: Muss Bello bald sterben?

von Florian Neuhann
14.09.2021 | 17:12 Uhr
Am Mittwoch entscheidet das EU-Parlament über Leben und Tod unserer Haustiere - diesen Eindruck erweckt der Tierärzte-Verband in einer erfolgreichen Kampagne. Was steckt dahinter?
Eine Tierärztin untersucht einen Rauhaardackel im Operationssaal.Quelle: dpa
Zwei Hundeaugen, die einen mitleidsvoll anstarren. Und die Schlagzeile: "Mein Leben ist in Gefahr!" Wer zuckt da nicht zusammen?
Tatsächlich ist die Kampagne des "Bundesverbandes praktizierender Tierärzte" so erfolgreich wie wenige. Hunderttausende Unterschriften bei einer Petition, Abgeordnete, die von verunsicherten Haustierbesitzern bedrängt werden.

Will das EU-Parlament die Behandlung von Haustieren mit Antibiotika verbieten?

Nein. Aber die Wirklichkeit ist wie immer komplizierter. Wer nachbohrt, erlebt eine massive Lobbyschlacht, in der sich beide Seiten gegenseitig "Desinformationskampagnen" vorwerfen.
Es geht um ein immer größer werdendes Problem: Bakterien, die gegen Antibiotika resistent sind - und die einer Studie zufolge schon jetzt 33.000 Todesfälle in Europa pro Jahr verursachen. Solche Resistenzen entstehen, weil Antibiotika immer häufiger eingesetzt werden. Beim Menschen - aber auch in der Tierzucht.
Wissenschaftler warnen auch vor Superkeimen, die durch den massiven Einsatz von Antibiotika entstehen. Mehr dazu, hier im Video:
Immer mehr Menschen sterben EU-weit an den Folgen von Infektionen mit antibiotikaresistenten Bakterien. Wissenschaftler warnen vor Superkeimen.
Deshalb sollen nun gewisse "Reserve-Antibiotika" vorrangig dem Menschen vorbehalten werden.

Es geht also erst einmal um Menschenleben

Das Problem: 40 Prozent der Reserve-Antibiotika werden in der Massentierhaltung in Hühnerställen eingesetzt", sagt der Grünen-Europaabgeordnete Martin Häusling.
Damit werden Tiere behandelt, die gar nicht krank sind. Das erhöht das Risiko von Resistenzen enorm.
Martin Häusling, Grünen-Abgeordneter
Der Vorschlag der Kommission, der auch eine Ausnahmeklausel enthält, nach der Reserve-Antibiotika in der Tiermedizin genutzt werden dürfen, ging Häusling nicht weit genug. Er forderte die Kommission auf, den Einsatz der Reserve-Antibiotika stärker zu begrenzen. Sein Einspruch fand eine Mehrheit im zuständigen Umweltausschuss des EU-Parlaments. Am Mittwoch wird nun im Plenum darüber abgestimmt.
Gefahr durch Reserveantibiotika in der Tiermast

Ist das dann ein Antibiotika-Verbot für Haustiere?

Sollte der Entschluss eine Mehrheit finden, wären bald einige wichtige Antibiotika nicht mehr für die Tiermedizin zugelassen.
Heiko Färber, Verband praktizierender Tierärzte
Das habe "dramatische Auswirkungen" für die Behandlung auch von Haustieren, meint Heiko Färber vom Verband praktizierender Tierärzte. Es ist eine Einschätzung, der ein Kommissionsbeamter widerspricht: Ein Parlamentsbeschluss würde lediglich "bedeuten, dass die Arbeit von vorn beginnen muss."
Und so erheben die Grünen schwere Vorwürfe gegen den Tierärzte-Verband: Dieser missbrauche die Tierliebe als Vorwand, damit seine Mitglieder weiter Geld mit den Antibiotika in der Massentierhaltung verdienen können. Anders als Humanmediziner verkaufen Tierärzte ihre Medikamente nämlich direkt. Unsinn, sagen die Tierärzte - ihnen gehe es um Tiergesundheit.

Dabei gäbe es eine auf den ersten Blick einfache Lösung

Könnte man Antibiotika für den vorsorglichen Gebrauch in der Massentierhaltung sperren, aber eine Ausnahme für die Behandlung einzelner Tiere ermöglichen? So fordert es auch der Umweltausschusses des Parlaments.
"Da sehe ich keinen politischen Willen", entgegnet Tierärzte-Funktionär Färber. Ähnlich argumentiert FDP-Europapolitiker Andreas Glück:
Wenn wir jetzt nochmal an den Verordnungstext gehen, öffnen wir die Büchse der Pandora.
Andreas Glück
Tatsächlich hatten Kommission und Rat die Tierarzneimittel-Verordnung über Jahre verhandelt.
Grünen-Umweltpolitiker Häusling kontert, es gehe nur um einen Satz in der Verordnung. Wenn es schnell gehen müsse, könne die EU schnell reagieren.

Wer recht hat? Schwer zu sagen.

Erst einmal stimmt das Parlament am Mittwoch ab. Ob der Einwand des Umweltausschusses eine Mehrheit findet, ist derzeit unklar.
Fest steht bislang nur so viel: Dass Bello bald sterben muss, will keiner der Beteiligten.

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