Kinder zu Oma und Opa - trotz Corona-Zahlen?

von Kathrin Wolff
14.10.2020 | 11:10 Uhr
Die Politik diskutiert über Beherbergungsverbote. Experten fordern dagegen, die Risikogruppen in den Fokus zu rücken. Wie kann man sie bei den steigenden Corona-Zahlen schützen?
Im Frühjahr riet Virologe Drosten: Großeltern sollten ihre Enkel erstmal nicht mehr betreuen. Und jetzt?Quelle: Colourbox

Wer gehört zur Risikogruppe?

Covid-19 ist vor allem für Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen gefährlich. "Das Risiko einer schweren Erkrankung steigt ab 50 bis 60 Jahren stetig mit dem Alter an", schreibt das Robert-Koch-Institut (RKI). 85 Prozent der Corona-Toten waren 70 Jahre oder älter, obwohl sie nur 13 Prozent der Covid-19-Fälle ausmachen.
Auch Grunderkrankungen, etwa des Herz-Kreislaufsystems oder der Atemwege, können laut RKI das Risiko erhöhen. Kommen mehrere Risikofaktoren zusammen - Alter und eine Grunderkrankung oder zwei Grunderkrankungen - steigt das Risiko weiter.

Wie kritisch ist die aktuelle Corona-Lage für Risikopatienten?

Seit Anfang September steigen die Neuinfektionen bei den Älteren wieder an. In der letzten August-Woche wurden 268 Infizierte ab 70 Jahren gemeldet, nach den neuesten Zahlen waren es 1.950 pro Woche. Auch die Zahl der Menschen, die wegen Covid-19 im Krankenhaus liegen, steigt: Von 343 in der letzten August-Woche auf nun 1.005. Damit liegt sie deutlich unter dem Niveau vom Frühjahr. Die Totenzahl ist seit der letzten Mai-Woche zweistellig.
"Das Infektionsgeschehen ist immer noch gefährlich, aber lange nicht mehr so problematisch wie beim ersten Mal", sagt Professor Hans Jürgen Heppner, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie, Chefarzt am Helios-Klinikum Schwelm und Inhaber des Lehrstuhls für Geriatrie der Universität Witten/Herdecke zu ZDFheute. "Da hatten wir keine Ahnung und keine Schutzausrüstung. Das ist jetzt ganz anders, wir können mit der Situation umgehen."

Sollten Risikopatienten wieder zu Hause bleiben?

Können ältere Menschen noch unbesorgt einkaufen, ins Fitnessstudio oder Restaurant gehen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren? "Sie können das alles machen - aber nicht unbesorgt", sagt Heppner. Generell rät der Altersmediziner Senioren, Stoßzeiten zu meiden. In öffentlichen Verkehrsmitteln empfiehlt er, Abstand zu halten, "lieber mal zehn Minuten stehen als sich neben jemanden setzen". Nach einer längeren Zugfahrt sollte die Maske direkt in den Müll oder in die Wäsche.
In Fitnessstudios rät er, nicht zu duschen: "Ein fensterloser Raum, warmes Wasser - giftiger kann's nicht sein."
In der Gastronomie gibt Heppner Risikogruppen teilweise Entwarnung: Er habe zuletzt nur Restaurants erlebt, in denen die Abstandsregel eingehalten wurde und alle Kellner Schutzmasken trugen. "Wenn man aber merkt, es ist zu eng besetzt, hätte ich keine Skrupel, wieder rauszugehen."

Können die Kinder noch zu den Großeltern?

Im Frühjahr riet der Virologe Christian Drosten: "Kinder sollten ab jetzt bis September oder Oktober nicht mehr zur Betreuung zu Oma und Opa." Was gilt heute angesichts der steigenden Corona-Zahlen?
"Eine rüstige alte Dame von 80 Jahren, die außer Bluthochdruck und gelegentlichem Schwindel nichts hat - freilich kann ihr Enkelkind sie besuchen", sagt Heppner. Allerdings sollten Großeltern schon bei Kindergartenkindern auf die Husten- und Niesetikette achten, möglichst etwas Abstand halten, das Fenster öffnen oder rausgehen. Auch die Enkel vom Kindergarten abzuholen, sei unkritisch, wenn dort keine besonderen Fälle aufgetreten seien. Großeltern sollten aber nicht in die Kita hineingehen, sondern mit etwas Abstand zu anderen vor der Tür warten.
Zugleich ruft Heppner dazu auf, die individuellen Risikofaktoren zu bedenken. So dürfe man sich nicht wundern, wenn man krank werde, nachdem man seinen Enkel getroffen hat, der "mit seinen Eltern in einem Corona-Hotspot in der Großstadt lebt und in eine geschlossene Kita geht, in der es einen Ausbruch gegeben hat".
Besonders betroffen von der Corona-Krise sind ältere Menschen. Als "Risikogruppe" müssen sie besonders geschützt werden. Das bedeutet häufig notweniger Rückzug und Einsamkeit, ob zuhause oder im Heim. Es sind Großeltern, Mütter und Väter.

Was ist mit Besuchen Erwachsener bei ihren Eltern?

Die hält Heppner auch für möglich. "Da ist ein bisschen Vernunft gefragt." Also: Hat man sich in einem Umfeld bewegt, in dem es Corona-Fälle gab? Dann lieber auf den Besuch verzichten.

Was ist mit Weihnachten?

"Weihnachten ist auch nächstes Jahr wieder", sagt Heppner und rät, dieses Jahr auf Besuche in vollen Kirchen zu verzichten. Feiern im kleineren Familienkreis sieht er unproblematisch - "aber die Großfamilie aus ganz Deutschland mit 20 Leuten am Tisch, das muss echt nicht sein".
Der Virologe Christian Drosten hatte kürzlich in der "Zeit" eine Vorquarantäne vorgeschlagen: Menschen sollten "einige Tage, optimalerweise eine Woche vor dem Familienbesuch mit Oma und Opa soziale Kontakte so gut es geht vermeiden". Heppner pflichtet ihn bei: "Das funktioniert."

Wie können Altenheim-Bewohner geschützt werden?

Bernhard Schneider von der Evangelischen Heimstiftung Baden-Württemberg setzt auf die Klassiker: Maske, Abstand, Hygieneregeln. Sollten die Neuinfektionen in einem Landkreis steigen, könnten die Besucherzahlen reduziert werden, sagte er im ZDFheute-Interview. Einen zweiten Lockdown lehnt er ab - man dürfe die Bewohner nicht einsperren.
Die Evangelische Heimstiftung in Baden-Württemberg hat verschiedene Corona-Maßnahmen ausprobiert.
Der Epidemiologe Gérard Krause schlug kürzlich im "Spiegel"-Interview vor, geschulte Pflegekräfte einzusetzen, die "allen Besuchern erklären, wie sie sich am besten verhalten können, wie sie sich die Hände desinfizieren, wie sie sich den Mundschutz anlegen". Auch Heppner fordert personelle Unterstützung für die Altenheime. Zudem sollten Besucher dort nur möglichst kurze Wege zurücklegen - sei es durch Treffen in einem Besucherzimmer oder eine Abkürzung zum Angehörigen. "Das kann auch mal die Feuertreppe sein."

Bringen Schnelltests mehr Sicherheit?

Erste Schnelltests auf Corona, sogenannte Antigentests, sind in Deutschland schon auf dem Markt. Sie sollen nach Plänen von Gesundheitsminister Jens Spahn ab Mitte Oktober flächendeckend in allen Pflegeheimen eingesetzt werden. Laut Schneider von der Evangelischen Heimstiftung sind sie aber eher etwas für Mitarbeiter und neue Bewohner: "Tests bei allen Besuchern sind ein logistischer Aufwand, den wir uns sicher nicht leisten können."

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