: "Es geht hier nicht um Blümchenschutz"

07.12.2020 | 17:33 Uhr
Schärfere Ziele, Online-Konferenzen und CO2-Preise - auch ohne Weltklimagipfel scheint sich zum Jahresende viel zu bewegen. Noch nicht genug, findet Klima-Ökonom Ottmar Edenhofer.
Zum Ende des Jahres ist der Terminkalender beim Thema Klimaschutz voll - trotz der Corona-Pandemie und obwohl der Weltklimagipfel verschoben werden musste. Die EU allerdings kämpft noch immer um eine Einigung im Streit um ein Klimagesetz. Die Zeit drängt, denn sie und die Vertragsstaaten des Klimaabkommens von Paris müssen noch in diesem Jahr neue Klimaziele für die Phase bis 2030 vorlegen. Viele werden diese wohl noch vor einem kleinen Online-Klimagipfel am kommenden Samstag präsentieren.
ZDFheute: Die reguläre jährliche Weltklimakonferenz ist in diesem Jahr ausgefallen. Wie schlimm ist das?
Ottmar Edenhofer: Die Klimakrise macht keine Pause, also sollte die Klimapolitik auch keine Pause machen. Die Absage der Konferenz in der Pandemie war völlig richtig, aber die Staaten dürfen sich nicht zurücklehnen. Der UN-Klimagipfel ist halt doch immer so ein Anlass, bei dem sich alle anstrengen müssen - und sei es bei der Rechtfertigung ihres Nichthandelns.

Ottmar Edenhofer ...

Quelle: PIK
... ist Chefökonom und Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). An der Technischen Universität Berlin hat der Professor außerdem den Lehrstuhl für die Ökonomie des Klimawandels inne. Von 2008 bis 2015 war Edenhofer Mitglied des Weltklimarates (IPCC).
ZDFheute: In diesem Jahr geht der Klimavertrag von Paris in die Umsetzung. Im letzten Dezember hieß es, 2020 könnte die Welt dabei einen großen Schritt vorwärtsgehen – auf dem Weg, die Erderwärmung zu begrenzen. Wie weit ist sie gegen Ende des Jahres damit gekommen?
Edenhofer: Nicht weit genug. Und das ist ein Problem, weil wir mit jedem Monat mehr Treibhausgase in der Atmosphäre ablagern und damit Klimarisiken wie Extremwetter oder Meeresspiegelanstieg immer weiter zunehmen.
Es geht hier nicht um Blümchenschutz...
...sondern um unsere Sicherheit und unseren Wohlstand, heute und in Zukunft. Es reicht nicht, immer neue Klimaziele zu setzen, sondern wir brauchen konkrete Maßnahmen, um diese auch zu erreichen. Hier muss 2021 mehr passieren.
ZDFheute: In Deutschland wird der Ausstoß von CO2 bei Wärme und Verkehr ab Januar einen Preis haben. Ist das beim Klimaschutz der richtige Weg?
Edenhofer: Eine CO2-Bepreisung auch für Wärme und Verkehr wird in Deutschland den Anreiz weiter verstärken, klimaschädliche Emissionen dort einzusparen, wo es am preisgünstigsten geht - das ist ja der Unterschied einer Bepreisung gegenüber einer Politik mit Verboten und Geboten.
Und dass dies nun in allen Sektoren geschieht, nicht nur verengt auf die Energieerzeugung, ist sehr sinnvoll. Wenn wir nun umfassend ein Preissignal haben, dann bringt das Klarheit. Unternehmen und auch Verbraucher können sich daran orientieren.

CO2-Preis ab Januar

Quelle: Sven Hoppe/dpa
Ab Januar muss in Deutschland in den Bereichen Wärme und Verkehr ein Preis pro ausgestoßene Tonne Kohlendioxid (CO2) bezahlt werden. Der liegt zu Beginn bei 25 Euro pro Tonne. Damit dürfte Sprit an der Tankstelle um etwa sieben Cent teurer werden, auch die Heizkosten werden wohl steigen. Bis 2025 erhöht sich der Preis pro Tonne schrittweise auf 55 Euro. Ab dem folgenden Jahr sollen Zertifikate innerhalb eines Preisrahmens versteigert werden. Der CO2-Preis soll ein Anreiz für klimaschonende Alternativen sein. Im Gegenzug will der Staat die Bürger an anderer Stelle entlasten, zum Beispiel über die Pendlerpauschale, den Strompreis oder auch durch Hilfen etwa beim Wohngeld.

Europäischer Emissionshandel

Auf europäischer Ebene gibt es bereits ein CO2-Preis-System für den Ausstoß im Energiesektor: den Europäischen Emissionshandel. Unternehmen kaufen und verkaufen dabei untereinander Zertifikate, die ihnen sozusagen das Recht geben, CO2 in bestimmten Mengen auszustoßen. Um eine Treibhausgas-Reduktion zu erzielen, wird die Menge der Zertifikate nach und nach reduziert. Ziel vieler Politiker ist in Zukunft ein einheitliches europäisches oder sogar internationales System, das auch Wärme und Verkehr miteinbezieht.
Zugleich müssen wir allerdings an der Reform des Europäischen Emissionshandels arbeiten. Auch dieser braucht einen Mindestpreis und muss über alle Sektoren hinweg greifen. Der dritte Schritt ist dann in der Tat die Verknüpfung mit CO2-Preis-Systemen in anderen Ländern, insbesondere im Dreieck Europa-China-USA.
ZDFheute: Joe Biden will als US-Präsident wieder zurück in den Vertrag von Paris. Die USA sollen bis 2050 klimaneutral sein. Könnte die Wende in Washington auch international ein Impuls sein?
Edenhofer: Bidens Wahl zum US-Präsidenten hat ganz klar eine Signalwirkung.
Die EU sollte die Gunst der Stunde nutzen, um mehr Kooperation anzuschieben.
Dabei müssen aber auch kleinere asiatische Staaten wie Vietnam oder Bangladesch mit einbezogen werden, da gerade in diesen Ländern noch heftig in Kohle investiert wird. Schöne Worte reichen da nicht, es braucht ganz konkret an Bedingungen geknüpfte Finanztransfers, also etwa Kredite und als Gegenleistung die Einführung von CO2-Preisen in den Ländern. Anders sind die Klimaziele aus dem Pariser Abkommen nicht zu erreichen.
Das Interview führte Mark Hugo, Redakteur in der ZDF-Umweltredaktion.

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