: "Der Wiederaufbau wird Jahre dauern"

20.07.2021 | 08:19 Uhr
Verwüstete Häuser, aufgerissene Straßen, eingestürzte Brücken: Der Wiederaufbau nach der Flutkatastrophe ist eine Herkulesaufgabe - und birgt Hürden. Vor allem: Er braucht Zeit.
Bund und Länder haben umfangreiche Finanzhilfen in Aussicht gestellt, und im Bundesverkehrsministerium tagte schon eine Taskforce für die Reparatur kaputter Brücken, Gleise, Straßen und Mobilfunkmasten. Doch eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur zeigt: Der Wiederaufbau in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen nach der Flutkatastrophe wird eine Aufgabe mit vielen Hindernissen. Und vor allem: Er wird einige Zeit brauchen.
Kanzlerin Merkel besucht das vom Hochwasser stark betroffene Bad Münstereifel. Dorthe Ferber berichtet von den Erwartungen der Menschen vor Ort.
Alleine bei der Deutschen Bahn und bei Straßen rechnet der Bund mit mindestens rund zwei Milliarden Euro Schäden, wie es aus Regierungskreisen hieß.

Bau-Verband: Unbürokratisch helfen

Um den Wiederaufbau zerstörter Häuser, Straßen und Brücken trotz hoch ausgelasteter Bauunternehmen und Materialengpässen zu stemmen, sei ein Kraftakt von Politik und Wirtschaft notwendig. "Bauunternehmen und Handwerker können ihre Kapazitäten auf 120 bis 130 Prozent hochfahren", sagte Reinhardt Quast, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes (ZDB).
Bad Münstereifel gilt mit seinen Fachwerkhäusern und der historischen Stadtmauer als mittelalterliches Juwel. Seit der Flutkatastrophe ist hier jedoch nichts, wie es einmal war.
Aufträge könnten umgeschichtet und Prioritäten auf Krisenregionen gelenkt werden. Ebenso müsse die Politik öffentliche Aufträge in anderen Bereichen zurückstellen und Behörden unbürokratisch helfen.
Nach der Elbflut 2002 hat es etwa drei Jahre gedauert, bis die größten Schäden behoben waren, und fünf Jahre, bis die betroffenen Gebiete wieder ordentlich aussahen".
Reinhardt Quast, Zentralverband des Deutschen Baugewerbes
Auch der Oberbürgermeister der 2002 vom Jahrhunderthochwasser hart getroffenen sächsischen Stadt Grimma, Matthias Berger, stimmt die Menschen in den betroffenen Regionen darauf ein, dass sie Geduld haben müssen. "Der Wiederaufbau wird Jahre dauern", beschreibt der parteilose Politiker die Erfahrungen in Grimma.
Der Wiederaufbau wird Jahre dauern.
Matthias Berger, OB der 2002 von Flut getroffenen Stadt Grimma
Strom, Gas und Telefon seien in Grimma zwar von den großen Konzernen recht schnell wieder ans Laufen gebracht worden. Bei vielen anderen Arbeiten brauche es aber Geduld.
Auch Urlauber packen mit an – beim Aufräumen in Schönau im Berchtesgadener Land.

Personalmangel und Engpässe auf Rohstoffmarkt

Tatsächlich gibt es so manche Hürde, die einem raschen Wiederaufbau im Wege steht.
  • Auftragsvergabe: "Wenn wir die Bauarbeiten europaweit ausschreiben müssen, verlieren wir ein halbes Jahr alleine für Ausschreibung und das Vergabeverfahren", warnt Alexander Handschuh vom Deutschen Städte- und Gemeindebund.
  • Personalmangel in vielen kommunalen Bauämtern: "Da musste jahrelang gespart werden. Jetzt fehlt es an Bauingenieuren, und das könnte den Wiederaufbau verlangsamen", fürchtet Handschuh.
  • Engpässe auf dem Rohstoffmarkt bei Holz oder Stahl seien eine zusätzliche Hürde. "Und auch bei den Baukapazitäten könnte es Engpässe geben, gerade wenn wie etwa bei Brücken Spezialfirmen gebraucht werden", warnt Handschuh.
  • Fehlendes Material muss zur Not von anderswo in die Hochwassergebiete gebracht werden, meint der Bau-Verband ZDB. Doch selbst der Transport ist nicht immer einfach - denn auch Brücken wurden zerstört.
Auch müsse erst geklärt werden, wo in den vom Hochwasser getroffenen Regionen in Zukunft noch gebaut werden dürfe, Planung und Umsetzung nehme dann weitere Zeit in Anspruch.
Im Mai vor fünf Jahren verwüsteten gewaltige Wassermassen die Gemeinde Braunsbach im Kochertal in Baden-Württemberg. Seitdem hat die Kommune sehr in Schutzmaßnahmen investiert. Jetzt bietet sie anderen Gemeinden in Hochwassergebieten Rat und Hilfe an.

Gasleitung gerissen, kein Trinkwasser

Dass viele Reparaturen mehr Zeit brauchen werden als wünschenswert, zeichnet sich schon ab. Der Versorger Energienetze Mittelrhein warnte, die Wiederherstellung der Gasversorgung im Kreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz könne im schlimmsten Fall Monate dauern. "Die Gasleitung ist komplett gerissen. Wirklich zerstört", sagte Firmensprecher Marcelo Peerenboom. Mehrere Kilometer Leitung müssten komplett neu gebaut werden.
Das wird leider Wochen oder Monate dauern, bis dort wieder Gasversorgung ist. Das heißt für die Bürger: kaltes Wasser, und wenn die Heizperiode kommt, auch kalte Wohnung.
Marcelo Peerenboom, Energienetze Mittelrhein
Und die Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Altenahr, Cornelia Weigand, sagte im "Bild live"-Polittalk: "Es sieht so aus, als ob die Infrastruktur so stark zerstört ist, dass es in einigen Orten vielleicht über Wochen oder sogar Monate kein Trinkwasser geben wird." Wann es in Altenahr wieder Normalität gebe, sei für sie nicht absehbar.
Quelle: Alexander Sturm und Erich Reimann, dpa

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