Steigen die Zahlen nur, weil wir mehr testen?

von Robert Meyer
18.12.2020 | 16:28 Uhr
Wer mehr testet, findet auch mehr Corona-Infektionen. Deshalb müsse man sich keine Sorgen wegen steigender Fallzahlen machen. Aber stimmt das?
Mehr Tests - mehr Fälle? Es scheint logisch: Je mehr Menschen auf das neuartige Coronavirus getestet werden, umso mehr Infektionen fallen auf - weil viele symptomfreie Fälle sonst erst gar nicht entdeckt worden wären.
Seit Ende Juni testet Deutschland deutlich öfter. Wenn mehr Tests auch mehr Infektionsfälle finden, müsste auch die Zahl der Fälle im gleichen Maß hochgegangen sein. Doch die Zahl der Neuinfektionen hat nicht Schritt gehalten.

Mehr Tests bedeuten nicht automatisch mehr Fälle

Mehr Tests, mehr Fälle: Das ist nur die halbe Wahrheit. Die Zahlen des Robert-Koch-Instituts zeigen, dass die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen nur teilweise mit der Zahl der durchgeführten Tests zusammenhängt. In manchen Wochen haben die Labore sogar mit mehr Tests weniger Neuinfektionen gefunden.
In der folgenden, einmal wöchentlich aktualisierten Grafik sehen Sie die relativen Veränderungen von Corona-Tests (dunkelblau) und Neuinfektionen (hellblau). Die Grafik zeigt: Nur selten laufen beide Zahlen im Gleichschritt.
Oft lässt sich beobachten, dass der Zusammenhang zwischen Testzahl und Neuinfektionszahl schwach ist. Während die Zahl der durchgeführten Tests zum Beispiel seit August relativ stabil ist, stieg die Fallzahl trotzdemdeutlich an.

RKI: Auch andere Gründe für steigende Corona-Zahlen

Mehr Tests können "zu einem Anstieg der Fallzahlen führen, da zuvor unentdeckte Infizierte (auch ohne oder mit nur sehr milden Symptomen) erkannt werden", so das Robert-Koch-Institut. Aber: "Das heißt aber nicht, dass umgekehrt die beobachteten steigenden Fallzahlen nur mit dem vermehrten Testaufkommen zu erklären wären."

Positivrate: Wie hoch ist der Anteil positiver Corona-Tests?

Wären steigende Neuinfektionszahlen nur auf vermehrte Tests zurückzuführen, dürfte sich der Anteil positiver Ergebnisse nicht ändern. Folgende Grafik zeigt, wie viele Corona-Tests in Deutschland positiv ausgefallen sind:
Das bedeutet: Steigt dieser Wert, gibt es tendenziell mehr Anlass zur Sorge. Die Werte im einstelligen Prozentbereich wirken auf den ersten Blick klein. Aber ein Anstieg von nur 0,5 Prozentpunkten würde in mancher Woche Tausende zusätzlich entdeckte Fälle pro Woche bedeuten.
Hinzu kommt: Die Positivrate von einer Woche lässt sich nicht immer mit der Positivrate der vergangenen Woche vergleichen. Sie hängt maßgeblich auch von der Teststrategie ab. So werden seit Mitte November vor allem Menschen mit schweren Symptomen getestet - so können schwächere Infektionen durch das Raster fallen, die vorher in die Teststatistik eingeflossen sind.

Neuinfektionen, Reproduktionsrate, Todesfälle: Viele Zahlen entscheidend

Sich aber allein auf den Anteil positiver Tests zu verlassen, wäre falsch. Um die Corona-Lage einschätzen zu können, müssen viele andere Faktoren betrachtet werden. Genauso wichtig sind unter anderem die tägliche Zahl der Neuinfektionen, die Reproduktionsrate, die Zahl der belegten Intensivbetten oder die Zahl der Todesfälle.
Fazit: Die steigenden Fallzahlen in Deutschland lassen sich nicht allein auf steigende Testzahlen zurückführen. Mehr Tests sind nur einer von vielen Gründen. Um die ganze Lage beurteilen zu können, braucht es eine Reihe verschiedener Zahlen.

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