: Katastrophenschutz in Not?

von Rolf Thomas Markert
04.07.2021 | 07:15 Uhr
Wer sich draußen umschaut, dem fällt auf: Für das Ehrenamt im Katastrophenschutz wird in letzter Zeit sehr oft geworben. Doch warum gerade jetzt und so massiv?
Der Katastrophenschutz ist oft im Einsatz. Es mangelt aber an Nachwuchs.Quelle: dpa
Als das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) am vergangenen Montag seine Aktion "Egal, was du kannst, du kannst helfen" startete, war dies die sechste Werbekampagne seit Anfang 2020 für das Ehrenamt im Katastrophenschutz allein in NRW.
Zuvor waren das Bundesinnenministerium, das Technische Hilfswerk (THW) und der Malteser Hilfsdienst (MHD) bundesweit, die Feuerwehr und das Innenministerium in NRW mit einem Aufruf zur Mitarbeit an die Bevölkerung getreten.
Für Carsten Helbrecht, ehrenamtlicher Chef des THW-Ortsverbandes Bad Honnef, eine Entwicklung, die er mit freudiger Skepsis sieht.
In diesem Jahr sind, statt wie sonst drei bis vier, 19 Personen bei uns eingetreten. Dies stellte uns in einem recht kleinen Ortsverband vor erhebliche logistische Probleme, insbesondere unter Pandemiebedingungen.
Carsten Helbrecht, Ortsbeauftragter THW Bad Honnef
Vor allem für die wenigen ehrenamtlichen Ausbilder und Führungskräfte sei dies eine besondere Herausforderung gewesen, so Helbrecht.

Warum fehlt dem Katastrophenschutz der Nachwuchs?

Die Aufrufe scheinen auch bundesweit zu fruchten: Seit September 2020 verzeichnete das THW über 4.400 neue Mitglieder. Mancherorts war der Ansturm so groß, dass Wartelisten eingeführt werden mussten.
Doch nicht nur das THW leidet unter Nachwuchsmangel - und das hat mehrere Gründe: Zum einen blieb nach Aussetzung der Wehrpflicht der einst sichere Nachschub an jungen Männern aus, die sich zum Wehrersatzdienst im THW, der Feuerwehr oder in den Sanitätsorganisationen verpflichteten.
Zum anderen macht sich der demographische Wandel bemerkbar. Denn die geburtenstarken Jahrgänge ziehen sich zunehmend aus Altersgründen zurück. Und ein gesellschaftlicher Wertewandel lässt vielen das Ehrenamt unattraktiv erscheinen.

Millionen für Nachwuchs-Werbung

Zwar wurde auch in den vergangenen Jahren immer wieder um Nachwuchs geworben. So konzertiert wie zurzeit indes noch nie. Das Innenministerium NRW wendete 3,4 Millionen Euro dafür auf. Das Bundesinnenministerium stellte 7 Millionen aus dem Konjunkturpaket allein für THW-Werbung bereit. Und reagiert damit offenbar auf einen Trend.
"Aktuelle Meinungsumfragen haben gezeigt, dass ein hohes Aktivierungspotenzial in Bezug auf das ehrenamtliche Engagement im Bevölkerungsschutz besteht", begründet das BMI den Werbe-Marathon. Dabei stimmen die weiblich dominierten Hochglanzplakate allerdings nicht immer mit den Realitäten überein.
Mit Plakaten wird in NRW für das Ehrenamt im Katastrophenschutz geworben.Quelle: Innenministerium NRW
So waren 2018 bei den Freiwilligen Feuerwehren rund zehn Prozent der Einsatzkräfte Frauen. Beim THW waren im Jahr 2020 um die 15 Prozent der Ehrenamtlichen weiblich. Deutlich höher, bis zu 50 Prozent, ist der Frauenanteil indes bei den Sanitätsorganisationen und der DLRG.

Rund-um-die-Uhr-Einsatzkräfte fehlen

Tatsächlich ist die Zahl der Ehrenamtlichen im Katastrophenschutz nahezu konstant. Das THW zählt stets rund 80.000 Mitglieder. Knapp eine Million sind es bei den Freiwilligen Feuerwehren. Was aber zunehmend fehlt, sind einsatzbereite Kräfte, die rund um die Uhr zur Verfügung stehen.
Folglich wurden Feuerwehren von Gemeinden zusammengelegt. Wege und Anfahrtszeiten verlängern sich dadurch deutlich. Fünf Gemeinden errichteten Pflichtfeuerwehren, um den Brandschutz zu gewährleisten. Geeignete Personen wurden dort zum Feuerwehrdienst verpflichtet.
Nachwuchs bei der Feuerwehr ist Mangelware. Viele Einrichtungen lassen sich daher flotte Sprüche und Videos einfallen, um neue Mitglieder zu bekommen. So auch die freiwillige Feuerwehr in Hattstedt-Wobbenbühl bei Husum.
In Berlin beispielsweise entlastet das THW am Wochenende die Feuerwehr. Beim THW sind zudem viele Gruppen unterbesetzt. Gleichzeitig steigen die Einsatzzahlen. Nicht zuletzt durch die Zunahme von Wetterextremen. Allein bei Bränden, Explosionen und technischer Hilfeleistung rückten die Feuerwehren 2017 knapp 860.000 Mal aus. Im Jahr darauf knapp 920.000 Mal.

Lockdown-Langeweile hilft Ehrenamt

Die Erwartungshaltung der Gesellschaft indes ist groß. Jederzeit überall Hilfe zu bekommen, scheint selbstverständlich. Dabei wird oft vergessen, dass dieser Bereich der staatlichen Daseinsvorsorge zu weiten Teilen auf ehrenamtlichem Engagement beruht.
Darauf verlässt sich auch die Politik. Statt etwas zu ändern, wirbt sie jetzt massiv für das Ehrenamt. Die Lockdown-Langeweile kam da gerade recht. Ob aber alle neuen Einsatzkräfte bei der Stange bleiben und tatsächlich künftig rund um die Uhr einsatzbereit sind, da ist sich auch Carsten Helbrecht vom THW Bad Honnef nicht so sicher.

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