Es kommt immer durch: Ihr verdient doch gut, stellt euch doch nicht so an! Und das hört man natürlich ungern, weil man den ganzen Tag so viel gibt. Während der ersten Welle war die Dankbarkeit allen Berufsgruppen gegenüber sehr groß, jetzt ist das Verständnis einfach oft weg.
Die 28-Jährige Nina Böhmer arbeitet in der Pflege und fordert mehr Unterstützung im Kampf für bessere Arbeitsbedingung.
ZDFheute: Was unterscheidet denn diese Situation jetzt von der ersten Welle?
Ritter-Zahony: In der ersten Welle konnten wir extrem schnell – innerhalb von Stunden – Personal akquirieren, dass wir wirklich aus jeder Ecke des Klinikums gezogen haben. Und die Leute wollten auch wirklich helfen.
Wir hatten Massen an Studenten, die uns unterstützt haben. Davon ist jetzt überhaupt nicht mehr die Rede.
Sie sagen jetzt, dass sie nicht unbedingt noch mal auf die Covid-Station wollen. Ich gehe davon aus, dass wir sehr am Limit kratzen werden. Der Winter wird kommen, auch unser Personal wird krank werden. Ich rechne mit einem hohen Ausfall.
Intensivpflegekräfte müssten bei einer möglichen Krankenhausüberlastung bürokratisch entlastet werden, fordert Susanne Johna, Vorsitzende des Marburger Bundes.
ZDFheute: Hat sich denn im Arbeitsalltag mit den Patienten etwas im Vergleich zur ersten Welle verändert?
Ritter-Zahony: Dadurch, dass viele Patienten auch wach sind, haben wir mehr Ein- und Ausschleusungsprozesse als vorher. Man kann die Arbeit jetzt weniger planen als bei Komapatienten. Die Patienten können nun ihre Wünsche und Bedürfnisse zum Ausdruck bringen. Das ist natürlich viel, viel schöner, aber eben auch deutlich weniger planbar.
Es klingelt jetzt natürlich auch mal jemand und hat Angst, muss dann intensiver betreut werden – von emotionaler Seite her.
Jeder, der jetzt Corona hört, der hat natürlich jetzt erstmal Angst.
Die Patienten vergessen die Bilder aus Bergamo nicht, die Sargtransporte. Und die wissen ja auch, was in der ersten Welle passiert ist, wie viele Leute da gestorben sind. Die Menschen haben einfach Angst. Man muss natürlich auch den fehlenden Besuch ersetzen bzw. kompensieren. Und das ist maßgeblich unser Job.
Das Interview führte Julia Lösch.

Die Situation auf den Intensivstationen

Beatmungsgeräte, Desinfektion und Masken – davon gibt es in den Krankenhäusern mittlerweile genug. Allerdings fehlt es mehr denn je an medizinischen Angestellten. Die Zahl der Intensivpatienten auf den Covid-Stationen steigt. Ein Großteil des Klinikpersonals arbeite schon jetzt am Rande der Belastungsfähigkeit. Dabei geht Gesundheitsminister Jens Spahn davon aus, dass wir den Höhepunkt der zweiten Welle noch nicht erreicht haben. 

Mangel an Personal

Sorgen macht den Kliniken vor allem der Personalmangel: In Deutschland fehlen schätzungsweise rund 4.000 Intensivpflegekräfte – durch Corona sind zudem nicht alle einsatzfähig. Laut einer Umfrage der „Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) glauben 97 Prozent der 1.100 befragten Krankenhausmitarbeiter nicht, dass genügend Intensivpflegekräfte zur Verfügung stünden. 93 Prozent befürchten gar eine zunehmende Verschlechterung der Arbeitsbedingungen in der nächsten Zeit.

Die Sorge vor der Triage

Zudem warnen Experten wie der Virologe Christian Drosten vor einer sogenannten Triage, also der Einteilung der Covid-Patienten in Kategorien wie Schwere der Erkrankung oder Überlebenschancen. Mediziner wollen um jeden Preis vermeiden, dass sie bald entscheiden müssen, wem sie noch helfen können und wem nicht.

Die Forderung

Der DIVI-Präsident Uwe Janssens fordert daher den schnellstmöglichen Ausstieg aus dem Krankenhaus-Regelbetrieb. Heißt: wie bereits während der ersten Welle im Frühjahr nicht zwangsläufig notwendige Eingriffe und Operationen zu verschieben, um das Personal und Ressourcen für Covid-Patienten bereitzustellen. Janssens fordert für damit verbundene finanzielle Ausfälle Kompensationen vom Staat.

Autorin: Julia Lösch, Stand: November 2020

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