Das Problem mit den Zahlen zur Sterblichkeit

von Katja Belousova
09.04.2020 | 11:00 Uhr
Wirkt sich das Virus auf die Gesamtzahl der Todesfälle in Deutschland aus? Diese Frage stellen sich aktuell viele Menschen. Sie zu beantworten, ist nicht so leicht.
In Deutschland sind laut Johns-Hopkins Universität derzeit etwa 113.000 Menschen am Coronavirus erkrankt. Zwar steigt die Zahl weiter, das Wachstum ist allerdings verlangsamt.
Kaum eine Zahl interessiert die deutsche Bevölkerung aktuell so sehr wie die der Coronavirus-Toten. Der Blick auf die Statistik der Neuverstorbenen ist zur täglichen Routine geworden. Zurzeit zählt die Johns-Hopkins-Universität mehr als 2.300 bestätigte Covid-19-Todesfälle in Deutschland - eine Steigerung um mehr als 300 Menschen im Vergleich zum Vortag.
Diese Zahlen sind nicht unumstritten. Erstens, weil alle Menschen, die Corona-positiv sind und sterben, als Todesfälle in die Statistik einfließen - unabhängig davon, ob die Todesursache wirklich die Krankheit oder doch eine andere Vorerkrankung war. Im Gegenzug bleiben auch viele Tote unentdeckt.

Wie werden Grippe-Tote gezählt?

Da auf dem Totenschein in vielen Fällen nicht "Influenza" als Todesursache verzeichnet wird, kann die Zahl der Grippetoten in jeder Saison nur geschätzt werden. Dazu wird ermittelt, wie viele Menschen in einem bestimmten Zeitraum statistisch sowieso gestorben wären - ohne kursierende Grippewelle. Dies ist die sogenannte "Hintergrundmortalität". Dann beobachten die Experten, wie hoch der zusätzliche Mortalitätsanstieg ausgefallen ist. Diese sogenannte "Übersterblichkeit" wird der Grippewelle zugeschrieben.

Wie werden Corona-Todesfälle gezählt?

Quelle: apTote in Italien
Stirbt in Deutschland ein positiv auf das Coronavirus getesteter Mensch, geht er als Corona-Todesfall in die Statistik des Robert-Koch-Instituts (RKI) ein - unabhängig davon, ob er direkt an Covid-19 gestorben ist oder möglicherweise an einer anderen Ursache:

Das RKI zählt also zu den Corona-Todesfällen einerseits Menschen, die direkt an der Coronainfektion und deren Begleiterscheinungen (wie z.B. Lungenentzündung) gestorben sind. Andererseits gelangen auch Menschen in die Statistik, die eine Vorerkrankung hatten und bei denen es nicht sicher ist, was letztendlich die Todesursache war.

Gibt es durch diese Zählung übermäßig viele Todesopfer?

Vermutlich nicht. Denn welche Ursache letztendlich zum Tod des Patienten geführt hat, lässt sich in vielen Fällen nicht eindeutig feststellen - und in den allermeisten Fällen wären Patienten mit Vorerkrankungen ohne die Corona-Infektion vermutlich nicht zu diesem Zeitpunkt, sondern erst später gestorben, zitiert der SPIEGEL den Infektiologen John Ziebuhr von der Universität Gießen. Vor allem aber schätzt das RKI, dass die Zahl der Corona-Toten in Deutschland tendenziell eher unter- als überschätzt wird:

"Ich gehe eher davon aus, dass wir mehr Tote haben als offiziell gemeldet werden", sagte RKI-Chef Lothar Wieler beim "RKI-Briefing" am 3. April. "Das liegt daran, dass man einfach nicht bei jedem Menschen es schafft, ihn zu testen." Zudem sei es in vielen Fällen nicht mehr möglich, das Virus nachträglich bei einer Obduktion nachzuweisen.

Autor: Oliver Klein

Deutsche Todeszahlen nur bedingt zu vergleichen

Zweitens sind die deutschen Zahlen nur bedingt vergleichbar mit Todeszahlen und -raten in anderen Ländern. Dafür gibt es mehrere Gründe:
  • Je nach Staat stehen unterschiedlich viele Intensivbetten zur Verfügung, die Gesundheitssysteme sind unterschiedlich gut auf die Fälle vorbereitet.
  • Das Durchschnittsalter der Infizierten variiert von Land zu Land, in Deutschland sind die Erkrankten im Mittel etwa jünger als in Italien. Ältere Menschen sterben eher infolge des Virus als jüngere.
  • Die Todesrate variiert je nachdem, wie die Länder testen. Je intensiver Länder auf das neuartige Virus hin testen, desto mehr Infizierte - auch ohne Symptome - fallen auf wie etwa in Deutschland. Das senkt den prozentualen Anteil der Toten gerechnet auf die Gesamtzahl der Infizierten.

Übersterblicheit in Deutschland wegen Corona?

Und drittens sagen die aktuellen Todeszahlen wenig darüber aus, ob in Deutschland mehr Menschen sterben als sonst zu diesem Zeitpunkt. "Aktuell befinden wir uns in der Krisenbewältigung der Pandemie, sodass mit verlässlichen Erkenntnissen erst mit hinreichendem zeitlichen Abstand zu rechnen ist", antwortet das Statistische Bundesamt auf eine entsprechende Anfrage von ZDFheute.
Für eine Übersterblichkeit mit auffälligen Abweichungen nach oben in den Monaten Januar bis März 2020 haben wir aktuell keine Hinweise.
Statistisches Bundesamt
Schwer zu vergleichen sind die Zahlen zurzeit deshalb, weil die Todesfälle von Januar bis März von Jahr zu Jahr wegen der Grippesaison variieren. So gab es im März 2018 während einer besonders schweren Grippewelle über 100.000 Tote. 2017 verzeichnet das Statistische Bundesamt im März dafür "nur" knapp über 82.000 Tote, im März 2019 waren es über 86.000.
Laut Statistischem Bundesamt lassen sich die Sondereffekte der Corona-Pandemie also nach der Grippesaison leichter erkennen. Nach Ostern sollen zunächst tagesgenaue Sterbefallzahlen veröffentlicht werden.

Corona-Sterblichkeit ist nicht alles

Unabhängig davon, ob es in Deutschland schon eine Übersterblichkeit infolge des Coronavirus gibt oder wann sie erkennbar sein wird, besteht Handlungsbedarf. Denn das Virus gilt als besonders infektiös und könnte, wenn ihm nicht entgegengewirkt wird, auch ein Gesundheitssystem wie das deutsche schnell überlasten.
Anders als etwa bei der Grippe gibt es zudem noch keine Impfung gegen den neuen Sars-Cov-2-Erreger und bisher wurde kein wirksames Medikament gegen Covid-19 gefunden.
Um eine angemessene Reaktion auf die Pandemie zu finden, reicht es also nicht, alleine darauf schauen, wie viele Menschen bereits in Deutschland gestorben sind.

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