: Kein Trinkwasser, kein Auto, kein Strom

19.07.2021 | 13:30 Uhr
Überschwemmte Häuser, eingestürzte Brücken, fehlendes Trinkwasser und kein Strom: Vor welchen Problemen die Menschen in den Hochwassergebieten jetzt stehen. Ein Überblick.
In Nordrhein-Westfalen besteht vorerst keine Unwetter-Gefahr mehr. Trotzdem haben viele Menschen mit den Folgen der Hochwasserkatastrophe zu kämpfen.
Die Hauptstraße verwüstet, das Krankenhaus überschwemmt, die Strom- und Wasserversorgung gekappt: Die Opfer der Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands haben aktuell mit zahlreichen Problemen zu kämpfen. Hilfsdienste und die Bundeswehr sind im Einsatz.

Kein Trinkwasser und kein Strom

Durch das verheerende Unwetter sind Verkehrswege und Infrastruktur anhaltend großflächig zerstört. Dies betrifft auch die Versorgung mit Internet, Strom und Trinkwasser. Mit mobilen Trinkwasseranlagen versucht das Technische Hilfswerk (THW) die Lage zu entspannen. Etwa das Stadtgebiet Eschweiler sei aktuell von Trinkwasserengpässen betroffen, so THW-Präsident Gerd Friedsam in einer Mitteilung.
Durch den Bruch einer Hauptwasserleitung war die Wasserversorgung zusammengebrochen. Die Helferinnen und Helfer verteilten Wasserflaschen an die Betroffenen. Auch in Bad Neuenahr-Ahrweiler oder Schuld stellen THW-Kräfte die Versorgung mit Trinkwasser der Bevölkerung sicher.
Helfer des Technischen Hilfswerk (THW) stapeln Wasserkisten, um sie später in den Hochwassergebieten zu verteilen. Quelle: dpa
Die Bürgermeisterin der von der Flutkatastrophe besonders hart getroffenen Verbandsgemeinde Altenahr, Cornelia Weigand, sieht die Existenz ihrer Gemeinde in Teilen gefährdet. Im Politik-Talk der "Bild" sagte Weigand:
Es sieht so aus, als ob die Infrastruktur so stark zerstört ist, dass es in einigen Orten vielleicht über Wochen oder sogar Monate kein Trinkwasser geben wird.
Cornelia Weigand, Bügermeisterin Altenahr
Es sei daher sehr wichtig, "eine Notwasserversorgung gegebenenfalls auch über Monate gewährleisten zu können". Gleiches gelte für eine Notstromversorgung. Wann es in Altenahr wieder Normalität gebe, sei für sie nicht absehbar.
In mehreren Ortschaften der Nordeifel rät das Gesundheitsamt, das zum Kochen und Trinken verwendete Trinkwasser vor Gebrauch vorsorglich abzukochen. Hintergrund sind die vielen Rohrbrüche aufgrund des Starkregenereignisses, heißt es auf der Website des Wasserverbands Oleftal. Ein genauer Zeitraum kann aktuell noch nicht angegeben werden. "Wir bedauern, dass die Störung der Trinkwasserversorgung andauern wird."
Die Lage im Kreis Ahrweiler ist weiterhin angespannt. Schwierig vor allem: die Versorgung mit Trinkwasser, Strom und Gas. In einigen Orten kommt die Hilfe nur sehr langsam an.

Straßen, Brücken und Häuser liegen in Trümmern

Vielerorts ist die Infrastruktur zusammengebrochen: Straßen wurden aufgerissen, Brücken überschwemmt. Unzählige Menschen haben ihr Haus verloren oder mussten es aufgrund akuter Gefahr räumen - müssen nun bei Familie, Freunden oder in Notunterkünften unterkommen. Alleine im Kreis Euskirchen rund um die Steinbachtalsperre mussten Tausende Menschen ihre Häuser verlassen.
"Es ist klar, dass unsere Gemeinden anschließend anders aussehen werden, weil viele der Gebäude, die prägend waren, die dort über 50, 100 oder 150 Jahre gestanden haben, abgerissen werden müssen", sagte Bürgemeisterin Weigand. Sie hoffe, dass es eine Zukunft für ihre Gemeinde Altenahr gebe.
Wer zieht da wieder hin, wo ein Jahrhunderthochwasser um den Faktor 3 überstiegen wird. Das ist nicht berechenbar, das ist nicht planbar.
Cornelia Weigand, Bürgermisterin Altenahr
Zerstörungen und Trümmer in Altenahr (Rheinland-Pfalz).Quelle: Lino Mirgeler/dpa
Beschädigt wurden auch Kindertagesstätten: Viele Eltern müssen neben der Last des Wiederaufbaus die Kinderbetreuung privat organisieren.

Apotheken außer Funktion, Krankenhäuser geflutet

Nach Schätzungen der Apothekerkammer und des Apothekerverbandes von Nordrhein-Westfalen seien gut 50 Apotheken besonders im Süden des Landes nicht mehr betriebsbereit, sagte Thomas Preis, Chef des Apothekerverbands Nordrhein, der Düsseldorfer "Rheinischen Post". Zahlreiche Apotheken seien durch die Überflutungen völlig zerstört worden, andere seien durch die Zerstörung der Infrastruktur für Personal und Patienten nicht erreichbar.
Die funktionstüchtigen Apotheken würden jetzt die Versorgung der Patienten übernehmen, erklärte der Chef des Apothekerverbands. Kein Patient bleibe unversorgt. "Mit den Behörden sind wir bereits im Gespräch, um kurzfristig praktikable Interimslösungen zu finden, sagte Preis. Viele Apotheken würden Wochen oder Monate brauchen, um ihre Betriebsräume wiederherzustellen.
Doch nicht nur Apotheken, sondern auch Krankenhäuser wurden überflutet. So geschehen etwa im Marien-Hospital in Erftstadt, das telefonisch noch immer nicht erreichbar ist. Auch das St. Antonius Hospital in Eschweiler wurde schwer getroffen und muss nun entrümpelt werden. Das erschwert die medizinische Versorgung vor Ort.

Bahnverkehr zum Teil eingestellt

Bahnpendler und Reisende müssen sich am Montag weiter auf Verzögerungen und Zugausfälle in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz einstellen. Auf sechs Regionallinien in der Eifel sei der Zugbetrieb aufgrund der Unwetterschäden ganz eingestellt, teilte die Deutsche Bahn am Montag in Düsseldorf mit. Vielerorts sei wegen der Schäden auch kein Schienenersatzverkehr möglich.
Nach einem ersten Lagebild wurden in NRW und Rheinland-Pfalz mehr als 80 Stationen und Haltepunkte durch die Unwetterkatastrophe beschädigt, wie die Deutsche Bahn bereits am Sonntag mitteilte. Zudem seien auf mehr als 600 Kilometern Länge Gleise beschädigt worden.
Hinzu kommt: Viele Menschen haben durch das Hochwasser nicht nur ihre Häuser, sondern auch ihre Autos verloren, auf die sie in den ländlichen Regionen angewiesen sind. Ihre Mobilität ist daher extrem eingeschränkt. Beim Einkaufen oder der Versorgung mit Lebensmitteln sind sie auf Hilfe angewiesen - etwa durch Verwandte und Bekannte oder die Hilfsorganisationen vor Ort.

Umweltfolgen: Öl und Diesel verschmutzen Gewässer

Mit dem Hochwasser kommt der Dreck: Das Landesumweltamt (LANUV) in Nordrhein-Westfalen rechnet damit, dass durch die Fluten Öl, Diesel und andere Schadstoffe in die Gewässer eintreten werden. Bereits am frühen Donnerstagmorgen seien die ersten Ölschlieren auf dem Rhein bei Bad Honnef gefunden worden. "Die Leute haben das auch schon gemeldet, dass es riecht und Schlieren auf dem Wasser sind", sagte eine Sprecherin des LANUV am Montag.
Heizöltanks in Kellern seien aufgeschwemmt worden, Rohre aufgerissen und Kraftstoffe aus den weggespülten Autos ausgetreten, sagte die Sprecherin. Deshalb müsse in den nächsten Tagen mit Öl und Diesel in Gewässern gerechnet werden. Oberste Priorität für das LANUV habe zunächst die Trinkwasserversorgung, so die Sprecherin. Wasserversorger würden über einen sogenannten Warn- und Alarmplan über mögliche Befunde informiert und könnten dann Maßnahmen ergreifen. "Über andere Umweltfolgen haben wir noch gar keinen Überblick". Dafür müssten die Pegelstände zunächst weiter sinken.

Wirtschaftliche Folgen

In Rheinland-Pfalz stehen nach Angaben von Landeswirtschaftsministerin Daniela Schmitt die Fachleute bereit, die entstandenen Schäden zu begutachten. "Man hat begonnen die Schäden zu identifizieren und auch aufzunehmen", sagt die FDP-Politikerin im Deutschlandfunk. "Aber das ist wirklich der Anfang, an dem wir noch stehen."
Man müsse warten, bis das Wasser vollständig zurückgehe, bis man die Bauwerke, die Straßen, die Brücken auch wirklich inspizieren könne.
Einen Überblick haben wir derzeit noch nicht.
Daniela Schmitt, Landeswirtschaftsministerin Rheinland-Pfalz
Der Bürgermeister der vom Hochwasser besonders betroffenen rheinland-pfälzischen Gemeinde Schuld, Helmut Lussi, erwartet eine sehr große Schadenssumme. Ein Sachverständiger sei allein in dem Dorf, das knapp über 700 Einwohner zählt, in einer ersten Schätzung auf 31 bis 48 Millionen Euro gekommen. Viele Hausbesitzer hätten keine Elementarschadensversicherung. Finanziminister Olaf Scholz (SPD) spricht von Wiederaufbauhilfen in Milliarden-Höhe.
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Quelle: ZDF, dpa, AFP, epd

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