: Warum gab es trotz Vorwarnung über 100 Tote?

von Nils Metzger
16.07.2021 | 18:07 Uhr
"Im Jahr 2021 sollten wir nicht so viele Todesopfer zu beklagen haben", kritisiert die Hochwasser-Expertin Cloke bei ZDFheute. Wo lagen die Versäumnisse beim Katastrophenschutz?
Orte liegen in Trümmern, Häuser sind zerstört und die Zahl der Toten steigt: Die Hochwasser-Katastrophe hat den Westen Deutschlands schwer getroffen.
Die Zahl der Opfer nach heftigen Regenfällen und Überflutungen in Teilen Deutschlands steigt stetig weiter, inzwischen sind mindestens 103 Tote bestätigt, viele Menschen werden noch vermisst. Hätten diese Opfer verhindert werden können?
"Es ist unglaublich frustrierend", sagt Hannah Cloke, Professorin für Hydrologie an der britischen Universität Reading, gegenüber ZDFheute. "Schon mehrere Tage vorher konnte man sehen, was bevorsteht."
Im Jahr 2021 sollten wir nicht so viele Todesopfer zu beklagen haben.
Professorin Hannah Cloke, Hydrologin an der Universität Reading
Alle notwendigen Warnmeldungen der Wetterdienste seien rausgegangen, betont Cloke, die selbst am Aufbau des Europäischen Flutwarnsystems EFAS mitgearbeitet hat. "Doch irgendwo ist diese Warnkette dann gebrochen, sodass die Meldungen nicht bei den Menschen angekommen sind."

Wetterdienst: "Wir haben getan, was zu tun war."

Ein Sprecher des Deutschen Wetterdienstes (DWD) sagt ZDFheute, dass das Warn-Management von Seiten seiner Behörde sehr gut gelaufen sei. "Wir haben getan, was zu tun war." Man habe Gemeinde-genau mit genug zeitlichem Vorlauf vor Regenmengen von bis zu 200 Litern pro Quadratmeter gewarnt.
Vielerorts habe die höchste Warnstufe gegolten. Der DWD-Sprecher verweist aber auch darauf, dass die Warnmeldungen nicht von allen Medien verbreitet worden seien. "In den nächsten Wochen werden wir das mit allen Beteiligten aufbereiten."
Es sei aber nicht Aufgabe des DWD, zu bewerten, ob Maßnahmen wie Evakuierungen im angemessenen Umfang durchgeführt wurden. Im föderalen System Deutschlands sind für den Katastrophenschutz insbesondere die Landkreise, kreisfreien Städte und Kommunen zuständig.
Auf Twitter kritisiert auch der DWD-Meteorologe Marcus Beyer deutlich, dass Warnungen nicht ernst genug genommen worden seien:

Komplexe Anforderungen an Katastrophenschutz

Wissenschaftlerin Cloke sieht in Deutschland Versagen auf mehreren Ebenen. "Es fehlt eine bundesweit einheitliche Herangehensweise an Flutrisiken. Es braucht unterschiedliche Flutpläne für verschiedene Szenarien."
Cloke verweist etwa auf Unterschiede zwischen Sturzfluten durch Regen, Stürmen an den Küsten oder saisonal auftretendem Hochwasser. Alle hätten unterschiedliche Anforderungen und würden teils unterschiedliche Gebiete bedrohen. "Lokale Verwaltungen haben oft keine ausreichenden Mittel, um sich angemessen darauf vorzubereiten."

Vorsorge auch Aufgabe aller Bürger

Die Flut-Expertin irritiert, dass aus ihrer Sicht auch viele einfache Bürger in Deutschland die Gefahr nicht richtig eingeschätzt hätten:
Manchen Menschen fehlt das Verständnis vollkommen, dass solche anhaltenden Regenfälle zwangsläufig zu Überflutungen führen.
Professorin Hannah Cloke, Hydrologin an der Universität Reading
Auf individueller Ebene müssten sich die Bürger besser vorbereiten, sagt Cloke. Um Notfallpläne, Nahrungsreserven und medizinische Vorräte müsse sich jeder Einzelne kümmern. "Mit dem Klimawandel werden solche Ereignisse nur noch häufiger auftreten."

Kamen Evakuierungen teils zu zögerlich?

Die Folgen nachlässiger Vorsorge können tragisch sein, insbesondere für Menschen, die sich selbst nur eingeschränkt retten können und auf andere angewiesen sind. In der rheinland-pfälzischen Stadt Sinzig sind in einer Betreuungseinrichtung für Menschen mit geistigen Behinderungen in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag 12 Menschen ertrunken.
Der Landkreis Ahrweiler hatte um 23:09 Uhr eine Evakuierungsmeldung für Gebiete 50 Meter rechts und links des Flusses Ahr gegeben. Das Wohnheim lag rund 200 Meter vom Fluss entfernt. Als sich die Lage in der Nacht weiter verschlechterte, konnte die Feuerwehr die Menschen nicht mehr retten, teilte das Innenministerium Rheinland-Pflalz mit.
"Es besteht kein Zweifel: Die Einrichtung hätte vorab evakuiert werden müssen", sagt Cloke. "Da sollte man lieber übervorsichtig sein."
Ergänzung 18. Juli: Die Kreisverwaltung Ahrweiler teilte ZDFheute am Samstagabend mit, dass "das Ausmaß der Lage die bisherigen Pegelstände und das mit der Situation einhergehende menschliche Leid und die sachlichen Verluste um ein Vielfaches überschritten" habe. "Im Anschluss an die Bewältigung wird eine umfassende Aufarbeitung der Lage erfolgen. Eine Aufarbeitung zum jetzigen Zeitpunkt ist nicht zielführend."
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