Corona wird nicht so bald zu einem Schnupfen

von Oliver Klein
21.08.2020 | 21:39 Uhr
Neue Studien geben Hinweise darauf, dass sich das Coronavirus durch Mutationen abschwächt. Ist die Pandemie deshalb bald vorbei? Virologen halten diesen Schluss für verfrüht.
Quelle: Uncredited/Centers for Disease Control and Prevention/AP/dpa/Illustration/Symbol/ArchivCoronavirus im 3D-Modell - auf die Schnelle wird es sicher nicht harmlos wie ein Schnupfen.
Es könnte so einfach sein. "Das Virus wird schwächer" titelt "Bild" in dieser Woche. "Ist das Coronavirus harmloser geworden?" fragt ntv hoffnungsvoll - schließlich müssten trotz steigender Neuinfektionen immer weniger Covid-19-Fälle ins Krankenhaus. Das Nachrichtenportal Sputniknews stellt die Frage "Mutiert Coronavirus zum Schnupfen?"
Zwar gibt es tatsächlich mehrere neue Studien, die Hinweise darauf geben, dass manche Mutationen des Virus weniger gefährlich sind. Eine bestimmte Variante des Coronavirus scheint "einen milderen Krankheitsverlauf" auszulösen, heißt es in einer gerade veröffentlichten Studie aus Singapur. Zu einem ähnlichen Schluss kommt eine Studie aus Japan.

Harmlosere Variante nur lokal verbreitet

Auch der Virologe Christian Drosten hatte in seinem Podcast im NDR bereits im Juni darauf hingewiesen, dass Mutationen entstehen könnten, durch die das Virus "noch besser in der Nase repliziert und besser übertragen wird. Aber in der Nase werden wir nicht allzu krank davon". Auf diese Weise könnte Corona zu einem harmlosen Schnupfen werden, so Drosten.
Das neuartige Sars-CoV-2-Virus mutiert, wenn es sich vermehrt, wofür es eine Wirtszelle benötigt. Es ist weniger mutationsfreudig als andere Viren. Doch noch ist unklar, inwieweit es infektiöser ist und was das folglich für den Impfstoff heißt.
Gibt es Anzeichen dafür, dass sich derzeit tatsächlich weltweit eine harmlosere Variante des Coronavirus durchsetzt? "Ja, das Coronavirus verändert sich, so wie sich alle RNA-Viren immer verändern. Das ist Evolution in Echtzeit," sagt der Direktor der Virologie am Uniklinikum Essen, Prof. Ulf Dittmer im Gespräch mit ZDFheute. Und es gebe auch Hinweise darauf, dass Personen, die mit einem bestimmten Virustyp infiziert wurden, weniger schwer erkranken.
Das sind aber sehr lokal auftretende Veränderungen und Infektionsketten. Ob sie letztlich dazu führen, dass diese neuen Virustypen die Mehrzahl der weltweiten Infektionen ausmachen, das wissen wir noch nicht.
Ulf Dittmer, Direktor der Virologie am Uniklinikum Essen
Von der "Bild"-Zeitung sieht sich Dittmer falsch zitiert. Dass es jetzt in vielen Ländern, in denen eine zweite Welle beginnt, deutlich weniger Todesfälle gibt, hat vermutlich nichts mit einem neuen Virustyp zu tun, sagt er. "Diese Prozesse, dass ein bestimmter Virustyp einen anderen weltweit ersetzt, dauern häufig Jahre", so Dittmer.

Wie entstehen Viren-Mutationen?

Um sich zu vermehren, brauchen Viren die Zellen von Lebewesen. Sie docken an, schleusen ihre Erbinformationen ein und zwingen die Wirtszelle so, Millionen neue Viren zu produzieren. Bei diesem Kopiervorgang passieren immer wieder Fehler. So entstehen häufig Viren mit leicht veränderten Genen - also Mutationen. Erweist sich eine solche Mutation als vorteilhaft für die Vermehrung, kann sich das mutierte Virus besser verbreiten.

Geringere Todesrate liegt nicht an harmloserem Virustyp

Friedemann Weber, Direktor am Institut für Virologie im Fachbereich Veterinärmedizin der Justus-Liebig-Universität Giessen pflichtet ihm bei:
Selbst, wenn es einen harmloseren Virustyp geben sollte: Dass der sich schnell gegen das bisherige Coronavirus durchsetzt und das in allen Ecken der Welt - das ist Wunschdenken.
Friedemann Weber, Direktor am Institut für Virologie im Fachbereich Veterinärmedizin der Justus-Liebig-Universität Giessen
Dass zur Zeit in Deutschland trotz steigender Infektionszahlen die Zahl der Verstorbenen nicht proportional mitsteigt, hat vermutlich andere Gründe, so Weber: Unter anderem eine bessere medizinische Versorgung der Patienten und auch die Altersstruktur: Denn während der Altersdurchschnitt der Patienten Anfang April noch bei 52 Jahren lag, sind Infizierte heute durchschnittlich nur 32 Jahre alt und haben ein deutlich geringeres Risiko für einen schweren Verlauf.
Fazit: Das Coronavirus hat sich teilweise verändert und manche harmlosere Varianten scheinen sich lokal zu verbreiten. Dass das der Grund ist, warum in vielen Ländern weniger Menschen sterben, halten Virologen für unwahrscheinlich.
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