: Supermarkt-Kassierer statt Musical-Dirigent

von Meike Hickmann
30.10.2020 | 17:08 Uhr
Theaterschließungen bedeuten für viele Bühnenkünstler wegen fragwürdiger Verträge ‎Verdienstausfall. Für Freischaffende ist die Corona-Krise sowieso eine Katastrophe.
Theater müssen ab dem 2. November schließen - was bedeutet das für die Bühnenkünstler*innen?Quelle: dpa
Der Opernsänger will nicht, dass sein Name genannt wird - zu groß ist die Gefahr, dass er für die Theater zur "Persona non grata" wird: Wer sich beschwert, wird nicht gebucht. Er hat viele Jahre im Aus- und Inland drei Musikstudiengänge studiert, hat schon einige Rollen gesungen - und muss sich diese Spielzeit mit einem "Corona-Vertrag" zufriedengeben. "Sollte aufgrund der Corona-Pandemie nicht gespielt werden können, hat der Künstler keinen Anspruch auf Vergütung", zitiert er aus dem Vertrag.

Corona-Klausel besteht nicht vor dem Arbeitsgericht

Das heißt, die 500 bis 1.000 Euro Abendgage je nach Größe der Rolle entfallen. Es bleibt nur die Probenpauschale - solange diese denn stattfinden. "Mein Verdienst fällt zu großen Teilen weg." Der Vertrag könne nicht rechtens sein - unterschrieben hat er ihn trotzdem. "Man möchte nicht unbequem sein", sagt er.
Zum zweiten Mal zwingt die Politik Kulturbetriebe dazu, vorübergehend ihre Türen zu schließen. Diesmal protestieren die Betroffenen in offenen Briefen gegen die Maßnahmen.
Wolfgang Schwaninger ist sich sicher, dass kaum ein Vertrag vor einem Arbeitsgericht Bestand hätte. Trotzdem gebe es viele hunderte davon. Schwaninger ist selbst Opernsänger und Rechtsanwalt und arbeitet für die Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger (GDBA) in der Rechtsberatung, wo er Bühnenkünstler vertritt.
Die Theater wälzen seiner Meinung nach mit solchen Klauseln Risiken auf die Nicht-Festangestellten ab. Das sei in höchstem Maße ungerecht: "Es ist besonders skandalös, weil die Theaterbudgets aus öffentlicher Hand bezahlt werden", sagt er.

Überschüsse, während Gastspieler leer ausgehen

Das heißt das Theater bekomme das Budget von Stadt, Land oder Bund - zahle es bei diesen Verträgen aber zum Teil gar nicht aus. "Das Theater erwirtschaftet durch die Kurzarbeit zum Teil sogar Überschüsse, während die Gastspieler leer ausgehen", sagt er. Natürlich sei das nicht bei allen Theatern der Fall, einige würden sich auch in der Krise fair gegenüber ihren Künstler verhalten.
Bei schrumpfenden Ensembles seien viele Theater auf die Freischaffenden angewiesen - trotzdem verdienen diese oft schlechter als beispielsweise Bühnentechniker. Schwaninger sagt:
Dem Publikum ist das gar nicht bewusst, welche Lebensverhältnisse hinter dem schönen Schein auf der Bühne stecken.
Wolfgang Schwaninger, Rechtsberater

Hochspezialisiert, aber unterbezahlt

Solisten seien hochspezialisiert - es gebe Partien, die nur von 20 Leuten weltweit gesungen werden könnten. Trotzdem, so Schwaninger, seien ihre Gagen längst nicht mit hochspezialisierten Fachkräften in anderen Bereichen vergleichbar.

Einkommen von Bühnenkünstler*innen

Durchschnittliches Jahreseinkommen 2019 der Versicherten in der Künstlersozialkasse (KSK):

  • im gesamten Bereich Musik: 15.310 Euro
  • bei Berufsanfängern im Bereich Musik: 11.783 Euro
  • im gesamten Bereich Darstellende Kunst: 18.875 Euro
  • bei Berufsanfängern im Bereich Darstellende Kunst: 13.693 Euro
Die Zahl der KSK-Versicherten, das heißt der freischaffenden Künstler*innen steigt:

  • im Bereich Musik: 2009 waren es 44.718 Versicherte, 2019 waren es 54.032 Versicherte
  • im Bereich Darstellende Kunst: 2009 waren es 20.697 Versicherte, 2019 waren es 29.292 Versicherte

"Die Corona-Krise ist ein Brandbeschleuniger für das, was sowieso schon schlecht läuft", sagt der Opernsänger, der seinen Namen nicht nennen will. Und weiter:
Die Situation jetzt ist unerträglich.
Opernsänger, anonym
Für Arbeitslosengeld sei er nicht lang genug angestellt, Betriebsausgaben, die er geltend machen könnte, hat er nicht, Kurzarbeit gibt es auch nicht. Bleibe nur noch Hartz IV - wobei es da erst an das Ersparte geht, das aber Bühnenkünstler, deren Karriere oft kurz ist, für die Rente brauchen.
Kulturzeit-Gespräch mit dem Intendanten und Geschäftsführer des Mainzer Staatstheaters, Markus Müller, über die Schließung der Kultureinrichtungen zur Eindämmung der Pandemie.

Supermarkt-Kassierer statt Musical-Dirigent

Ein Kollege von ihm, der sonst große Musicals dirigiert, sitze jetzt bei Rewe an der Kasse. "Dass die Theater zu machen, ist gar nicht das eigentliche Problem", sagt er. Das sei nur die Spitze des Eisbergs.
Auch viele andere Einnahmequellen für freischaffende Musiker seien weggebrochen: Die Musikschulen sind zu, das Leiten von Amateurensembles, freie Konzerte, Chöre - seit März alles weg. Diese Engagements hätten bis zu einem Drittel seiner Einnahmen ausgemacht, erzählt der Sänger und Musiker.

Corona-Hilfen greifen nicht

"Die kulturelle Infrastruktur ist in Gefahr", sagt Experte Schwaninger von der GDBA. Die vereinzelten Hilfen der Länder greifen nicht. "Es gibt viel Not und Verzweiflung." Trotzdem falle es den Künstler schwer sich zu organisieren, sie seien Einzelkämpfer und die Hierarchie in den Theatern sei stark ausgeprägt.
Nur vereinzelt zögen Künstler etwa vor Gericht wegen unfairer Verträge oder Entschädigungen. Die Möglichkeit der Sammel- oder Musterklage wie im Verbraucherrecht gebe es in diesem Bereich nicht. "Es wird immer an denen gespart, die sich am schlechtesten durchsetzen können", sagt er.

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