: Immunsystem besteht nicht nur aus Antikörpern

von Birgit Hermes
11.08.2020 | 19:02 Uhr
Immer wieder ist im Bezug auf das Coronavirus von Antikörpern die Rede - auch bei der Impfstoff-Forschung. Aber wie entstehen Antikörper? Ein Blick auf das Immunsystem.
Antikörperstudien sollen mehr Informationen über das Coronavirus bringen.Quelle: dpa
Immer wieder gibt es Menschen, die eine Corona-Infektion überstanden, aber keine Antikörper gebildet haben. Hier hat das Immunsystem möglicherweise so genannte T-Zellen in den Kampf gegen die Viren geschickt.

Immunsystem macht Menschen lebensfähig

Ohne das Immunsystem wären wir nicht lebensfähig. Tagtäglich schützt es uns vor Erregern, aber auch vor entarteten Zellen des eigenen Körpers. Es ist hochkomplex und arbeitet meist so wirkungsvoll, dass Infektionen vollkommen unbemerkt bleiben.
Grundsätzlich unterschieden werden das angeborene bzw. unspezifische Immunsystem, das schon bei der Geburt funktioniert und das adaptive bzw. spezifische Immunsystem, das erst noch trainiert werden muss. Beide Abwehrsysteme kooperieren miteinander und ergänzen sich in ihrer Funktion.

Angeborenes System: Schnell, aber nicht immer ausreichend

Zum angeborenen System gehören - neben anatomischen Barrieren wie beispielsweise der Haut oder den Flimmerhärchen der Atemwege - einerseits Plasmaeiweiße, die im Blut zirkulieren, andererseits verschiedene Zelltypen.
Nur wenige Minuten nachdem ein Erreger in den Körper eingedrungen ist, startet das angeborene Immunsystem seinen Abwehrkampf und beseitigt den Eindringling häufig innerhalb von Stunden, ohne dass weitere Maßnahmen nötig sind. Die angeborene Abwehr reagiert zwar schnell, jedoch nicht immer ausreichend. Vor allem aber ist sie nicht in der Lage, sich an veränderte oder neue Bedrohungen anzupassen.

Adaptives Immunsystem bildet Immungedächtnis aus

Anders das adaptive Immunsystem. Dieses erst bei den Wirbeltieren entstandene, also entwicklungsgeschichtlich sehr viel jüngere Abwehrsystem entwickelt sich fortwährend weiter. Es lernt, angreifende Erreger gezielt zu attackieren. Und: Es ist imstande ein Immungedächtnis auszubilden.
Beim adaptiven Immunsystem unterscheidet man die humorale und die zelluläre Immunabwehr. Zu den wichtigsten Bestandteilen der zellulären Abwehr gehören die B- und die T-Lymphozyten oder einfach B- und T-Zellen.

T-Zellen patroullieren durch den Körper

T-Zellen patrouillieren durch den Körper und binden mithilfe ihrer eigenen Oberflächenrezeptoren an Antigene, also körperfremde Substanzen (meist Eiweiße), wenn diese von sogenannten antigenpräsentierenden Zellen vorgezeigt werden und der Rezeptor der T-Zelle genau auf das Antigen passt.
Mit der Bindung wird die T-Zelle aktiviert und setzt nun die Reifung spezieller T-Zellen in Gang: Zytotoxische T-Zellen beispielsweise eliminieren die Eindringlinge. T-Helferzellen koordinieren die Immunantwort und T-Gedächtniszellen sorgen dafür, dass der Angreifer bei einer erneuten Infektion blitzschnell unschädlich gemacht wird, der Angegriffene also immun gegenüber diesem Erreger ist.

B-Zellen bilden Plasmazellen zur Antikörper-Produktion

Auch B-Zellen werden durch den Kontakt zu einem Antigen aktiviert. Sie werden zur Bildung von Plasmazellen angeregt, die wiederum Antikörper produzieren.
Die B-Zellen sind damit für die humorale Immunabwehr zuständig. Antikörper sind spezifische Eiweißkomplexe, die nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip an Antigene binden.

Das Coronavirus und das Immunsystem

Im Fall von Sars-CoV-2 gilt dessen Spike-Protein als bedeutendes Antigen und somit als ein Angriffsort für das Immunsystem. Sobald neutralisierende Antikörper daran binden, blockieren sie das Eindringen des Virus in die Zelle und verhindern so die Infektion.
Viele Impfstoffkandidaten sind deshalb darauf ausgerichtet, die Bildung solch neutralisierender Antikörper anzustoßen. Es gibt aber auch Antikörper, die andere Aufgaben übernehmen, etwa die, infizierte Zellen für deren Zerstörung zu markieren.
Welcher Antikörper-Typ bei einer Infektion mit dem Coronavirus entscheidend ist, ist noch nicht geklärt. Nach neuesten Erkenntnissen könnten sogar die zellulären Komponenten des Immunsystems, vor allem die T-Zellen, von noch größerer Bedeutung als die Antikörper sein.

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