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: Gas sparen: Was man heute schon tun kann

von Katharina Schuster
05.07.2022 | 12:46 Uhr
Die Politik hat einen Gas-Notfallplan ausgerufen, die Netzagentur warnt vor einem russischen Gasstopp. Was kann jetzt schon getan werden, um sich auf den Winter vorzubereiten?
Wo lässt sich kurzfristig Gas einsparen?Quelle: Marijan Murat/dpa
Bis zum Beginn der nächsten Heizperiode sind noch vier bis fünf Monate Zeit. Das scheint zu kurz, um den Erdgasbedarf - etwa durch neue Wärmedämmungen, mechanische Lüftungen oder neue Heizungen - zu senken. Die Frage ist: Wodurch lässt sich kurzfristig Erdgas in Haushalten und Industrie einsparen?
Martin Pehnt vom Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg bringt es zunächst allgemein auf den Punkt:
Wir müssen Gas sparen - schnell und dauerhaft. Ziel muss sein, dass jedes Unternehmen, jeder Gebäudeeigentümer, jede Heizkesselbetreiberin im nächsten Winter 25 Prozent Gas einspart.
Dr. Martin Pehnt, Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg

Wirtschaftsminister Habeck hat die nächste Alarmstufe im Notfallplan Gas ausgerufen. Er erklärt, dass Gas nun ein knappes Gut sei und spricht über Maßnahmen zur Einsparung.

23.06.2022 | 48:49 min

Was können Verbraucher*innen tun?

1) Größtes Einsparpotenzial beim Heizen
"68 Prozent des Energieverbrauchs privater Haushalte entfallen auf das Heizen von Gebäuden", stellt Immanuel Stieß, Leiter des Forschungsschwerpunkts Energie und Klimaschutz im Alltag am Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) im Gespräch mit ZDFheute fest. Etwa die Hälfte der Gebäude in Deutschland würden mit Gas beheizt.
Die größten Einsparpotenziale entstehen durch das Absenken der Raumtemperatur.
Dr. Immanuel Stieß, Institut für sozial-ökologische Forschung
Die Innenraumtemperatur in Wohnungen in Europa betrage durchschnittlich 22 Grad. "Ein Grad weniger spart sechs Prozent Energie", so Stieß. "Würde jeweils die Hälfte der Haushalte in Deutschland die Temperatur in ihrer Wohnung um ein halbes bzw. ein Grad absenken, könnten knapp fünf Prozent Heizenergie eingespart werden."
2) Warmwasser sparen - weniger heiß und kürzer duschen
Laut Stieß entfallen weitere 16 Prozent des Energieverbrauchs privater Haushalte auf Warmwasser, der Löwenanteil davon auf das Duschen. "Durch kürzere Duschzeiten und geringere Duschtemperaturen kann der Verbrauch an Warmwasser um bis zu 15 Prozent reduziert werden."

Ganz konkret helfen beim Warmwasser-Sparen:
  • Duschsparköpfe
  • Durchflussbegrenzer für Wasser
  • Weniger heiß duschen
  • Kürzer duschen
3) Strom einsparen - mit LEDs und Wäsche an der Luft trocknen
Und: Auch Stromsparen sei Gassparen, weil Strom auch durch Gaskraftwerke erzeugt wird.

Tipps, um Strom zu sparen:
  • alle Glühlampen gegen LED-Lampen austauschen
  • abschaltbare Steckerleisten verwenden
  • alte Kühlschränke (älter als 20 Jahre) außer Betrieb nehmen
  • Wäsche an der Luft trocknen
  • beim Kochen einen Topfdeckel verwenden
4) Richtig lüften - durch Quer- und Stoßlüften
Wichtig sei es zudem, richtig zu lüften, stellt Lamia Messari-Becker, Professorin für Gebäudetechnologie und Bauphysik gegenüber ZDFheute fest. Am effektivsten sei es, kurz quer zu lüften - heißt: bei weit geöffneten gegenüberliegenden Fenstern und Innentüren.
Außerdem helfen laut Messari-Becker "intelligente Thermostate mit sogenannter Heizungssperre", um während des Lüftens zu verhindern, dass die Heizung 'hochdreht'. "Wenn möglich rate ich außerdem dazu, nicht ausgebaute Dachböden zu dämmen, notfalls in Eigenarbeit."

Nach der Drosselung russischer Gaslieferungen ist die Lage angespannt. Wirtschaftsminister Habeck will nun reagieren - etwa mit weniger Gas für Stromerzeugung und mehr Kohlekraft.

19.06.2022 | 01:58 min

Was kann die Politik tun?

Messari-Beckerist ist überzeugt, dass "Bürgerinnen und Bürger den Ernst der Lage verstehen" und handeln werden. Dennoch fordert sie von der Politik finanzielle und organisatorische Unterstützung.
Insbesondere für Haushalte mit beschränkten finanziellen Möglichkeiten wäre es wichtig, Spar-Maßnahmen unbürokratisch zu bezuschussen und durch aktive Energieberatung vor Ort organisatorisch zu unterstützen.
Lamia Messari-Becker, Professorin für Gebäudetechnologie
Eine weitere Option wäre, "eine Einsparprämie zu zahlen". Eine Rationierung der Gaslieferungen für Haushalte sieht Messari-Becker nur als "Ultima-Ratio-Option".
ZDFheute Infografik
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Was kommt auf die Kommunen zu?

"Besonders urbane Zentren wären bei Erdgas-Mangel stark betroffen", stellt Messari-Becker weiter fest. "Bund, Länder und Kommunen sollten Notfallpläne inklusive Evakuierungsoptionen im Sinne des Bevölkerungsschutzes in der Schublade haben."
Dazu gehöre auch, kommunale Gebäude wie etwa Sporthallen als "Wärmeinseln" vorzubereiten, um Menschen Schutz vor Kälte und Krankheit zu gewähren. Besonderes Augenmerk gelte zudem der Versorgung kritischer Infrastrukturen - etwa Krankenhäuser, Notdienste, Pflegeheime, Kindergärten und Schulen.

Im Fall eines Gasnotstands, stellen sich praktische Fragen vor allem auf kommunaler Ebene. In NRW bereiten sich Städte und Gemeinden bereits auf den Notfall vor.

20.07.2022 | 06:32 min

Was kann die Industrie tun?

"Die Industrie sollte keinesfalls pauschal abgeschaltet werden", stellt Energie-Effizienz-Experte Stefan Büttner fest. "Da hängt für uns alle sehr viel mehr dran als den meisten bewusst ist". Stattdessen sollte die Industrie proaktiv schauen, auf welche Teilprozesse im schlimmsten Fall verzichtet werden könne.
Außerdem müssten schon jetzt Maßnahmen getroffen werden, um beispielsweise bei Motoren und Antrieben Gas einzusparen. "Das Isolieren oder Überprüfen von Druckluft/Wärme/Kälteleitungen ist sinnvoll - durch Abwärmenutzung lassen sich bis zu 80 Prozent einsparen."

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