: "Personal in Kinderstationen verlagern"

01.12.2022 | 15:36 Uhr
Gesundheitsminister Lauterbach will es Kliniken ermöglichen, Personal auf Kinderstationen zu verlagern. Grund sind die aktuellen Engpässe an Kinderkliniken.
Die aktuelle Welle von Atemwegsinfekten bringt Kinderkliniken in Deutschland an ihre Grenzen. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) will gegensteuern und hat dazu mehrere Punkte vorgelegt:
  • Krankenhäuser sollen die Möglichkeit bekommen, Personal in die Kinderstationen zu verlagern. Dafür hat der Minister die Krankenkassen aufgefordert, vorübergehend die Personaluntergrenzen nicht mehr zu überprüfen.
  • Kinderärzte sollen weiterhin die Möglichkeit zur telefonischen Krankschreibung haben.
Außerdem appellierte Lauterbach "an alle Eltern und Kinderärzte, nicht notwendige Vorsorgeuntersuchungen, die nicht unmittelbar stattfinden müssen, wenige Wochen zu schieben, sodass in dieser Zeit Kinder versorgt werden können, die Notfälle sind."
Diese Untersuchungen können und sollen nachgeholt werden.
Karl Lauterbach, Bundesgesundheitsminister
Wer trotzdem kinderärztlichen Rat brauche, "solle am besten zunächst telemedizinische Beratung suchen", hieß es in der Stellungnahme des Ministeriums.

Lauterbach: Personal von Normalstationen umschichten

Lauterbach appellierte auch an die Kliniken: "Auf den anderen Stationen haben wir noch Freiräume, die Kliniken sind zum Glück nicht voll belegt." Die Belegung sei geringer als in den Jahren vor der Pandemie. "Hier appelliere ich an die Kliniken, planbare Eingriffe zu verschieben, sodass, wenn die planbaren Operationen bei Erwachsenen verschoben werden, mehr Potential haben, die Kinder zu versorgen," sagte Lauterbach.
Die Kinder brauchen jetzt unsere volle Aufmerksamkeit und daher muss dort das Personal, pflegerisch und medizinisch zusammen gezogen werden.
Karl Lauterbach, Bundesgesundheitsminister
Die aktuelle Situation zeige, wie wichtig es gewesen sei, gesetzlich die Pädiatrie zu fördern. "Das macht die Bundesregierung mit einer Erlösgarantie im Krankenhauspflegeentlastungsgesetz, das morgen im Bundestag abschließend beraten wird," so das Statement des Ministers.

DIVI beklagt "katastrophale Situation"

Deutsche Intensiv- und Notfallmediziner haben einen dramatischen Bettenmangel in Kinderkliniken beklagt. "Von 110 Kinderkliniken hatten zuletzt 43 Einrichtungen kein einziges Bett mehr auf der Normalstation frei. Lediglich 83 freie Betten gibt es generell noch auf pädiatrischen Kinderintensivstationen in ganz Deutschland - das sind 0,75 freie Betten pro Klinik, also weniger als eines pro Standort", teilte die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) am Donnerstag in München mit.
Für die aktuelle Ad-hoc-Umfrage habe der Verband 130 Kinderkliniken angeschrieben. 110 Häuser hätten ihre Daten vom Stichprobentag 24. November, also vor einer Woche, bereitgestellt.

"Die Kindermedizin ist schon seit vielen Jahren hoch defizitär", jetzt sei die Situation "katastrophal", so Prof. Florian Hoffmann von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin.

30.11.2022 | 04:48 min
"Das ist eine katastrophale Situation, anders ist es nicht zu bezeichnen," fasst der DIVI-Generalsekretär und Münchner Kinder-Intensivmediziner Prof. Florian Hoffmann zusammen. "Deshalb fordern wir die sofortige Optimierung von Arbeitsbedingungen in den Kinderkliniken, den Aufbau telemedizinischer Netzwerke zwischen den pädiatrischen Einrichtungen und den Aufbau von spezialisierten Kinderintensivtransport-Systemen."
Wir müssen jetzt endlich handeln.
Florian Hoffmann, Kindermediziner

Jede zweite Klinik muss kranke Kinder ablehnen

"Die RSV-Welle baut sich immer weiter auf und macht bei vielen Kindern die Behandlung mit Atemunterstützung notwendig. Wir können Stand heute davon ausgehen, dass es zu dieser Behandlung nicht genügend Kinder-Intensivbetten gibt", so Prof. Sebastian Brenner, DIVI-Kongresspräsident und Bereichsleiter der interdisziplinären Pädiatrischen Intensivmedizin im Fachbereich Neonatologie und Pädiatrischen Intensivmedizin der Unikinderklinik Dresden.

Das RS-Virus oder Influenza treten seit der Corona-Pandemie vermehrt auf. Durch Lockdowns konnten die Kinder keine natürliche Immunität aufbauen. Kinderkliniken bundesweit sind deshalb überlastet.

30.11.2022 | 02:22 min
Bei der Erhebung habe jede zweite Klinik berichtet, dass sie in den vergangenen 24 Stunden mindestens ein Kind nach Anfrage durch Rettungsdienst oder Notaufnahme nicht für die Kinderintensivmedizin annehmen konnten - also der Anfragende weitersuchen musste nach einem adäquaten Behandlungsplatz.
"Diese Situation verschärft sich von Jahr zu Jahr und wird auf dem Rücken kritisch kranker Kinder ausgetragen", so Hoffmann.

Viele Betten können aus Personalmangel nicht genutzt werden

Die DIVI-Zahlen im Detail: Die 110 rückmeldenden Häuser weisen insgesamt 607 aufstellbare Betten aus, von denen aber lediglich 367 Betten betrieben werden können. Grund für die Sperrung von 39,5 Prozent der Intensivbetten für Kinder ist hauptsächlich der Personalmangel. An 79 Häusern, also bei 71,8 Prozent der Befragten, ist Pflegepersonalmangel konkreter Grund für die Bettensperrungen.
Freie Betten gab es lediglich 83, das heißt durchschnittlich 0,75 Prozent freie Betten pro Klinik. 47 Kliniken melden null verfügbare Betten, 44 Kliniken ein freies Bett. 51 Kliniken berichten von abgelehnten Patientenanfragen. Heißt konkret: 46,4 Prozent der an der Umfrage teilnehmenden Kliniken berichten von insgesamt 116 abgelehnten Patientinnen und Patienten - an nur einem Tag.
Quelle: ZDF, dpa

Mehr zu Infektionen bei Kindern