: In Churchill klopfen die Eisbären ans Fenster

von Katharina Schuster
27.02.2021 | 18:16 Uhr
"Hey, wir wollen Eisbären sehen" - in Churchill kein Problem. Dort leben Menschen und Bären in friedlicher Koexistenz. Doch der Klimawandel nimmt den Tieren die Lebensgrundlage.
Jedes Jahr im Spätherbst sammeln sich rund um Churchill zahlreiche Eisbären.Quelle: ap
Mein Nachbar, der Eisbär - was nach einem Einstieg in einen fiktiven Abenteuer-Roman klingt, könnte in Churchill Auszug eines Tagebucheintrags sein. "Welthauptstadt der Eisbären" - so nennt sich die kanadische Kleinstadt an der Küste der Hudson Bay, und das ist keine Übertreibung. In dem 800-Seelen-Ort leben Menschen "Tür an Tür" mit den größten Landraubtieren der Welt.
"Theoretisch besteht das ganze Jahr über die Möglichkeit, beim Wandern auf einen Eisbären zu treffen", erzählt die Österreicherin Claudia Grill, die seit 2016 in Churchill lebt. "Doch, auch wenn die Bären hin und wieder vor meinem Schlafzimmerfenster auftauchen könnten", im Winter beschäftigen sich die Raubtiere vor allem mit der Jagd auf Robben.
Etwa 900 Eisbären wandern im Herbst jährlich vom Landesinneren an die Küste Churchills. Sie warten dort, bis das Meer zufriert und ihre Beute auftaucht. Den ganzen Sommer über haben sie kaum etwas gefressen, entsprechend groß ist der Hunger.

Die Eisbären und der Klimawandel

Die Wartezeit der Eisbären ist die gefährlichste Zeit für Churchill. Dann gehört es zur Tagesordnung, dass auch mal ein hungriger Bär durch die Stadt trottet. Seit den 1960er-Jahren kamen immer mehr Tiere in die Stadt, die Einwohner*innen dachten an eine Zunahme des Eisbären-Bestandes.
Churchill liegt etwa 1.700 km nördlich von Winnipeg, im Norden der kanadischen Provinz Manitoba direkt am arktischen Binnenmeer.Quelle: ZDF
Die traurige Wahrheit: Untersuchungen der Weltnaturschutzunion IUCN ergaben, dass sich Churchills wachsende Attraktivität bei den Eisbären nicht durch ihre größer werdende Population erklärt, sondern eine Folge des Klimawandels ist.
Der Eisbär-Bestand ist in den letzten 20 Jahren um 20 Prozent zurückgegangen.
Sybille Klenzendorf, Artenschutzexpertin
Die wegen der Klimaerwärmung immer früher einsetzende Eisschmelze und die immer später einsetzende Eisbildung verkürzt die Jagdzeit der Tiere, macht Sybille Klenzendorf klar. 22 Jahre lang hat sie für die Umweltorganisation WWF die USA-Artenschutz-Abteilung geleitet. Mindestens einmal im Jahr war sie dafür in Churchill. "Weil die Bucht immer länger eisfrei bleibt, bleiben die Bären länger an Land und das begünstigt auch, dass sie öfter in die Kleinstadt kommen."
Durch den Klimawandel sind die Eisbären im Schnitt sechs bis acht Wochen länger an Land als noch vor 20 Jahren.
Sybille Klenzendorf, Artenschutzexpertin
Die Eisbären haben somit weniger Zeit, um sich eine Fettschicht für die Sommer- und Herbstmonate anzufressen. Die Folge: Die Tiere verlieren kontinuierlich Gewicht und bekommen deshalb auch weniger Nachwuchs. "Wenn die erwachsene Generation stirbt, kommt keine neue nach - deshalb ist der Rückgang sehr abrupt", sagt Klenzendorf.
Wir sehen nicht überall verhungerte Eisbären, sondern sie sind alle einfach dünner.
Sybille Klenzendorf, Artenschutzexpertin

Die Eisbären von Churchill

Eisbären in freier Wildbahn sehen - ein Traum, der sich im Norden Kanadas verwirklichen lässt. Doch wie lange noch? Der Klimawandel lässt das Eis schwinden und die Jagdsaison kürzer werden.

Quelle: ZDF/Chadden Hunter

Zukunft der Churchill-Eisbären

"Grundsätzlich haben die Menschen großen Respekt vor den Bären, nicht nur, weil sie Raubtiere sind, denen man besser nicht zu nahekommt", erzählt Grill. "Sondern auch, so sagen viele, weil sie einfach zuerst hier waren und ihnen Churchill quasi mitten auf ihre jährliche Migrationsroute "gesetzt" worden ist."
Das Zusammenleben von Mensch und Raubtier, das funktioniere sehr gut, so Grill. Doch wie lange noch, wenn die globale Erderwärmung die Hudson Bay immer später zufrieren lässt? "Die Eisbären sind wahrlich die Könige der Arktis, mächtig und respekteinflößend – und gleichzeitig so fragil", stellt die 38-Jährige fest. Das gilt für die Churchill-Bären genauso wie für Eisbären weltweit.
Claudia Grill setzt sich für den Schutz der Eisbären in Churchill ein.Quelle: privat/Claudia Grill
"Früher wurden Eisbären, die zu gefährlich wurden, geschossen, heute versucht man jeden Einzelnen zu retten", macht Artenschutzexpertin Klenzendorf klar und wird dann grundsätzlich: "Vorhersage ist, dass wir bis 2050 ungefähr ein Drittel der Eisbär-Population verlieren werden. Das Drittel können wir nicht mehr aufhalten, aber dass wir die Art verlieren, die ganze Spezies, das können wir mit dem Pariser Klimaschutzabkommen noch verhindern." 

Wie Churchill mit "Problembären" umgeht

Quelle: privat/Claudia Grill
Eisbären, die für die Futtersuche oder aus Neugier immer wieder in die Stadt kommen, werden "Problembären" genannt. Um sie kümmert sich die sogenannte "Eisbärenpolizei". "Das sind im Grunde Wildhüter, die vom Spätsommer bis Anfang Winter mehr oder weniger 24 Stunden im Einsatz sind", erzählt Grill. "Sie patrouillieren rund um die Stadt, um sicherzustellen, dass sich keine Bären in die "sichere" Zone begeben. Falls ja, werden sie mit Schreckschusspistolen verjagt."

Funktioniert das nicht, werden sie betäubt und in die sogenannte "Polar Bear Holding Facility" gebracht. In der Halle bleiben die Tiere etwa 30 Tage. "Von dort werden sie dann per Helikopter weiter im Norden ausgesetzt – in der Hoffnung, dass sie auf dem Weg zurück einen Bogen um die Stadt machen bzw. erst wiederkommen, bis das Meereis gefroren ist." Das System funktioniert - seit über 30 Jahren hat es keine Todesopfer wegen Eisbären gegeben.

Für Artenschutz-Expertin Klenzendorf stellt die Halle kein Eisbärengefängnis dar, sondern dient dem Schutz von Menschen und Eisbären. Es sei eine Art Überwinterungs- bzw. "Übersommerungslager", denn während sich andere Tiere im Sommer den Bauch vollschlagen, leben Eisbären von der Substanz und werden im Winter aktiv. "Sie halten Sommerruhe, um weniger Energie zu verbrauchen."

Der Autorin auf Twitter folgen: kathi_diana7.

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