: Darum leiden junge Menschen jetzt besonders

14.04.2020 | 10:59 Uhr
Keine Schule, kein Tagesrhythmus, keine Freunde: Die Corona-Krise ist Gift für viele Kinder und Jugendliche. Fragen dazu an einen Psychologen.
Kinder sind durch die Corona-Krise psychisch besonders gefährdet. Quelle: imago
ZDFheute: Seit Wochen keine Schule und endlos Zeit zum Zocken und Chillen: Eigentlich könnte man vermuten, dass für viele Jugendliche da ein Traum in Erfüllung gegangen ist. Aber tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass Jugendliche gerade sehr gelangweilt und oft auch unglücklich sind. Woran liegt das?
Julian Schmitz: Das ist richtig, und genau das nehmen wir Psychologen aktuell in unserer Arbeit wahr. Viele Jugendliche und Kinder empfinden diese Zeit ohne Betreuung oder Schule als belastend.

Julian Schmitz...

...ist Professor für klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Universität Leipzig. Dort leitet er auch die Psychotherapeutische Hochschulambulanz für Kinder und Jugendliche.
Ihnen fehlen die gewohnte Tagesstruktur und natürlich auch ihre Freunde. Beides ist für die psychische Gesundheit sehr wichtig. Diese Situation stellt schon Gesunde vor große Herausforderungen - und diejenigen, die ohnehin bereits eine psychische Erkrankung haben, leiden um so mehr.
ZDFheute: An welche Vorerkrankungen denken Sie da?
Schmitz: Die ganze Bandbreite. Von Schlaf- und Konzentrationsstörungen über ADHS bis zu Traurigkeit, Depressionen und Angst.
ZDFheute: Wie viele Kinder und Jugendliche waren davon denn bereits vor Corona betroffen?
Schmitz: Wir gehen davon aus, dass etwa 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter einer behandlungsbedürftigen Erkrankung leiden. Und gerade für viele mittelgradig Erkrankte besteht meiner Meinung nach derzeit die Gefahr, in schwerere Erkrankungen zu rutschen.
ZDFheute: Alles nur, weil die Schulen geschlossen haben?
Schmitz: Auch deshalb. Fehlende soziale Kontakte, Mangel an Tagesrhythmus, das spielt da alles mit rein. Aber auch weil die ambulante und stationäre Versorgung für psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche stark eingeschränkt ist.
Aus der natürlich verständlichen Sorge um Infektionen sind viele Einrichtungen geschlossen. Bei den Therapieangeboten in Praxen sehen wir einen Rückgang um die Hälfte - und gleichzeitig eine sehr hohe psychische Belastung bei den Betroffenen. Angebot und Bedarf passen gerade gar nicht zusammen.
ZDFheute: Wie könnte ein Ausweg aus der Situation aussehen?
Schmitz: Eine Möglichkeit könnte sein, die derzeit sehr restriktiv gehaltene Betreuung in Schulen auch für psychisch vorerkrankte Kinder und Jugendliche zu öffnen.
Wir von der Deutschen Gesellschaft für Psychologie haben uns deshalb jetzt gemeinsam mit dem Kinderschutzbund an die Landesregierungen gewandt, damit vorerkrankte Kinder und Jugendliche diese Möglichkeit der Betreuung bekommen - und auch solche, deren Eltern psychisch krank sind. In solchen Familien steigt mit der permanenten Enge auch das Risiko von Gewalt.
Alle müssen Zuhause bleiben: Für manche Kinder kann das Gewalt und Vernachlässigung bedeuten, befürchten Sozialarbeiter. Fast alle sozialen Angebote mussten eingestellt werden. Die Gewalt wird zunehmen, zeigen bereits Zahlen aus anderen Ländern.
ZDFheute: Noch einmal zum gelangweilten, vielleicht frustrierten Durchschnittsjugendlichen: Läuft der auch Gefahr, ernsthaft langfristig unter der aktuellen Situation zu leiden?
Schmitz: Natürlich kann man auch als psychisch Gesunder in eine Krise kommen. So eine anhaltende Kontaktsperre hat nicht nur ökonomische Auswirkungen, sondern beeinflusst auch die psychische Gesundheit negativ.
Die Mehrzahl wird da sicherlich gesund herauskommen. Aber man kann davon ausgehen, dass vielleicht fünf Prozent im Zuge von Corona eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung bekommen - alles neue Patienten in einem System, das schon vorher stark überlastet war.
ZDFheute: Wie kann man als Eltern dabei helfen, dass dies erst gar nicht geschieht?
Schmitz: Wichtige Punkte sind da sicherlich Regelmäßigkeit, Tagesstruktur, Hilfe bei der Organisation aller schulischen Aufgaben. Gemeinsam auch mal rausgehen. Soziale Kontakte über digitale Möglichkeiten pflegen. Und auch Möglichkeiten innerhalb der Familie finden, sich gegenseitig zu entlasten.
Das Interview führte Christian Thomann-Busse.

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