Brauchen wir die Maskenpflicht noch?

von Jan Schneider
05.07.2020 | 16:01 Uhr
Die Maskenpflicht im Einzelhandel wurde schon bei der Einführung heiß diskutiert. Nun wird auch um ihre Abschaffung gerungen. Wie sehr haben die Masken geholfen? Ein Überblick.
Mecklenburg-Vorpommern will die Maskenpflicht in Geschäften aufheben. Weitere Bundesländer überlegen noch. Kritik kommt nicht nur von Gesundheitsexperten.
Vor knapp 10 Wochen hat Sachsen als erstes Bundesland beschlossen, dass im Nahverkehr und im Einzelhandel Mund-Nasen-Schutzmasken getragen werden müssen. Die anderen Landesregierungen zogen rasch nach und aktuell herrscht in allen 16 Bundesländern Maskenpflicht.
Mecklenburg-Vorpommern will das nun wieder ändern: Die Maskenpflicht im Handel soll abgeschafft werden.
Wenn das Infektionsgeschehen so gering bleibt, sehe ich keinen Grund, länger an der Maskenpflicht im Handel festzuhalten.
Harry Glawe, Wirtschaftsminister Mecklenburg-Vorpommern
In Mecklenburg-Vorpommern sind aktuell zwölf aktive Infektionen mit dem Coronavirus registriert. Bei 1,6 Millionen Einwohnern entspricht das einer Krankheitsquote von 0,00075 Prozent - der aktuell niedrigsten in Deutschland. Auch in Sachsen wird eine Abschaffung geprüft, weitere Bundesländer wollen das Thema diskutieren.

Lauterbach plädiert für Maskenpflicht

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach plädiert dafür, die Maskenpflicht im Handel beizubehalten. "Die Maskenpflicht im Handel ist eines der wichtigsten Instrumente im Kampf gegen das Coronavirus", sagte der Bundestagsabgeordnete der Düsseldorfer "Rheinischen Post".
Wenn es keine Maskenpflicht im Handel mehr gibt, kontaminieren Infizierte auch die Ware, und Kunden wie Beschäftigte werden durch die Aerosole stark gefährdet.
Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitsexperte
Wenn eine Landesregierung die Maskenpflicht abschafft, "experimentiert sie mit der Gesundheit der Menschen und erhöht das Risiko für eine zweite Infektionswelle in Deutschland", warnt Lauterbach.
Auf Twitter ergänzt Lauterbach:

Eine Frage, viele Antworten: Helfen die Masken?

Diese Frage wurde oft diskutiert, untersucht und unterschiedlich bewertet: Zu Beginn der Pandemie kamen Wissenschaftler schnell zu dem Schluss, dass die Maske in erster Linie nicht den Träger schütze, sondern andere Menschen, die sich in dessen Nähe aufhielten.
Was genau sind Aerosole - und wie übertragen sie das Coronavirus? So verstehen ihre Kinder das Phänomen.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) meinte, dass Mundschutz nur für Kranke und Menschen, die Kranke pflegten, sinnvoll sei. Der Massengebrauch wurde nicht empfohlen. Anfang Juni änderte die UN-Organisation dann ihre Einschätzung: sie empfehle nun die Nutzung der Masken in überfüllten öffentlichen Einrichtungen.
Auch in den USA wird die Notwendigkeit von Schutzmasken diskutiert - auch ein politisches Statement.
Zugleich warnte die UN-Organisation jedoch, Masken könnten das Erkrankungsrisiko sogar erhöhen, wenn Menschen diese mit schmutzigen Händen berührten und so kontaminierten. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus sagte, Masken könnten Händehygiene, Abstandhalten und das Aufspüren von Patienten mitsamt ihrer sozialen Kontakte nicht ersetzen. Masken alleine könnten nicht vor Covid-19 schützen.

Studien belegen den Nutzen von einfachen Mund-Nasen-Masken

Ebenfalls Anfang Juni haben Forscher aus Mainz, Darmstadt, Kassel und dem dänischen Sønderborg (Sonderburg) in einer Studie die Wirksamkeit einfacher Mund-Nasen-Masken beim Kampf gegen die Corona-Pandemie belegt. Die Wissenschaftler haben dazu den Infektionsverlauf in Jena mit dem anderer deutscher Kommunen verglichen. Jena hatte bereits Anfang April als erste größere deutsche Stadt eine Maskenpflicht angeordnet, worauf die Zahl der Neuinfektionen drastisch zurückgegangen war. Die Wissenschaftler konnten beweisen, dass der Rückgang tatsächlich eine Folge dieser Maßnahme gewesen sei.
Auch Forscher von Universitäten in Texas und Kalifornien haben sich mit der Schutzwirkung der Gesichtsmasken befasst. Das Tragen von Schutzmasken hat demnach in Italien und New York jeweils Zehntausende Coronavirus-Infektionen verhindert. In Italien habe die Maßnahme zwischen dem 6. April und dem 9. Mai mehr als 78.000 Ansteckungen verhindert, in New York vom 17. April bis zum 9. Mai mehr als 66.000, berechnen Forscher.
Veröffentlicht wurden die Ergebnisse im Fachjournal "Proceedings of the National Academy of Sciences" ("PNAS"). Demnach sei die Übertragung des Erregers Sars-CoV-2 durch die Luft der dominante Infektionsweg. Maßnahmen wie Abstand halten und Quarantäne alleine könnten die Corona-Verbreitung deswegen nicht aufhalten. In dem Artikel schreiben die Forscher:
Der Unterschied zwischen vorgeschriebenem und nicht vorgeschriebenem Mundschutz stellt den bestimmenden Faktor bei der Gestaltung des Ablaufs der weltweiten Pandemie dar.

Fazit

Masken schützen vor dem Coronavirus. Trotzdem ist es angesichts der sinkenden Infektionszahlen nachvollziehbar, dass die Bundesländer die Corona-Maßnahmen wieder lockern wollen. Gerade aus dem Einzelhandel und der Textilbranche kamen immer wieder Forderungen, die Regeln zu lockern, da es die Kunden abschrecke und zu mehr Konsum in Online-Shops treibe. Sollten die Infektionszahlen in der Folge wieder steigen, wird mit Sicherheit auch die Maskenpflicht wiederkehren.
Quelle: mit Material von dpa, epd und reuters

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