: Ausbeutung in den Werkstätten?

von Georg Hölting
31.05.2022 | 17:15 Uhr
Eine Arbeitsstelle für durchschnittlich 209 Euro im Monat. Undenkbar? Leider nein. Für viele Menschen mit Behinderung ist das Realität.
Arbeit in einer Förderwerkstatt in Münster.Quelle: imago
Über das Entgelt in Behindertenwerkstätten ist eine Diskussion entbrannt. Mehr als 175.000 Personen haben eine Petition zur Einführung des Mindestlohns unterschrieben. Der Youtuber Lukas Krämer aus Trier spricht von "Ausbeutung" und "Hungerlöhnen", unter #StelltUnsEin fährt er eine Kampagne gegen die Werkstätten. Krämer weiß, wovon er spricht: Er selbst hat mehrere Jahre in einer Werkstatt gearbeitet.
Elektromontage, Holzverarbeitung, Wäschereinigung: in Deutschland arbeiten rund 320.000 Menschen in Förderwerkstätten. Anspruch auf Mindestlohn haben sie nicht, da sie nur einen arbeitnehmerähnlichen Status haben. Viele bekommen Grundsicherung oder Erwerbsminderungsrente - plus dem Werkstatt-Entgelt von im Schnitt 209 Euro. 

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Teilhabe vor Profit

Den Vorwurf der Ausbeutung weist die Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen zurück. Eine Werkstatt sei auf Teilhabe ausgelegt und biete beispielsweise Physiotherapie, Kultur und Sport - auch während der Arbeitszeit.
Den Mindestlohn zu fordern, greife zu kurz, denn er setze einen Stundenbezug voraus. Wer aber in einer Werkstatt beschäftigt sei, habe keine Arbeitsleistung, die verbindlich über drei Stunden hinausgehe. Daher sei der Mindestlohn keine finanzielle Verbesserung.

Arthur Hackenthal aus Berlin will auf den ersten Arbeitsmarkt. Doch für Menschen mit Downsyndrom sind die Hürden hoch.

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Kaum Wechsel aus der Werkstatt

Die Kritik an den Werkstätten kreist aber nicht nur um das geringe Entgelt. Weniger als ein Prozent der Beschäftigten schafft den Sprung in den regulären Arbeitsmarkt. Die Werkstätten sehen vor allem die Unternehmen in der Pflicht: Der Arbeitsmarkt brauche mehr Offenheit gegenüber Menschen mit Behinderung. Schließlich schreibe der Gesetzgeber zwar Inklusion vor, aber in der Realität kämen die Arbeitgeber ihr nicht nach.

Beschäftigungspflicht für Arbeitgeber

  • Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitenden müssen 5 Prozent ihrer Arbeitsplätze an Menschen mit Schwerbehinderung vergeben. Sie haben eine "Beschäftigungspflicht".
  • In Deutschland sind 173.326 Arbeitgeber beschäftigungspflichtig.
  • 77 Prozent dieser Unternehmen erfüllen die Quote nicht
  • Etwas mehr als 25 Prozent, jedes vierte Unternehmen, sind sogar sogenannte "Nullbeschäftiger"

Quelle: BMAS (Zahlen für 2020)

Inklusion als Chance für Unternehmen

Viele Unternehmen befürchten, es könnte unwirtschaftlich sein, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen. Jens Böcker kann diese Sorgen allerdings zerstreuen: Der Wirtschaftsprofessor von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg arbeitet gemeinsam mit "Aktion Mensch" an der digitalen Barrierefreiheit bei Unternehmen.

makro - das 3sat-Wirtschaftsmagazin

Quelle: ZDF
Das 3sat-Wirtschaftsmagazin makro berichtet jede Woche aus dem Wirtschaftsdschungel. Mit Blick für den Menschen und fürs Detail, aber vor allem auch für die globalen Zusammenhänge. Dienstagabends live in 3sat und jederzeit in der ZDF-Mediathek.
Fast 80 Prozent der Unternehmen, die Menschen mit Behinderung beschäftigten, könnten keinen Leistungsunterschied feststellen. Im Gegenteil, meint Böcker: Inklusion sei nicht nur eine Chance im Kampf gegen den Personalmangel, sondern verbessere auch das Image von Unternehmen.
Gerade junge Menschen hätten bei der Wahl des Arbeitgebers viele Fragen: Ist das Unternehmen nachhaltig? Engagiert es sich sozial? Mit Inklusion könnten Unternehmen bei der Suche nach Fachkräften punkten, so die Einschätzung des Wirtschaftswissenschaftlers.

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