: Lager zerstört - Tausende Menschen obdachlos

09.09.2020 | 16:11 Uhr
Mehrere Brände haben das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos zerstört - und mehr als 12.000 Menschen obdachlos gemacht. Es wurde ein Ausnahmezustand verhängt.
Das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos ist durch einen Großbrand in der Nacht zum Mittwoch nahezu vollständig zerstört worden. Mehr als 12.000 Menschen wurden obdachlos. Männer, Frauen und Kinder rannten in der Nacht zum Mittwoch in Panik aus ihren Wohncontainern und Zelten auf nahegelegene Olivenhaine und Felder, während die Flammen das Lager erfassten.
Nach Angaben der Feuerwehr gab es keine Verletzten oder Todesopfer, mehrere Menschen litten unter leichten Rauchverletzungen. Über dem Lager hingen noch Stunden nach dem Feuer Rauchschwaden, wie auf Videoaufnahmen von AFP zu sehen war. Als Ursache für das Feuer wurde Brandstiftung vermutet.

Proteste gegen Quarantäne - Feuer absichtlich gelegt?

Wenige Stunden vor dem Ausbruch der Brände hatte das Migrationsministerium in Athen mitgeteilt, dass 35 Bewohner des Lagers positiv auf das Coronavirus getestet worden seien. Die griechische Nachrichtenagentur ANA meldete unter Berufung auf die Polizei, die Feuer seien nach Protesten einiger Bewohner des Lagers absichtlich gelegt worden, die nach einem positiven Corona-Test oder wegen Kontakts zu Infizierten unter Quarantäne gestellt werden sollten.
Eine unabhängige Bestätigung gab es dafür zunächst nicht. Ein örtlicher Behördenvertreter sagte allerdings, Brandstifter hätten "sich starke Winde zunutze gemacht" und absichtlich Zelte in Brand gesteckt. "Es war vorsätzlich. Die Zelte waren leer", sagte Michalis Fratzeskos, Vizechef des Zivilschutzes, dem staatlichen Fernsehsender ERT.
Quelle: ZDF
"Aufgrund der katastrophalen humanitären Situation und weitreichenden Ausgangsbeschränkungen wegen Covid19, sind die Menschen in Moria extremem psychischem Stress ausgesetzt," sagt Axel Steier, Mitbegründer der Organisation Mission Lifeline. Die Abriegelung des Lagers habe das Fass zum Überlaufen gebracht.
Die Geflüchteten in Moria werden nicht wie Menschen behandelt. Wir haben davor gewarnt, dass es eskaliert.
Axel Steier, Organisation Mission Lifeline

Viermonatiger Ausnahmezustand über Insel verhängt

Hunderte Insassen versuchten in der Nacht, zu Fuß in Richtung des Hafens der Inselhauptstadt Mytilini zu fliehen. Dabei wurden sie jedoch von der Polizei gestoppt. Andere Flüchtlinge suchten in den Hügeln in der Umgebung des niedergebrannten Flüchtlingslagers Unterschlupf.
Die Flüchtlingshilfsorganisation Stand by Me Lesvos schrieb unter Berufung auf Augenzeugen, dass Einwohner flüchtende Asylbewerber daran gehindert hätten, ein nahegelegenes Dorf zu betreten. Die Zivilschutzbehörde verhängte einen viermonatigen Ausnahmezustand über die Insel mit 85.000 Einwohnern.

"Es gibt kein Moria, es ist zerstört worden"

Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR entsandte Mitarbeiter nach Lesbos, um den Behörden zu helfen. Es appellierte an die ehemaligen Bewohner des Lagers, in der Region zu bleiben. Die Suche nach Unterkünften laufe. "Es gibt kein Moria, es ist zerstört worden", sagte der stellvertretende Regionalgouverneur Aris Hatzikomninos dem Sender ERT.
Zusätzliche Einsatzkräfte der Polizei wurden auf die Insel gebracht. Behördensprecher Stelios Petsas sprach von einer "gigantischen" Aufgabe, die obdachlosen Flüchtlinge unterzubringen sowie die bestätigten Corona-Infektionsfälle ausfindig zu machen.
Moria war seit Jahren völlig überfüllt. Das Lager war für rund 2.800 Menschen ausgelegt, doch lebten dort mehr als 12.700 Asylsuchende unter schwierigsten Bedingungen. Aus der Politik kamen nun erneut Forderungen an die europäischen Länder, die Menschen aus dem Lager aufzunehmen.
Das Ticken der Zeitbombe Moria war sehr laut. Wer wollte, konnte es schon lange hören. Wollten viele in Brüssel und Berlin aber nicht! Ein Kommentar.
Quelle: AFP, epd

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