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Das ist der aktuelle Wissensstand zu Kindern

von Katja Belousova
04.05.2020 | 07:55 Uhr
Wie sehr begünstigen Schulen und Kitas eine Ausbreitung von Sars-Cov-2? Und wie infektiös sind die jüngsten Bürger? Ein Blick auf die Faktenlage zu Kindern und dem Coronavirus.
Virus-Experten haben untersucht, ob auch Kinder ansteckend sind, wenn sie das Coronavirus haben. logo! erklärt euch, was dabei herausgekommen ist.
Nichts sehnen sich viele Eltern aktuell mehr herbei, als ihre Kinder wieder in Schulen und Kitas schicken zu können. Wochenlanges Homeschooling und die Betreuung von Kleinkindern stellen vor allem Berufstätige vor große Herausforderungen.
Zumindest Abschlussklassen kehren nun schrittweise zurück in den Unterricht. In den Kitas soll die Notbetreuung ausgebaut werden, um nicht nur Eltern in systemrelevanten Berufen, sondern auch Alleinerziehende zu entlasten.
Bundesfamilienministerin Giffey sprach sich in der ZDF-Sendung "maybrit illner" für lokale Bewertungen zur Wiederaufnahme des Unterrichts aus.
Bei allem Verständnis für die Lage der Eltern stellt sich angesichts der Lockerungen aber eine zentrale Frage: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass das neuartige Coronavirus sich durch Schul- und Kitaöffnungen weiter ausbreitet?
Um diese Frage zu beantworten, hat sich ZDFheuteCheck angesehen, welche Fakten Studien und Wissenschaft zum Coronavirus im Zusammenhang mit Kindern liefern.

Wie stark sind Kinder durch das Coronavirus gefährdet?

Die aktuell wissenschaftliche Einschätzung lautet, dass das Coronavirus bei Kindern oft milder verläuft als bei Erwachsenen. Untersuchungen aus China und den USA zeigen: Positiv getestete Kinder entwickeln deutlich seltener Fieber, Husten, Kurzatmigkeit oder Kopfschmerzen als Erwachsene.
Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) schreibt dazu:
Auch wenn bei Kindern, insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern schwere Verläufe vorkommen können, ist die Mehrzahl nach bisherigen Studien bei Kindern eher mild und unspezifisch.
Und doch gibt es vereinzelt Meldungen von schweren Krankheitsverläufen bei Kindern: Die Gesundheitsminister von Frankreich und Großbritannien berichteten zuletzt über Fälle von Gefäßentzündungen, die eine Herzschwäche verursachen könnten.
Die Beschwerden würden offenbar durch eine Überreaktion des Immunsystems ausgelöst und könnten in dem neuartigen Coronavirus und Covid-19 ihre Ursache haben, hieß es aus Großbritannien. Auch Spanien, Italien und die Schweiz hatten solche Erkrankungen bei Kindern gemeldet.

Wie viele Kinder sind erkrankt?

Unter anderem, weil Kinder seltener Symptome zeigen, werden sie im Vergleich zu Erwachsenen deutlich seltener auf das Coronavirus getestet. Das schlägt sich auch in den Statistiken nieder: Unter den Covid-19-Fällen sind nur wenige unter 15 Jahren.
Das bedeutet aber auch: In den epidemiologischen Fallstudien befinden sich häufig zu wenige Kinder, um wirklich aussagekräftige Ergebnisse zu treffen.

Wie häufig stecken sich Kinder an?

Zwei ältere Untersuchungen aus dem chinesischen Shenzhen und der ersten Corona-Fälle in München deuteten zunächst darauf hin, dass Kinder und Erwachsene sich ungefähr mit einer ähnlichen Wahrscheinlichkeit mit Sars-Cov-2 infizieren.
Nun liefern mehrere internationale Forscher aber andere Ergebnisse: Ihre Untersuchung von Daten aus Wuhan und Shanghai ergab, dass Kinder sich nicht so schnell infizieren wie Erwachsene. Der aktuelle Wissensstand lautet also: Kinder zwischen 0 und 14 sind wahrscheinlich nur ein Drittel so empfänglich wie Erwachsene.

Wie infektiös sind Kinder?

Wie ansteckend Kinder sind, ist bislang kaum erforscht. Ende April veröffentlichte eine Forschergruppe um Christian Drosten eine Studie zu dieser Frage. Bei Untersuchungen der Coronavirus-Last in den Atemwegen von Kindern und Erwachsenen kam sie zu dem Ergebnis, dass Kinder und Jugendliche wohl genauso infektiös sind wie Erwachsene. Demzufolge gibt es keine nachweisbaren Unterschiede in der Viruslast.
Die Schlussfolgerung: Unter diesen Voraussetzungen raten die Forscher vor einer uneingeschränkten Öffnung der Schulen und Kindergärten ab, um die Infiziertenzahlen nicht weiter nach oben schnellen zu lassen.

Was bedeutet das jetzt für den Kita- und Schulbetrieb?

Ein Problem ist etwa, dass infizierte Kinder seltener Symptome zeigen oder sich wirklich krank fühlen als Erwachsene. Deshalb könnten sie unbemerkt eine Reihe von Mitschülern oder andere Kita-Kinder infizieren - immerhin scheint ihre Viruslast im Rachenraum ähnlich hoch zu sein wie bei Erwachsenen.
Positiv könnte sich hingegen auswirken, dass Kinder offenbar weniger empfänglich für eine Ansteckung sind als Erwachsene.
Weitere günstige und ungünstige Faktoren für Kita- und Schulöffnungen:
Die Gefahr ist also durchaus gegeben, dass es auch in Schulen und Kitas zu Corona-Ansteckungen kommen wird - und vor allem Kleinkinder das Virus so in ihre Familien tragen. Das muss die Politik in ihre Überlegungen über Lockerungen miteinbeziehen.
Aktuell untersuchen vier Unikliniken in Baden-Württemberg, wie hoch die Durchseuchung von Kindern in der Normalbevölkerung ist, um Rückschlüsse vor allem für Kita-Öffnungen ziehen zu können. Daran beteiligt ist auch die Uniklinik Heidelberg unter Federführung von Prof. Georg Friedrich Hoffmann, dem Leiter der dortigen Kinderklinik.

Wen untersuchen Sie?

"Wir untersuchen 2.000 Kinder unter zehn Jahren und jeweils ein Elternteil der Kinder, die bislang nicht als Corona-Fälle gelten. Wichtig ist, dass Kind und Elternteil in einem Haushalt leben. Wir nehmen Abstriche aus dem Rachen und führen zudem einen Antikörper-Test durch."

Was genau wollen Sie herausfinden?

"Wir wollen schauen, wer von diesen Kindern und Erwachsenen - ohne es mitbekommen zu haben - Corona-positiv ist bzw. eine Coronavirus-Erkrankung hinter sich hat. Dadurch wollen wir herausfinden, wie hoch der Anteil der Corona-Erkrankten in der Normalbevölkerung ist, Dunkelziffern eingeschlossen. Wir wollen aber auch untersuchen, wie häufig sich Kinder im Verhältnis zu Erwachsenen mit dem Coronavirus infizieren. Das kann man machen, indem man sich anschaut, ob Erwachsene in einem Haushalt häufiger erkranken als ihre Kinder oder nicht"

Wann rechnen Sie mit Ergebnissen?

"In wenigen Wochen sollten eigentlich aussagekräftige Ergebnisse vorliegen. Sehr viele Freiwillige habe sich bereits gemeldet, um sich und ihr Kind untersuchen zu lassen."

Welche Rückschlüsse hoffen Sie, daraus ziehen zu können?

"Falls Kinder deutlich seltener infiziert sind als andere Haushaltspersonen, ist das ein starker Hinweis darauf, dass sie sich insgesamt weniger infizieren und damit wiederum seltener andere Menschen anstecken. Kita-Öffnungen sollten dann etwas weniger 'gefährlich' sein, eine sorgfältige Beobachtung in der Öffnungsphase und weitere Maßnahmen blieben aber unbedingt erforderlich."
Eine Orientierung könnte auch jene Studie geben, die sich mit Daten aus Wuhan und Shanghai beschäftigt hat. Die Forscher haben nicht nur herausgefunden, dass Kinder sich seltener infizieren, sondern auch analysiert, was passiert, wenn man als einzige Corona-Maßnahme die Schulen schließt.
Ihr Fazit: Schulschließungen alleine würden eine Ausbreitung des Coroanvirus nicht stoppen - sie aber durchaus verlangsamen.
Sie interessieren sich für weitere Faktenchecks zur Corona-Krise? Auf unserer Themenseite finden Sie unsere aktuellsten Berichte.

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