Keine Infektionswelle nach Schulöffnungen

von Nils Metzger
13.07.2020 | 15:25 Uhr
Studie zu Corona-Antikörpern bei sächsischen Schülern: Nach Schulöffnungen im Mai stiegen Fallzahlen nicht an. Symptomfreie Infektionen bei Kindern sind seltener als angenommen.
Schulöffnungen haben bisher keine Infektionswelle ausgelöst, legt eine Studie der Uniklinik Dresden nahe. Nach den Ferien gehen sächsische Schulen wieder in den Regelbetrieb.
Forscher der Technischen Universität Dresden und des Dresdner Universitätsklinikums haben mehr als 2.000 Blutproben von Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften aus Dresden und den Landkreisen Bautzen und Görlitz auf Antikörper gegen das neuartige Coronavirus untersucht.
Dabei wurde laut Studienbetreuer Reinhard Berner, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Uniklinik Dresden, festgestellt, dass die Immunitätsrate an den untersuchten Schulen bislang gering ausfällt.

Immunisierungsgrad liegt bei unter einem Prozent

"Schulen wurden nach Wiedereröffnung nicht zum Hotspot", heißt es in der Pressemitteilung der TU Dresden.
Die Dynamik der Virusverbreitung wurde bisher überschätzt.
Pressemitteilung zur Studie
Obwohl es in drei der untersuchten Schulen Corona-Fälle gegeben habe, seien bei Lehrern und Schülern der betroffenen Einrichtungen nicht mehr Antikörper nachweisbar.
Der Immunisierungsgrad der Studienteilnehmer hätte mit 0,6 Prozent bei deutlich unter einem Prozent und damit unter der Annahme der Forscher gelegen. In nur 12 Fällen seien Antikörper nachgewiesen worden.
Eine Studie der Uni-Klinik Dresden mit 2.000 untersuchten Schülern und Lehrern legt offen, dass gegen Corona "nur wenige Schulkinder bereits Antikörper gebildet haben", so der Direktor des Klinikums Reinhard Berner.

Kein messbarer Anstieg der Infektionen durch Schulöffnungen

"Wir gehen in die Sommerferien 2020 mit einem Immunitätsstatus, der sich nicht von dem im März 2020 unterscheidet", sagte Berner.
Das bedeutet, dass eine stille, symptomfreie Infektion bei den von uns untersuchten Schülern und Lehrern bislang noch seltener stattgefunden hat, als wir das vermutet hatten.
Professor Reinhard Barner, Universitätsklinikum Dresden
Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass der im Mai in Sachsen schrittweise wieder aufgenommene Lehrbetrieb keine negativen Auswirkungen auf die Pandemielage hatte. Im laufenden Jahr sollen zwei weitere Testreihen ausgewertet werden. Es sei die bundesweit bislang größte Studie zum Immunitätsstatus an Schulen, so das sächsische Kultusministerium.

Ergebnisse bestätigen andere Studien

"Die Belege für eine Infektionsrate von unter einem Prozent bei Kindern verdichten sich", sagt Professor Johannes Hübner vom Klinikum der LMU München mit Blick auf die Ergebnisse aus Sachsen. Hübner koordiniert aktuell die bayerische Langzeitstudie "COVID Kids Bavaria", die ebenfalls untersucht, wie sich das Coronavirus an Schulen verbreitet.
"Studien aus der Schweiz, aus England legen alle nahe, dass Schulen kein Hotspot sind", betont Hübner und verweist auch auf eine weitere Studie von Mitte Juni aus Baden-Württemberg.
Deren Koordinator Klaus-Michael Debatin, ärztlicher Direktor für Kinder- und Jugendmedizin am Uniklinikum Ulm sagte dem SWR, dass Kinder bei Corona anders als bei anderen Infektionskrankheiten keine Infektionstreiber seien.

Übertragbarkeit der Ergebnisse nur begrenzt gegeben

Die Ergebnisse von einem Bundesland auf ein anderes zu übertragen, sei aber nicht immer ohne Probleme: "Alle Studienergebnisse gelten erst einmal für das lokale Setting und ein bestimmtes Zeitfenster", merkt Hübner an.
Dresden ist nicht München, ist nicht London. Der Flickenteppich wird bleiben und der Teufel liegt im Detail.
Professor Johannes Hübner, LMU Klinikum München
Große Aufmerksamkeit hatte etwa eine Studie des Virologen Christian Drosten erhalten, der argumentierte, Kinder seien genauso ansteckend wie Erwachsene.
Hübner weist darauf hin, dass das Team um Drosten dabei mit einer völlig anderen Methodik vorgegangen sei: An der Charité untersuchte man die Viruskonzentration per Rachenabstrich – während in Dresden per Bluttest die Konzentration von Antikörpern erfasst wurde.

Forscher: Keine Alternative zur Schulöffnung

Die Debatte um einen Regelbetrieb in Schulen und Kindergärten sei laut Hübner nicht unverantwortlich, sondern notwendig: "Das ist keine Frage nach dem ob. Wir müssen die Schulen wieder öffnen. Wir können keine zwei Jahre Lockdown machen. Die Folgen für die Kinder wären katastrophal."
Politische Konsequenzen hatten die neuen Studienergebnisse aus Dresden unmittelbar: Am Montag kündigte der Freistaat Sachsen eine Rückkehr zum Regelbetrieb an Schulen unter Berücksichtigung des Infektionsschutzes für die Zeit nach den Sommerferien an.

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