: Polizei ortet mehr als 700 Vermisste

18.07.2021 | 19:35 Uhr
Aufräumarbeiten, Evakuierungen, die Suche nach Überlebenden in den Trümmern: Wie sich die aktuelle Lage in den betroffenen Regionen der Flutkatastrophe darstellt.
Immer noch finden die Einsatzkräfte Leichen, die Zahl der Todesopfer steigt. Ein Blick auf die Lage in den Katastrophengebieten.
Bei der Suche nach Opfern der Unwetterkatastrophe in Nordrhein-Westfalen hat die Polizei mehr als 700 Vermisste inzwischen telefonisch erreicht. Damit sei eine Vielzahl der Vermisstenmeldungen, die bei der Polizei Köln eingegangen waren, aufgeklärt worden, teilte die Polizei am Sonntag mit. 
Nach den schweren Überflutungen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen bleibt die Lage in einigen der Katastrophen-Gebiete weiter angespannt. Die Polizei Koblenz teilte am Sonntagmorgen mit, dass die Zahl der Toten in der Region Ahrweiler mittlerweile auf 110 angestiegen sei. In Nordrhein-Westfalen sind 47 Menschen ums Leben gekommen, darunter mindestens vier Feuerwehrleute. Insgesamt sind damit mindestens 157 Menschen durch die Überschwemmungen gestorben. Hunderte wurden verletzt, viele werden noch vermisst.
Vor allem von der Katastrophe betroffene Regionen sind:
  • Kreis Ahrweiler
  • Hagen
  • Wuppertal
  • Kreis Euskirchen
  • Rhein-Sieg-Kreis
  • der Rhein-Erft-Kreis (insbesondere Erftstadt)
  • der Rheinisch-Bergische Kreis
  • Teile des Bergischen Landes
  • Kreis Heinsberg
Quelle: ZDF
Während in einigen der betroffenen Orte die Aufräumarbeiten laufen, bleibt die Lage in anderen immer noch kritisch. Der aktuelle Stand der Dinge in den Katastrophen-Gebieten:

Erftstadt

In der vom Hochwasser besonders betroffenen Ortschaft Erftstadt westlich von Köln suchen zahlreiche Menschen nach ihren Angehörigen. Bisher wurden laut Angaben der Stadt bei der "Personenauskunftsstelle" 34 Menschen gemeldet, deren Aufenthaltsort ungewiss ist. Noch am Samstag lag die Zahl der Gesuchten bei 59. "Es konnten zum Glück schon einige gefunden werden", sagte der Sprecher. 
Unter den Gesuchten seien auch Bewohner einer Altenpflegeeinrichtung, die am Samstag evakuiert werden musste. Viele Menschen wüssten nicht, wo ihre Angehörigen sein könnten, weil etwa das Telefonnetz zusammengebrochen war, erklärte ein Sprecher des Rhein-Erft-Kreises am Sonntag.
Auch in Nordrhein-Westfalen suchen die Helfer weiter nach Vermissten und möglichen Todesopfern. Ans Aufräumen ist an manchen Orten noch gar nicht zu denken.
Den Angaben der Stadt zufolge konnten Einsatzkräfte bislang 70 Fahrzeuge bergen, 25 stünden noch im Wasser. Bislang wurden keine Menschen in den Autos und Lastwagen entdeckt. Zwei Fahrzeuge konnten Helfer bislang nicht sichten, weil sie unter einen Lkw lagen.
Seit heute Mittag können die Bewohner wieder Wasser in Maßen benutzen. "Eine Dusche oder eine notwendige Maschine Wäsche sind kein Problem", teilte die Stadt am Sonntag mit. Sollte es zu einem Rückstau des Wassers im Haus oder der Wohnung kommen, müsse der Verbrauch aber wieder reduziert werden.
Auf der B265 bei Erftstadt wurden viele Fahrzeuge überschwemmt.Quelle: dpa
Bei den Kommunen Erftstadt und Swisttal hatten die Wassermassen Teile der Fahrbahn weggerissen. Die Schadensbegutachtung laufe noch, erst danach könnten die Bauarbeiten beginnen, sagte ein Sprecher der Autobahngesellschaft des Bundes am Sonntag. Wie lange die Reparatur dauern werde, könne er nicht sagen. Sehr wahrscheinlich geht es aber um mehrere Monate.

Euskirchen

Rund 250 Einsatzkräfte der Polizei, Feuerwehr, Bundeswehr und des Technischen Hilfswerks waren am Sonntag im Rhein-Sieg-Kreis und im Kreis Euskirchen im Einsatz, um nach weiteren Vermissten zu suchen. Derzeit werden laut Polizei in der Region noch etwa 150 Menschen vermisst.
An der von einem Bruch bedrohten Steinbachtalsperre bei Euskirchen fließt das Wasser langsamer ab als erwartet. Deshalb sollen Experten am Sonntag die noch immer angespannte Lage am Staudamm neu bewerten, wie die Bezirksregierung Köln auf Twitter mitteilte. Die ursprünglich geplante Prognose, am Sonntagnachmittag gegen 15 Uhr Entwarnung geben zu können, kann den Angaben zufolge deshalb nicht gehalten werden.
Aus der Talsperre wird Wasser abgelassen, um Druck von dem Damm zu nehmen. Der Wasserstand sinke aber langsamer als erwartet, hieß es am Samstagabend. Entwarnung könne erst gegeben werden, wenn die Talsperre zu zwei Dritteln entleert sei. Bis dahin bestehe weiter akute Dammbruchgefahr, wie die Bezirksregierung am Samstag warnte. Die Orte Swisttal und Rheinbach unterhalb der Steinbachtalsperre an der Landesgrenze zu Rheinland-Pfalz waren evakuiert worden.
"Äußerst instabil": der Staudamm der Steinbachtalsperre.Quelle: dpa

Wassenberg

Nach dem Bruch eines Damms der Rur und einer Evakuierung steht im nordrhein-westfälischen Wassenberg der Stadtteil Ophoven teilweise unter Wasser. Das sagte ein Feuerwehrsprecher am Samstagmorgen. Etwa 700 Bewohner von Ophoven (Kreis Heinsberg) an der Grenze zu den Niederlanden hatten in der Nacht ihre Häuser verlassen müssen.
Es sei für die Bürger nach wie vor gefährlich, sich in dem Gebiet aufzuhalten, sagte der Sprecher. "Durch hohe Wasserstände verursachte Gefährdungen können nicht ausgeschlossen werden", teilte auch die Stadt mit. Wer nicht in der Lage sei, seine Wohnung selbstständig zu verlassen, solle über eine Hotline um Hilfe bitten.
Die Lage blieb auch am Samstag gespannt. Der Pegelstand des Wassers stagniere, teilte die Stadt mit. Weiterhin gefährdet sind die Stadtteile Effeld und Steinfeld. Die Vorwarnung einer möglichen Evakuierung bleibe dort bestehen.

Ahrweiler

Nach der Flutkatastrophe in der Region Ahrweiler sind Rettungskräfte auf der Suche nach weiteren Opfern und Vermissten. Die Polizei geht seit Sonntagmorgen von 110 Toten und 670 Verletzten aus. Jedoch können weitere Opfer nicht ausgeschlossen werden. "Wenn Sie die Bilder sehen, wie es da aussieht, kann man nicht ausschließen, dass noch weitere Leichen gefunden werden", hatte ein Sprecher gesagt. Weiterhin werden Menschen vermisst.
Im Kreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz ist die Zahl der Todesopfer auf mindestens 110 gestiegen. Die Rettungsarbeiten dauern weiter an, 3.000 Menschen werden noch vermisst.
1.300 Einsatzkräfte aus ganz Deutschland sind vor Ort. "Der Einsatz läuft auf Hochtouren." Allein im Örtchen Schuld an der Ahr mit 700 Einwohnern wurden mehrere Häuser von den Wassermassen mitgerissen und zahlreiche weitere Gebäude teils schwer beschädigt. Dort macht sich Kanzlerin Angela Merkel (CDU) heute ein Bild von der Lage.
ZDF-Reporterin Alica Jung war in Schuld vor Ort und konnte mit Betroffenen sprechen:

Wie sind die weiteren Wetter-Prognosen?

Die Wetterlage hat sich inzwischen entspannt. Es bleibt aber wechselhaft, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) mitteilte. Daher könne es auch weiter zu örtlichen Gewittern mit Starkregen kommen. Im Laufe des Wochenendes sollen die Niederschläge aber aufhören.

Hintergründe zum Hochwasser in Deutschland

Wie kann man den betroffenen Regionen helfen?

Es wird dringend davon abgeraten, in betroffene Gebiete zu fahren, um bei den Aufräumarbeiten zu unterstützen. Die Situation in einzelnen Regionen sei dafür noch zu gefährlich, so der Malteser-Hilfsdienst.
Aktuell könnten nur spezialisierte Einsatzkräfte aktiv werden. Spontanhelfer sollten daher nicht in die betroffenen Gebiete fahren, sondern abwarten, bis Klarheit bestehe, "was in welchem Maße benötigt wird", so ein Malteser-Vertreter.
Spenden sind über den Spendenaufruf des ZDF möglich:

Ich erreiche Angehörige nicht - wohin kann ich mich wenden?

In vielen Ortschaften fällt weiterhin das Strom- und Telefonnetz aus. Angehörige, Freunde oder Bekannte, die jemanden vermissen, können sich in Rheinland-Pfalz unter der Rufnummer 0800 6565651 bei der Polizei melden.
Weitere Hintergründe und aktuelle Entwicklungen im Liveblog:
Quelle: ZDF, dpa, AFP

Mehr zur Hochwasser-Katastrophe