Führen Masken tatsächlich zur Immunisierung?

von Katja Belousova
11.09.2020 | 19:25 Uhr
In einem Artikel stellen Forscher die These auf, dass das Tragen von Masken zu einer Immunisierung der Bevölkerung beitragen könnte. Doch Experten sind skeptisch.
Quelle: picture alliance / Sven SimonIn Deutschland git die Maskenpflicht zum Beispiel im öffentlichen Personenverkehr. Fördert sie eine Immunisierung?
Bereits der erste Satz klingt nach dem ganz großen Wurf: "Während Sars-Cov-2 sich weiter global ausbreitet, ist es möglich, dass eine der Säulen der Covid-19-Pandemiebekämpfung - die universelle Gesichtsmaske - dazu beitragen könnte, die Schwere der Krankheit zu verringern und dafür zu sorgen, dass ein größerer Anteil der Neuinfektionen asymptomatisch verläuft.“
Der am Dienstag im renommierten "New England Journal of Medicine" erschienene Artikel schlug hohe Wellen und weckt die Hoffnung, dass es - noch bevor ein Coronavirus-Impfstoff zugelassenen wird - eine Immunisierung in der Bevölkerung geben könnte. Und zwar dank Maskenpflicht.
In Bayern hat die Schule mit Corona-Maßnahmen begonnen. Kinder und Jugendliche ab der fünften Klasse müssen vorerst für die ersten neun Tage im Unterricht eine Maske tragen.

Hinweise, dass Masken Viruslast verringern könnten

Am Anfang der Pandemie galten Masken als wenig effektiv im Kampf gegen Covid-19. Die Begründung damals: Die Viren seien so klein, dass sie problemlos durch den herkömmlichen Mund-Nase-Schutz gelangen. In den vergangenen Wochen und Monaten verdichteten sich aber Hinweise darauf, dass herkömmliche Masken das Virus zwar nicht komplett aufhalten - zumindest aber die Viruslast verringern könnten, der Menschen ausgesetzt sind.
Auf diese Hypothese stützen die Mediziner Monica Gandhi und George W. Rutherford den Inhalt ihrer Artikels. Ihre Grundannahme lautet: Je größer die Viruslast ist, die ein Mensch abbekommt, desto wahrscheinlicher ist ein schwerer Krankheitsverlauf. Und wenn Masken die abgegebene Viruslast tatsächlich verringern, könnten sie einen entscheidenden Einfluss auf die Schwere der Covid-19-Erkrankung haben.
Wenn sich diese Theorie bestätigt, könnte eine bevölkerungsweite Maskierung mit jeder Art von Maske […] dazu beitragen, den Anteil der asymptomatischen Sars-CoV-2-Infektionen zu erhöhen.
Monica Gandhi und George W. Rutherford
So gäbe es in Ländern mit Maskenpflicht mehr asymptomatische Verläufe und weniger schwere Erkrankungen oder Todesfälle, schreiben die Forscher. Sie nehmen zudem an, dass mit einer Häufung von Erkrankungen ohne Symptome und mit milden Verläufen eine Immunisierung der Bevölkerung einhergehen könnte. Masken sollen also zu einer Immunisierung der Bevölkerung gegen das neuartige Coronavirus beitragen, ohne dass man dabei schwere Krankheitsverläufe oder unzählige Tote in Kauf nimmt.

Experten halten Thesen für zum Teil "hoch-spekulativ"

Bei aller Euphorie gilt es aber eines zu bedenken: Der Text ist ein Meinungsartikel - und keine wissenschaftliche Studie. Deshalb sei "dieser Artikel auch politisch zu bewerten und ein weiterer Aufruf beziehungsweise ein weiteres Plädoyer für den Maskengebrauch", erklärte bereits Infektiologe Julian Schulz zur Wiersch vom Uniklinikum Hamburg.
Die Annahme, dass Träger von Masken im besten Fall geschützt oder mit geringeren Virusmengen infiziert werden, nannte er eine "interessante, aber hoch-spekulative und unbewiesene Hypothese“. Mit dieser Einschätzung steht er nicht allein da.
Mediator Gernot Bath rät: Im Umgang mit Maskenmuffeln bloß nicht die Situation moralisieren. Stattdessen "Ich-Botschaften" senden.

Epidemiologe Krause: "Am Ende des Tages bleibt es eine Hypothese"

Epidemiologe Gérard Krause sagt im Gespräch mit ZDFheute, dass bisher zu wenig über die Immunreaktion auf das neuartige Coronavirus bekannt sei, um zu schlussfolgern, dass Masken tatsächlich eine Immunisierung begünstigen. "Am Ende des Tages bleibt es eine Hypothese", so Krause.
Die Daten, die im Artikel genannt werden, sind plausible Indizien, aber nur weil sie plausibel sind, heißt es nicht, dass sie auch klinisch relevant sind.
Gérard Krause, Epidemiologe

Gérard Krause…

Gérard KrauseQuelle: dpa
… ist Professor an der Medizinischen Hochschule Hannover und Leiter der Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Die Epidemiologie erforscht Gesundheit und Krankheit auf der Bevölkerungsebene, die Infektionsepidemiologie spezialisiert sich dabei auf übertragbare Krankheiten.
Virologe Dieter Hoffmann von der TU München sieht es ähnlich. "Masken schützen vor infektiösen Aerosolen, das ist generell bekannt. Meines Erachtens nach ist aber nicht belegt, dass sie auch durch asymptomatische Infektionen immunisieren", erklärt er.
Unklar ist, ob die Immunität von der Schwere der vorausgegangenen Infektion abhängt.
Dieter Hoffmann, Virologe

Es braucht belastbare Daten zu Infektionen bei Menschen mit und ohne Maske

Trotzdem hält Hoffmann den Artikel für interessant - wünscht sich aber belastbare Daten. Man müsse etwa die Antikörperkonzentration nach einer Infektion bei Maskenträgern und Personen ohne Maskenschutz vergleichen. Interessant wäre es laut Hoffmann auch, medizinisches Personal, das durchgängig Masken trägt, zu untersuchen.
Auch wenn der Artikel wenig Beweise und viel Hypothetisches anbietet: Er beweist, wie wichtig weitere Forschung mit Blick auf den Mund-Nase-Schutz ist, um mehr zu seiner Schutzfunktion zu erfahren. Eines ist aber bereits jetzt klar: In Kombination mit Abstands- und Hygieneregeln wie Händewaschen bleibt die Maske ein wichtiges Mittel im Kampf gegen das Coronavirus.

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