"Die Ärzte" befürchten langfristigen Schaden

24.10.2020 | 12:07 Uhr
Die Band "Die Ärzte" warnt davor, Kultur als gegeben hinzunehmen. Sie appellieren an die Politiker, die Branche mit 1,4 Millionen Menschen in den Blick zu nehmen.
Bei dem ungewöhnlichen Auftritt hat die Berliner Band an die Politik appelliert, in der Corona-Krise die Kulturbranche nicht zu vergessen. Quelle: dpa
Die normalerweise eher unernsten Punk-Musiker der "Die Ärzte" als Interviewpartner mit einem ernsten Anliegen in den "Tagesthemen": Bei einem Auftritt in der ARD-Nachrichtensendung hat die Berliner Band an die Politik appelliert, in der Corona-Krise die Kulturbranche nicht zu vergessen.
Die Menschen, die in der Musikszene arbeiten, würden in Zeiten von Corona ignoriert, sagte Ärzte-Sänger Farin Urlaub. Die Band hatte die Tagesthemen am Freitagabend mit einem Mini-Auftritt eröffnet - damit gab es erstmals Live-Musik in der Sendung.

"Ärzte" befürchten "langfristigen Schaden" für die Branche

Das Problem ist tatsächlich, wir nehmen Kultur als gegeben hin, Kultur ist einfach immer da.
Farin Urlaub
Dabei falle zu wenig auf, dass Kultur nicht nur kommerziell erfolgreiche Bandmusiker wie sie selbst brauche, sondern einen ganzen Unterbau: Clubbetreiber, sogenannte Roadies, also Technik- und Aufbauhelfer, sowie kleinere Bands, die noch keine Plattenverträge haben. Wenn das wegbreche, sei das ein "langfristiger Schaden".
Vor dem Düsseldorfer Landtag Vertreter der Veranstaltungsbranche demonstriert – wegen der Corona-Schutzmaßnahmen fürchten viele eine Pleitewelle.
Schlagzeuger Bela B. berichtete, dass wegen der fehlenden Auftrittmöglichkeiten in der Krise viele dieser Menschen seit sieben Monaten keine Arbeit hätten.
Wir hoffen, die Politiker dazu zu bringen, diese Branche mit 1,4 Millionen Menschen auch zu sehen.
Bela B.
Autokonzerte oder Stream-Konzerte spielten für die Band als Überbrückungsmöglichkeit in der Corona-Krise keine Rolle. "Das passt nicht zu uns. Unser Publikum muss sich aneinander reiben", sagt Bela B.
Der Auftritt hat der Berliner Rockband im Netz viel Zuspruch beschert.
Ihre geplante Tour hatten "Die Ärzte" auf das nächste Jahr verschoben. "Wir müssen uns wahrscheinlich damit abfinden, dass solange Corona so wütet wie jetzt gerade, dass die Art von Konzerten, die wir gerne spielen, einfach nicht möglich sind", sagte Urlaub.
Für kleinere, weniger bekannte Bands oder Clubbetreiber und die Techniker sei die Situation aber schlimmer.

Bundeswirtschaftsminister Altmaier fordert neue Corona-Hilfen

Auch die Regierung will die Branche nicht aus den Augen verlieren: Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) erklärte in den Zeitrungen der Funke Mediengruppe, der Veranstaltungsbranche verstärkt unter die Arme greifen zu wollen.
Wir haben ein Interesse daran, dass Künstler, Kreative oder Konzertveranstalter nicht aufgeben müssen, nur weil wir Corona haben.
Peter Altmaier
Dazu will er als eine von mehreren Maßnahmen die derzeit bis zum Jahresende laufenden Überbrückungshilfen verlängern.

Corona-Hilfen für Kulturschaffende

Das Konjunkturprogramm "Neustart Kultur" des Bundes umfasst Hilfen in Höhe von einer Milliarde Euro.

Bis zu 480 Millionen Euro sollen dabei direkt an Kulturschaffende gehen. Indem ihr künstlerisches Wirken finanziert wird, sollen sie aus der Kurzarbeit geholt werden. Für digitale Angebote stehen 150 Millionen Euro bereit, noch einmal 100 Millionen Euro gibt es für coronabedingte Einnahmeausfälle. Insgesamt 250 Millionen Euro stehen für Hygienekonzepte, Online-Ticket-Systeme oder Belüftungssysteme bereit.

Solo-Selbständige in der Kulturszene können zudem die Überbrückungshilfe beantragen. Die Anträge für die erste Phase (Fördermonate Juni bis August 2020) können noch bis zum 30. September gestellt werden. Für die Fördermonate September bis Dezember können die Anträge voraussichtlich ab Oktober gestellt werden. Mehr Informationen gibt es auf der offiziellen Seite des Bundes: ueberbruckungshilfe-unternehmen.de.

Wie viele Kulturschaffende sind betroffen?

In Deutschland waren Stand 1.1.2020 189.694 selbständige Kulturschaffende bei der Künstlersozialkasse versichert.

Wie sind die Hilfen im Detail aufgebaut?

  • Bis zu 25 Millionen Euro sind für Kulturzentren, Literaturhäuser und soziokulturelle Treffpunkte vorgesehen. Die Kulturbetriebe sollen damit Schutzmaßnahmen umsetzen können, etwa im Kassen- oder Sanitärbereich oder durch den Einbau von Lüftungen. Jede Einrichtung kann bis zu 100.000 Euro beantragen. Die Abwicklung läuft über den Bundesverband Soziokultur.
  • Bis zu 20 Millionen Euro gehen an Gastspiel- und Tournee-Theater. Einzelne Spielstätten können dabei bis zu 200.000 Euro beantragen. In Deutschland gibt es nach Angaben von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) bis zu 400 Gastspielhäuser ohne eigenes Ensemble.
  • Vier Millionen Euro gehen an die Frankfurter Buchmesse, eine Million Euro erhält die Leipziger Buchmesse, wenn sie nächstes Jahr stattfindet. Die Verlagsbranche erhält insgesamt zehn Millionen Euro. Dabei können Verlage Druck- und Produktionszuschüsse in Höhe von bis zu 10.000 Euro bekommen. Weitere zehn Millionen stehen für kleinere und mittlere Buchhandlungen bereit.
  • Insgesamt 27 Millionen Euro sollen an kleinere und mittlere Musikclubs sowie Livemusik-Spielstätten gehen. Dabei können die Fördermittel jeweils bis zu 150.000 Euro abgerufen werden.
Quelle: dpa, Reuters

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