Remdesivir: Was dran ist am Hype

von Jan Schneider
03.07.2020 | 12:41 Uhr
Die EU-Kommission hat das Medikament Remdesivir zur Behandlung von Covid-19-Patienten zugelassen. Kritiker warnen, dass es sich dabei nicht um eine "Wunderwaffe" handelt.
Eine Ampulle des Medikamentes Remdesivir. Die EU hat es zur Behandlung von Covid-19 zugelassen.Quelle: dpa
Das Ebola-Medikament Remdesivir gilt als Hoffnungsträger bei der Behandlung von Covid-19 erkrankten Patienten. Die USA haben sich deshalb große Teile der geplanten Produktion für diesen Sommer gesichert. Gesundheitsminister Jens Spahn versicherte im ZDF-Morgenmagazin, dass Deutschland gut gefüllte Remdesivir-Reserven habe, der weitere Bedarf müsse aber noch geklärt werden. Heute hat die EU-Kommission die Zulassung des Wirkstoffs in der EU beschlossen, es gibt allerdings auch Kritik an der schnellen Zulassung des Mittels.
Das Medikament Remdesivir soll diese Woche in Europa zugelassen werden. Bundesgesundheitsminister Spahn fordert vom Hersteller Gilead eine ausreichende Versorgung für Europa.

Wer produziert Remdesivir?

Hergestellt wird Remdesivir vom US-Biotech-Unternehmen Gilead. Es wurde ursprünglich zur Behandlung von Ebola entwickelt, zeigte bei dieser Infektionskrankheit aber zu geringe Wirkung. Erste Studien wiesen nun aber eine Wirkung bei der Behandlung von Covid-19-Patienten aus. Die US-Regierung hat nach eigenen Angaben daher den Deal gemacht, Wirkstoff-Dosen für mehr als 500.000 Behandlungen zu kaufen.

Wie viel Remdesivir hat Deutschland und wie viel wird gebraucht?

Wie viel des Medikaments aktuell in den Lagern ist, ließ das Bundesgesundheitsministerium unbeantwortet. Auch, ob es eine Schätzung gibt, wie viele Dosen des Mittels benötigt werden. Es seien, wie schon vom Minister betont "noch genug Reserven" vorhanden. Die Behandlung eines Patienten benötigt etwa 6 Dosen des Mittels, aktuell sind in Deutschland rund 4.500 aktive Erkrankungen registriert.

Was kostet Remdesivir?

Am Montag hatte Gilead in einem offenen Brief die Preise des Medikaments für den US-Markt bekanntgegeben: Demnach soll eine Ampulle für die staatlichen Krankenkassen zwischen 390 und 520 US-Dollar kosten. Bei einer fünftägigen Behandlung mit insgesamt sechs Dosen ergeben sich so Gesamtkosten von 2.340 bis 3.120 US-Dollar pro Patient.
Der Kölner Infektiologe Gerd Fätkenheuer, der an einer internationalen Studie zur Wirksamkeit des Medikaments Remdesivir gegen Corona beteiligt war, kritisierte die von der Pharmafirma geforderten Preise als "enorm hoch".
"Ich würde schon erwarten, dass gesamtgesellschaftliche und ethische Gesichtspunkte bei einem Medikament wie Remdesivir eine Rolle spielen", sagte er dem "Kölner Stadt-Anzeiger".
Der Hersteller rechtfertigt den Preis mit gesparten Kosten für das Gesundheutssystem, da Patienten schneller aus dem Krankenhaus entlassen werden könnten. Eine Annahme, die durchaus noch umstritten ist. Man sei aber auch schon mit Generikaherstellern in Verhandlungen, um Remdesivir günstiger für Entwicklungsländer herstellen zu lassen. Der Preis für Remdesivir in Europa steht noch nicht fest.

Kritik an der schnellen Zulassung des Mittels

Für den Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie am Klinikum Bremen Mitte, Bernd Mühlbauer, ist die schnelle Zulassung von Remdesivir eher ein Problem als ein Schritt in die Richtige Richtung:
Ich habe erhebliche methodische Zweifel an der Studie, die zur Zulassung geführt hat, und damit zu ihrer Aussagekraft. Und nun, nach der Zulassung, wird die Durchführung von Studien mit einer Vergleichsgruppe erheblich erschwert.
Bernd Mühlbauer
Das Problem sei, dass Covid-19-Patienten nun weniger bereit seien, im Rahmen einer Studie auf die Behandlung mit Remdesivir zu verzichten und sich daher schwerer Aussagen zu Wirkungen und Nebenwirkungen machen ließen. Auch aus formalen ethischen Gesichtspunkten sei ein Studiendesign mit Kontrollgruppe ohne Remdesivir sehr viel komplizierter.
Für Mühlbauer spielen zwei Aspekte eine große Rolle bei der Zulassung von Remdesivir:
  1. Öffentliche Profilierung: Die Regierungen, ob in Amerika oder Europa, wollten zeigen, dass sie aktiv sind und die Pandemie bekämpfen.
  2. Der Hersteller von Remdesivir wolle mit dem Einsatz bei Covid-19 die Kosten der gescheiterten Entwicklung als Ebola-Mittel refinanzieren.
Bereits im April hatte Pharmakologe Bernd Mühlbauer vor zu großen Hoffnungen in das Medikament Remdisivir gewarnt. Bisherige Studien seien noch nicht groß genug.

Remdesivir "keine Wunderwaffe"

Auch für den Präsidenten der deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, Prof. Dr. Uwe Janssens, ist die Lage gerade eher unübersichtlich. Die Studien zu Remdesivir seien gut gemacht, die Schlussfolgerungen aber teilweise vorschnell. Das Mittel habe nur einen begrenzten Einfluss auf den Krankheitsverlauf einiger Patienten und die Sterblichkeitsrate sei nicht signifikant gesunken.
Janssens sagte gegenüber ZDFheute, er habe großes Verständnis für die Sehnsucht der Politiker in diesen schweren und ungewissen Corona-Zeiten der Bevölkerung ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln, dass nunmehr endlich ein Medikament zur Behandlung von Covid-19 zur Verfügung stehe. Das sei menschlich verständlich und nachvollziehbar.
Dennoch darf auf keinen Fall der Eindruck entstehen, hier steht uns eine Wunderwaffe zur Verfügung!
Prof. Dr. Uwe Janssens
Janssens hofft, dass die Patienten, die das Mittel verabreicht bekommen, danach noch überwacht werden um so eine Studie zur Wirksamkeit und zu Nebenwirkungen machen zu können. Es sei auch entscheidend zu überwachen, welche Langzeitfolgen die Covid-19-Erkrankung hat, dazu seien auch Untersuchungen 90 oder 180 Tage nach der Entlassung nötig.

Mehr Informationen zu Covid-19

Aktuelles zur Coronavirus-Krise