: Wie Kühe den Weg zur Impfung ebneten

14.05.2021 | 11:00 Uhr
Von mRNA-Vakzinen ist man im 18. Jahrhundert noch weit entfernt, durchgeführt werden riskante Behandlungen - bis Edward Jenner vor 225 Jahren die erste Pocken-Impfung gelingt.
Historisches Foto der Pocken- und Masernimpfung in Westkamerun in den 60er Jahren.Quelle: imago
Der "Würgeengel" der Kinder, später Diphtherie genannt, Masern, Cholera oder Typhus - Infektionskrankheiten sind im 18. Jahrhundert ein Übel, dem viele Millionen Menschen zum Opfer fallen. Ein besonders tödlicher Erreger sind die Pocken. Bis Ende des 18. Jahrhunderts sterben Schätzungen zufolge bis zu zehn Prozent aller Kleinkinder daran.
Noch wissen die Menschen nicht, dass Viren und Bakterien die Krankheiten auslösen und wie sie bekämpft oder gar ausgerottet werden können. Vor 225 Jahren gelingt Edward Jenner (1749-1823) ein Durchbruch: Er führt die erste erfolgreiche Impfung gegen die gefährlichen Pocken durch - mit einem "Kuhpockenimpfstoff". In Zeiten der Corona-Pandemie ist die Erinnerung an diese Entdeckung besonders bedeutend. Jenner gilt heute als "Vater der Immunologie".

Riskante Frühform der Lebendimpfung

Jenner wird 1749 in Berkley in der Grafschaft Gloucestershire geboren - und mit fünf Jahren zum Waisen. Seine ältere Schwester nimmt sich seiner an und sorgt dafür, dass er bis zu seinem 13. Lebensjahr die Schule besucht. In seiner Kindheit erkrankt Jenner selbst schwer Pocken und überlebt nur knapp - die Folge einer sogenannten Variolation, einer bewussten Ansteckung mit einer geringen Menge Pockenviren. Solche ersten Versuche einer Immunisierung gegen Infektionskrankheiten sind eine riskante Frühform der Lebendimpfung, die etwa in China praktiziert wird.
Im Anschluss an seine Schulzeit geht Jenner bei Wundärzten und Chirurgen in die Lehre und kehrt 1772 nach Berkley zurück, um dort eine eigene Arztpraxis zu eröffnen.
Mehr als 30% der über 60-jährigen Menschen in Deutschland sind noch nicht geimpft. Auch diejenigen, die zu Risikogruppen gehören. Deshalb fordern jetzt viele Experten, die besonders Gefährdeten bei der Impfung zu bevorzugen.
Jenner wird oft zugeschrieben, dass er erstmals erkannte, dass die - auf den Menschen übertragbaren, aber für ihn ungefährlichen - Rinderpocken gegen die "richtigen" Pocken immunisierten. Vor ihm hatte aber bereits ein Kollege, der Landarzt John Fewster, diese Entdeckung gemacht: Landarbeiter, die sich mit harmloseren Kuhpocken infizierten, waren offensichtlich gegen die gefährlichen Menschenpocken immun.

14. Mai 1796: Bewusste Infektion mit Kuhpockeneiter

Jenner forscht weiter zu dieser Entdeckung und wagt am 14. Mai 1796 den entscheidenden Schritt: Er infiziert den achtjährigen James Philipps, Sohn seines Gärtners, über eine Wunde am Arm mit dem Kuhpockeneiter einer erkrankten Milchmagd. Der Junge erkrankt ebenfalls an den unangenehmen, aber harmlosen Kuhpocken. Nach zehn Tagen ist er wieder gesund.
Sechs Wochen später wagt Jenner den zweiten und riskanteren Schritt, wieder an dem Jungen, der als zweifaches Versuchskaninchen herhalten muss. Jenner ritzt Philipps erneut eine Wunde in den Oberarm und reibt dieses Mal das infektiöse Wundsekret einer an den echten Pocken erkrankten Person in die Wunde. Weder der Arzt noch der Vater des Kindes wissen, ob der Junge dieses Experiment überleben wird. Doch er erkrankt nicht. Die erste Pockenschutzimpfung mit dem Impfstoff Rinderpockenlymphe ist geglückt.
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1980: Ausrottung der Pocken

Jenner nennt sein Verfahren "Vaccination", nach vacca, dem lateinischen Wort für Kuh. Um seine Methode bekannt zu machen, schreibt er darüber einen Artikel. Dieser wird jedoch zunächst von der Royal Society zurückgewiesen. Deshalb infiziert Jenner weitere Menschen, auch seinen wenige Monate alten Sohn.
Der Grundstein für die laut Robert Koch-Institut "wichtigsten und wirksamsten präventiven Maßnahmen, die in der Medizin zur Verfügung stehen", ist gelegt. Was folgt, ist der Beginn einer weltweiten Impfkampagne gegen die Pocken, die 1980 zur völligen Ausrottung der Krankheit führt.
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Quelle: KNA

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