Warum Obergrenzen allein nicht weiter helfen

von Nils Metzger
22.08.2020 | 19:39 Uhr
Der Fokus auf Grenzwerte von Neuinfektionen für Corona-Maßnahmen wird zur Gefahr. Was gut gegen isolierte Infektionsherde half, ist machtlos gegen das organische Wachstum.
Offenbach führt wieder schärfere Corona-Maßnahmen ein. In der hessischen Stadt hat die Zahl der Neuinfektionen die kritische Marke überschritten.
Immer mehr Landkreise in Deutschland bewegen sich auf kritische Schwellenwerte bei den Neuinfektionen zu. Je nach Bundesland liegt der Wert bei 30, 35, bzw. 50 Fällen pro 100.000 Einwohner im Sieben-Tage-Schnitt. Darüber drohen empfindliche Einschnitte des öffentlichen Lebens.

Wo hat sich die Obergrenze bewährt?

Aktuell greifen solche Maßnahmen in Offenbach, wo der besagte Infektionswert am Freitag auf 52 angestiegen ist. Die Stadtverwaltung verschärfte die Maskenpflicht an vielen öffentlichen Orten, Kontaktbeschränkungen wurden ausgeweitet. In der Gastronomie gilt seit Samstag eine Sperrstunde ab Mitternacht.
Die Obergrenzen für Neuinfektionen gelten seit Mai. Nach dem Abflauen der ersten Infektionswelle sollte so lokal gezielt gegen Ansteckungsherde vorgegangen werden. Hof, Coesfeld oder Dingolfing-Landau: Das waren Kreise, in denen man das Infektionsgeschehen so schnell wieder unter Kontrolle brachte. Ein Übergreifen auf benachbarte Regionen konnte verhindert werden.

Ist sie auch in der aktuellen Pandemielage das beste Werkzeug?

Angesichts der jetzt aber bundesweit stetig steigenden Fallzahlen stellt sich die Frage, ob der Grenzwert nur gegen lokal begrenzte Masseninfektionen in Betrieben oder Kirchgemeinden ein gutes Mittel ist – und wirkungslos gegen ein langsames organisches Anwachsen.
Der Epidemiologe Prof. Dr. Gérard Krause, Leiter des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung in Braunschweig, sagt ZDFheute:
Die lokalisierte, fokussierte Strategie halte ich weiterhin für sinnvoll. Die Beschränkung auf einen einzelnen numerischen Grenzwert ist aus meiner Sicht nicht sachgerecht und war es auch nie.
Prof. Dr. Gérard Krause, Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung
Schon im April warnte Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), davor, in der Bewertung der Pandemielage nur auf eine Messzahl zu konzentrieren. Es sei "nicht hilfreich, wenn auch in der Öffentlichkeit immer nur auf einen Faktor bezogen wird", so Wieler damals mit Blick auf die Reproduktionszahl R.
Im schlimmsten Fall kann der große Fokus auf den Grenzwert als Messgröße auf Kreisebene dazu führen, dass Teile Deutschlands über Monate zwischen harten und leichten Gegenmaßnahmen wechseln. Das wäre eine enorme Belastung für Bürger, Unternehmen und Verwaltung, die das koordinieren müssten. So ein Leben in ständiger Unsicherheit ist das exakte Gegenteil der einflussreichen Pandemie-Strategie "Hammer and Dance".

Welcher Ansatz sollte stattdessen verfolgt werden?

Krause warnt davor, angesichts steigender Infektionszahlen jetzt wieder eine weitgehende Einschränkung des öffentlichen Lebens wie einen Lockdown in Erwägung zu ziehen:
Ich halte den Ansatz, generalisiert die Mobilität und die Berufsausübung aller Menschen einzuschränken unter Berücksichtigung unserer inzwischen gewonnenen Kenntnisse für nicht verhältnismäßig.
Prof. Dr. Gérard Krause, Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung
Für Krause stünden die negativen Folgen nicht angemessen im Verhältnis zum gewünschten Effekt, schwere Krankheitsverläufe zu verhindern. Er warnt davor, dass die Debatte um einen Lockdown innovativere Lösungsansätze und wichtige Lernprozesse verdrängt:
Die Diskussion darum lenkt uns wieder einmal davon ab, worum es eigentlich geht: die hochbetagten Menschen mit hohem Risiko für schwere Krankheitsverläufe besser zu schützen, ohne sie sozial zu isolieren. Hier bedarf es noch mehr Aufmerksamkeit, Kreativität und Ressourcen.
Prof. Dr. Gérard Krause, Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung

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