: Falschinformationen in Zeiten des Krieges

von Maria Leidinger
24.05.2022 | 14:24 Uhr
Was ist wahr und was nicht? Ein Psychologe und ein Kommunikationswissenschaftler über die Rolle von Lügen, Fake News und Desinformationen in Kriegs- und Krisenzeiten.
Ermittler für Kriegsverbrechen in Butscha, UkraineQuelle: dpa
Brennende Gebäude, eingenommene Städte, Massengräber - viele Bilder, Videos oder Texte vom Krieg in der Ukraine lassen sich aus der Ferne schlecht überprüfen. Von den beiden Kriegsparteien gibt es oft sehr unterschiedliche Informationen zu den Ereignissen.
Nach den Massakern in Butscha behauptete das russische Verteidigungsministerium, Butschas Bürgermeister Anatoly Fedoruk habe in einem Video am 31. März bestätigt, dass sich keine russischen Truppen mehr in der Stadt aufhalten würden. Von Leichen Einheimischer sei dabei keine Rede gewesen, was von russischer Seite als Beleg für eine angebliche Inszenierung der Taten herangezogen wurde.
Dass der Bürgermeister gegenüber der Nachrichtenagentur AP bereits am 7. März über Leichen in den Straßen Butschas berichtete und auch später immer wieder russische Gewalttaten anprangerte, wurde von der russischen Regierung verschwiegen.

Die öffentliche Meinung ist auch in Konflikten und Kriegen ausschlaggebend. Information und Desinformation finden dabei immer mehr im Internet statt - auch auf der Plattform TikTok.

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"Das erste Opfer eines Krieges ist die Wahrheit"

Schon lange spielen Lügen eine entscheidende Rolle im Krieg. Bereits vor 100 Jahren kam der amerikanische Politiker Hiram Johnson zu dem Schluss: "Das erste Opfer eines Krieges ist die Wahrheit."
Ähnlich äußert sich auch Matthias Gamer. Er ist Professor für Experimentelle Klinische Psychologie an der Universität Würzburg.
"Viele große Kriege sind durch Lügen gerechtfertigt oder begonnen worden.
Matthias Gamer, Psychologe
Als Beispiel nennt Gamer ein Treffen zwischen Adolf Hitler und dem damaligen britischen Regierungschefs Neville Chamberlain. "Chamberlain wurde damals von Hitler klar belogen", erzählt Gamer.

Die positive und die negative Lüge

Psychologe Matthias Gamer unterscheidet anhand des Motivs zwei Arten von Lügen. Zum einen gibt die egoistische Lüge, mit der man sich beispielsweise einen Vorteil verschaffen möchte. Daneben gibt es die "altruistische" Lüge, mit der man Mitmenschen schützen oder Schaden von ihnen abwenden möchte. Beispiel für eine positive Lüge: Ein Erwachsener lügt für ein Kind, das etwas angestellt hat, um es zu schützen.

Nicht jede falsche Information ist eine Lüge

Manchmal werden falsche Informationen weitergegeben, ohne zu wissen, dass diese nicht der Wahrheit entsprechen. Wenn man eine Information nach bestem Wissen und Gewissen weiterverbreitet, auch wenn diese Information falsch ist, ist man kein Lügner, sagt Gamer. Das Gegenteil von der Lüge ist demnach nicht die Wahrheit, sondern die Wahrhaftigkeit.

Eindeutig gelogen oder nicht besser gewusst?

Nicht immer lässt sich anhand von Fakten überprüfen, ob eine Aussage gelogen war, erklärt Psychologe Matthias Gamer. Das Problem ist, dass man oft nicht weiß, ob eine Person bewusst eine falsche Information weitergegeben hat oder einfach einem Irrtum aufgesessen war, so Gamer.

Als Beispiel nennt er Falschaussagen von Donald Trump. Die Washington Post hatte es sich zur Aufgabe gemacht, diese zu zählen und zu veröffentlichen. Doch welche dieser Falschaussagen hat Donald Trump bewusst verbreitet und an welche glaubte der Ex-Präsident selbst? Nur bei einigen Falschaussagen konnte Trump durch Beweise als Lügner entlarvt werden, bei vielen anderen könne man nur spekulieren, so Gamer.

Was ist eine Desinformation?

Laut Medien- und Kommunikationswissenschaftler Matthias Kohring sind Desinformationen Falschaussagen, die im Stil von journalistischen Nachrichten verbreitet werden. Mit der Tarnung des Journalismus wolle die Desinformation ihre Glaubwürdigkeit steigern. Dass eine Desinformation falsch ist, kann man ihr deshalb nicht unmittelbar ansehen, so Kohring. Falsch sei die Desinformation aber immer.

Laut Kohring sind Desinformationen deshalb kein Irrtum. Diejenigen, die Desinformationen in die Welt setzten, täten dies in dem Wissen, dass die Informationen falsch sind. Man will die Menschen in dem Glauben lassen, dass das Verbreitete wahr ist - obwohl das Gegenteil der Fall ist, so Kohring.

Der Unterschied zwischen Fake News und Desinformationen

Desinformationen und Fake News umschreiben heutzutage im weiteren Sinne Falschinformationen, so Kommunikationswissenschaftler Matthias Kohring. Das sei jedoch nicht immer so gewesen. Früher verstand man in der Wissenschaft unter dem Begriff Fake News Nachrichtensatire, erklärt der Wissenschaftler.

Während der Begriff Fake News damals nichts Verwerfliches bezeichnete, ist er heute eher negativ belastet, so Kohring. Auslöser dafür sei der amerikanische Wahlkampf im Jahr 2016 gewesen. Donald Trump und später weitere Politiker fingen an, den Begriff für sich zu instrumentalisieren, um damit unliebsame Berichterstattung zu diskreditieren, so Kohring. Nach dem amerikanischen Wahlkampf sei der Begriff deshalb in der Wissenschaft verpönt gewesen. Man spricht laut Kohring stattdessen von Desinformationen.

Der Premierminister reiste 1938 nach Deutschland, um den schwelenden Konflikt in Europa zu entschärfen. "Basierend auf den Lügen von Hitler wurden in Großbritannien sicherlich auch bestimmte Entscheidungen getroffen, die Auswirkungen auf den Beginn des Zweiten Weltkrieges hatten." Hätten die Briten gewusst, dass sie belogen wurden, hätten sie wahrscheinlich anders entschieden.
"Und dann gibt es da noch den berühmten Auftritt von Colin Powell im UN-Sicherheitsrat", führt Gamer weiter aus. Gemeint ist eine Rede von US-Außenminister Colin Powell im Jahr 2003. Powell warf dem Irak damals den Besitz von Massenvernichtungswaffen vor und begründete damit die US-Intervention im Irak. "Hier hat Powell, wie sich später herausstellte, eindeutig gelogen."

Seit Anbeginn der Zeit gehört die Lüge zum Krieg. Als Propaganda wird sie zur mächtigen Waffe. Mit dem Wandel der Medien verändert sich auch der Krieg selbst.

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Die Lügen von Wladimir Putin

"Ähnlich wird es nun mit Putin sein", analysiert der Psychologe. "Man kann nicht in den Kopf des russischen Präsidenten hineinschauen, aber vieles, was er sagt - da kann man sich sicher sein - wird Putin selbst nicht glauben. Und damit lügt er."
Auch Außenministerin Annalena Baerbock hat dem russischen Präsidenten Wladimir Putin vorgeworfen, zu lügen. Vor Kriegsbeginn waren die Politikerin und Kanzler Olaf Scholz nach Moskau gereist, um mit Putin in den Dialog zu treten. Damals stellte es Putin noch so dar, dass er keinen Krieg in der Ukraine plane. Rückblickend kommt Baerbock zu dem Schluss:
Wir wurden eiskalt belogen. Der Kanzler wurde belogen, ich vom russischen Außenminister, die gesamte internationale Gemeinschaft.
Annalena Baerbock, Außenministerin
Nichtsdestotrotz will Baerbock an ihren Werten festhalten. Man könne nun nicht sagen, "weil der eine lügt, lügen wir jetzt auch".

Der russische Präsident hat den Angriffskrieg gegen die Ukraine bei einer Militärparade in Moskau mit einer Bedrohung durch die Nato begründet. Er kündigte aber keine Generalmobilmachung an, wie von einigen Beobachtern befürchtet worden war.

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Fake News und Desinformationen

Neben der Lüge ist im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine von Fake News oder Desinformationen die Rede. "Das Verständnis der Desinformation liegt sehr nah an dem der Lüge", sagt Psychologe Gamer.
Ob bei der Lüge oder bei der Desinformation, man will eine Information mit einer gewissen Absicht verfälschen und veröffentlichen.
Matthias Gamer, Psychologe
Bei der Lüge und bei der Desinformation werde das Kriterium erfüllt, dass Kommunikatoren die Wahrheit kennen und trotzdem falsche Informationen verbreiten würden.

Wie zuverlässig sind Angaben aus dem Ukraine-Krieg?

Viele Informationen, die uns aus dem Ukraine-Krieg erreichen, kommen von offiziellen russischen oder ukrainischen Stellen - also von den Konfliktparteien selbst. Solche Informationen sind deshalb nicht notwendigerweise falsch, aber zunächst nicht von unabhängigen Stellen überprüft. Eine solche Überprüfung ist wegen des Kriegsgeschehens oft nicht oder zumindest nicht unmittelbar möglich. Das ZDF trägt dieser Situation Rechnung, indem es Quellen nennt und Unsicherheiten sprachlich deutlich macht.

Zudem greifen die Informationsangebote des ZDF in ihrer Berichterstattung auf viele weitere Quellen zurück: Sie berichten mit Reportern von vor Ort, befragen Experten oder verweisen auf Recherchen anderer Medien. Zudem verifiziert ein Faktencheck-Team kursierende Aufnahmen und Informationen.

Warum werden dennoch Aussagen der Konfliktparteien zitiert?

Das ZDF ist in seiner Berichterstattung dem Grundsatz der Ausgewogenheit verpflichtet. Dazu gehört, grundsätzlich beide Seiten zu Wort kommen zu lassen. Gleichzeitig sehen wir es als unsere Aufgabe an, Aussagen auf Grundlage der vorliegenden Informationen einzuordnen und darüber hinaus - beispielsweise in Faktenchecks - Propaganda auch als solche zu entlarven und kenntlich zu machen.

Warum ist häufig von "mutmaßlich" die Rede?

Die Sorgfalt und Ausgewogenheit, denen das ZDF verpflichtet ist, beinhalten auch, sachliche Unwägbarkeiten transparent zu machen und Vorverurteilungen zu vermeiden. Ist ein Sachverhalt nicht eindeutig bewiesen, muss diese Unsicherheit offengelegt werden. Das geschieht in der Regel durch Formulierungen wie "mutmaßlich" oder "offenbar". Damit wird klar, dass zum Zeitpunkt der Berichterstattung aufgrund der vorliegenden Erkenntnisse davon ausgegangen wird, dass sich ein Ereignis so zugetragen hat wie dargestellt, die letzte Gewissheit allerdings (noch) fehlt.

Das gilt zum Beispiel auch bei der Berichterstattung über Gerichtsprozesse: Eine Person gilt so lange als "mutmaßlicher Täter", bis ein Gericht ein rechtskräftiges Urteil gesprochen hat.

Medien- und Kommunikationswissenschaftler Matthias Kohring von der Universität Mannheim erklärt dazu:
Desinformationen sollen bestimmte Narrative stützen, die man verbreiten will.
Matthias Kohring, Medien- und Kommunikationswissenschaftler
Narrative würden eine bestimmte Geschichte erzählen, mit deren Hilfe man Ereignisse einordnen und mit Sinn versehen könne, so Kohring. Deshalb warnt er:
Das wirklich Gefährliche an Fake News sind daher die Narrative, die mit ihnen verknüpft sind.
Matthias Kohring, Medien- und Kommunikationswissenschaftler

Eigentlich ist russisches Staatsfernsehen in Deutschland seit Wochen verboten, doch Russlands Propaganda wird hierzulande weiterhin über das Videoportal TikTok und andere soziale Netzwerke an Russischsprachige verbreitet – auch zum Ukraine-Krieg.

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Desinformationen im Ukraine-Krieg

So würde im Krieg gegen die Ukraine von russischer Seite das Narrativ verbreitet werden, Russland "befreie" das ukrainische Volk von einer "bösartigen Elite". "Damit dieses Narrativ des Befreiungskrieges geglaubt wird, muss man natürlich die entsprechenden Fakten liefern", so Kohring. "Wenn es diese Fakten nicht gibt, muss man sie halt erfinden." Der Medien- und Kommunikationswissenschaftler ergänzt:
Wenn solche Narrative in der Bevölkerung Erfolg haben, dann werden diese Menschen zu freiwilligen Helfern bei der Weiterverbreitung. Entweder, weil sie wirklich daran glauben oder weil die Desinformation in das Weltbild dieser Menschen passt.
Matthias Kohring, Medien- und Kommunikationswissenschaftler
Ein Beispiel hierfür ist die Bombardierung einer Geburtsklinik in Mariupol durch russische Truppen im März: Der russische Botschafter im UN-Sicherheitsrat warf der Ukraine vor, die Bilder und Videos verletzter Menschen mit Schauspielern inszeniert zu haben. Russlands Außenminister Sergej Lawrow leugnete den Angriff hingegen nicht, behauptete aber, dass sich dort keine Zivilisten, sondern ausschließlich rechtsradikale, ukrainische Kämpfer befunden hätten.

Lüge und Wahrheit: Meinungsmacher und die Macht der Informationen. Wie einflussreiche Persönlichkeiten unsere Geschichte prägen.

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Nicht immer ist eine Lüge schlecht

Laut Psychologe Gamer ist aber nicht jede Lüge grundsätzlich verwerflich - auch nicht im Krieg.
Eine dramatische positive Lüge gab es im Nationalsozialismus. Hier haben Menschen Juden versteckt und dann darüber gelogen. Das war moralisch natürlich absolut positiv - obwohl gelogen wurde.
Matthias Game, Psychologe
Lügen werden erst dann problematisch, wenn sie aus egoistischen Motiven entstehen und andere dadurch Schaden nehmen, sagt Gamer. Man müsse immer individuell abschätzen, "ab wann eine Lüge für eine weitere Person Schaden erzeugt".
Quelle: ZDF

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