Wie argumentieren gegen Verschwörungsmythen?

von Katja Belousova
15.08.2020 | 09:34 Uhr
Was kann man tun, wenn Freunde und Familie plötzlich an Verschwörungsmythen glauben? Mit ihnen diskutieren - und Gegenargumente präsentieren. Ein Überblick.
Quelle: dpaAuf Corona-Demos gehen regelmäßig Menschen gegen die Corona-Bestimmungen auf die Straße - und verbreiten dabei zum Teil Verschwörungsmythen.
Die Corona-Pandemie ist eine Hochzeit für Verschwörungsmythologen. Denn je verunsicherter Menschen sind, desto empfänglicher werden sie für deren Erzählungen. Schwierig wird es, wenn Menschen aus dem nahen Umfeld plötzlich Verschwörungserzählungen glauben. Niemand will im Familien- oder Freundeskreis streiten, dennoch sollte man versuchen, dem etwas entgegenzusetzen.

Debunking von Verschwörungserzählungen

Eine Methode, die dabei helfen kann, ist das sogenannte Debunking - das Entlarven der Verschwörungserzählung. Dabei muss man sich aber bereits gut mit dieser auseinandergesetzt haben. Experte Michael Butter von der Uni Tübingen nennt in seinem Buch "Nichts ist wie es scheint - Über Verschwörungstheorien" verschiedene Tipps, wie man das Debunking angehen kann:
  • Man sollte vermeiden, die Annahmen zu wiederholen, gegen die man argumentiert. Es kann sein, dass diese sich genau dadurch beim Gegenüber verfestigen.
  • Daher sollte man die Verschwörungserzählung am besten erst dann ansprechen, nachdem man die bessere Erklärung geliefert hat.
  • Bevor man über die Verschwörungserzählung spricht, sollte man eine "Triggerwarnung" geben, dass nun Falschinformationen wiedergegeben werden.
  • Man sollte sich in seiner Erklärung auf das Wesentliche konzentrieren, zu viele Details können vom Hauptargument ablenken.
Überhaupt ist es vermutlich sinnvoller, nicht gleich die Grundannahmen des Gedankengebäudes anzugreifen, sondern niederschwelliger anzufangen - etwa mit Quellen für manche Aussagen oder Detailbehauptungen.
Michael Butter

Medienkompetenz vermitteln

Zudem raten Experten wie Butter dazu, Menschen Medienkompetenz zu vermitteln, also die Fähigkeit, kritisch mit Inhalten umzugehen, auf die man im Internet oder den Sozialen Medien stößt. Dazu zählen etwa:
  • das Hinterfragen von Quellen
  • das Bewerten, ob Inhalte aus dem Zusammenhang gerissen sind
  • das Unterscheiden zwischen seriösen und nicht seriösen Nachrichtenquellen
Bei Menschen, die von den Theorien überzeugt sind, hat man mit Fakten oft wenig Chance, sagt Michael Butter.

Muster von Verschwörungserzählungen

Ein weiteres wichtiges Instrument: Darauf aufmerksam zu machen, welchen Mustern Verschwörungserzählungen folgen und welche Widersprüche sie aufweisen:
  • Sie nutzen gezielt Unterscheidungen wie "Gut gegen Böse"
  • Es kommt eine elitäre Verschwörergemeinschaft vor, die im Hintergrund die Fäden zieht - mal "die Juden", mal Bill Gates, mal dubiose Geheimdienste
  • Verschwörungstheorien lassen keinen Raum für Zufall
Man erinnere sich an die unhaltbare Behauptung, das Virus stamme aus einem Labor in Wuhan. Grund für die Erzählung: Ausgerechnet in Wuhan befindet sich ein Institut für Virologie. Ein Zufall, den viele so nicht stehen lassen wollen.

Das Problem mit den Mitwissern

Um die Widersprüche zu finden, lohnt es sich etwa darauf zu verweisen, wie viele Mitwisser eine große Verschwörungserzählung haben müsste - und wie unwahrscheinlich es ist, dass keiner von ihnen etwas ausplaudert.
Dazu hat der Mathematiker David Robert Grimes sogar eine Formel aufgestellt: Bei der Zahl an Mitwissern, hätte etwa die Mondlandungs-Verschwörung keine vier Jahre geheim gehalten werden können. Je mehr Mitwisser eine mögliche Verschwörung hat, desto eher müsste sie also auffliegen.

Tipps für eine konstruktive Diskussion

Vor allem ist es aber wichtig, in der Argumentation ruhig und sachlich zu bleiben, sich nicht von seinen Emotionen leiten zu lassen. Die Argumentationstrainerin Romy Jaster hat ZDFheute fünf Tipps für eine Diskussion mit Andersdenkenden an die Hand gegeben:
Corona spaltet. Befürworter und Gegner von Corona-Maßnahmen stehen sich gegenüber. Doch wie gelingt eine Diskussion mit Andersdenkenden?

Literaturtipps

Empfehlenswert ist nicht nur Michael Butters Buch "Nichts ist wie es scheint - Über Verschwörungstheorien", sondern auch das erst kürzlich erschienene "Fake Facts - Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen" von Katharina Nocun.

Tipps im Internet

Viele Nachrichtenseiten im Netz bieten Faktenchecks an, etwa die Tagesschau, der Bayerische Rundfunk, Seiten wie Mimikama oder Correctiv - oder auch der ZDFheuteCheck. Das Projekt First Draft hat eine ganze Datenbank zu Fake News rund um die Corona-Pandemie zusammengestellt.

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