: Der vergessene Widerstand gegen die Junta

von Dennis Weinert und Patrick Weinert
24.11.2022 | 14:31 Uhr
Seit dem Militärputsch im Februar 2021 formieren sich in Myanmar Rebellengruppen, die die Junta stürzen wollen. Doch aus dem Konfliktgebiet zu berichten, ist kompliziert.

Unterwegs mit der People's Defence Force. So nennen sich die bewaffneten Gruppierungen die seit dem Putsch gegen das burmesische Militär kämpfen.

23.11.2022 | 20:13 min
Nach Wochen der Anbahnung schaffen wir es endlich, ein Treffen mit einem Offizier der Widerstandstruppen zu organisieren. Der Anfang 30-jährige Anführer eines Bataillons der Rebellen mustert uns neugierig, als wir unter dem Vordach seines unscheinbaren Holzhauses Platz nehmen.
Statt einer Uniform-Jacke trägt der stark tätowierte Kommandeur einen Tarnschal um die Schultern geworfen, der den Stumpf seines abgetrennten linken Arms bedeckt. Er stellt sich als Saw Eh Say Weh vor und betont, dass wir Stillschweigen über den Ort unseres Treffens bewahren sollen. Er und seine Einheit müssen sich vor den Agenten des burmesischen Militärs in Acht nehmen.

Myanmar: Von Massenprotesten zum Bürgerkrieg

Seit dem Militärputsch im Februar 2021 ist es fast unmöglich für Journalisten, aus Myanmar zu berichten. Eine der wenigen Optionen ist, sich mit den Widerstandstruppen in Verbindung zu setzen und über sie einen Weg zu finden, in die Konfliktgebiete zu gelangen.
Ich habe das Blutvergießen und die Gewalt mit meinen eigenen Augen gesehen. Als ich weggelaufen bin, wurde vor mir ein junger Mann angeschossen und ist zu Boden gefallen.
Soe Ya, Journalist
Jetzt, da wir Saw Eh Say Weh gegenübersitzen, fasst er offenbar schnell Vertrauen zu uns - fragt uns sogar, ob wir ihn noch heute zu seinem Stützpunkt im Dschungel begleiten wollen.
Kommandeur Saw Eh Say Weh erklärt uns die militärische Lage im Karen-Staat.Quelle: Weinert
Im Februar 2021 putscht sich das burmesische Militär an die Macht und zerschlägt die Zivilregierung Aung San Suu Kyis. Die Friedensnobelpreisträgerin ist seitdem inhaftiert, Teile ihrer Regierung fliehen ins Exil. Min Aung Hlaing, der Führer des Militärs, wird zum Staatschef und macht Myanmar de facto wieder zu einer Militärdiktatur.
Nachdem es zu Massenprotesten kommt, die die Militärjunta brutal niederschlägt, ruft die Exilregierung zum bewaffneten Widerstand auf und gründet die sogenannte People's Defence Force, kurz PDF - eine Bürgerwehr, die das Militär mit Guerrilla-Taktiken in die Knie zwingen soll.

Der Widerstand taucht auch im Ausland unter

Doch die PDF sind auch eineinhalb Jahre später eher ein loses Netz an Widerstandsgruppen als eine reguläre Streitkraft - und durch ihre militärische Unterlegenheit müssen sich viele PDF-Kämpfer immer wieder in Nachbarländer wie Thailand zurückziehen. Dort kommen wir mit einer PDF-Untergrundzelle in Kontakt, die in der Gegend um Yangon Bombenattentate gegen die Junta verübt hat.

Knapp ein Jahr nach dem Militärputsch in Myanmar hat die Junta Demonstranten mit Anklagen wegen Hochverrats gedroht. Protestierende und Regime-Kritiker können nun rechtlich verfolgt werden. Zum Schweigen bringen lassen sie sich dadurch nicht.

04.05.2022 | 05:56 min
Die Untergrundkämpfer leiten uns zu ihrem geheimen Unterschlupf und geben uns Instruktionen, welche Kämpfer und welche Ausschnitte ihres Hauses wir filmen dürfen. Ein 19-jähriger Attentäter, der bei einem missglückten Anschlag verbrannt wurde, berichtet unter Tränen davon, wie sehr er sich wünscht, weiter gegen die Junta zu kämpfen.

An der Widerstandsfront in Myanmar

Wir erreichen den Stützpunkt im Dschungel und der einarmige Kommandeur Saw Eh Say Weh erlaubt uns, mit seinen Kämpfern zu sprechen. Viele sind gerade erst 18, kommen aus der Mitte der Gesellschaft. Nie hätten sie sich erträumt, einmal die Schulbank gegen die Front einzutauschen. Doch seitdem das Militär jeden Protest im Land brutal niederschlägt, sehen sie keinen anderen Weg mehr, als mit Waffen für die Demokratie zu kämpfen.
Der 19-jährige Widerstandskämpfer Aung (Name geändert) zeigt uns die Wunden, die er bei einem Anschlagsversuch erlitten hat. Quelle: Weinert
Der Kommandeur bekommt viel Zulauf, denn seine Einheit gilt als relativ gut ausgerüstet. Saw Eh Say Weh gehört, wie viele seiner älteren Kämpfer, zur ethnischen Minderheit der Karen. Sie kämpften schon vor dem Putsch 2021 gegen das burmesische Militär und teilen ihre Erfahrung nun mit der noch jungen People's Defense Force. Doch selbst Saw Eh Say Weh fehlt es an Waffen und Munition.
Unser Besuch in den Rebellengebieten Myanmars ist nur kurz, doch er hinterlässt uns mit dem Gefühl, dass Burmesinnen und Burmesen oft keine andere Wahl bleibt als Flucht, Untergrund oder Front. Für eine ganze Generation drohen Gewalt und Brutalität zum Alltag zu werden.
Dennis und Patrick Weinert sind freie Reporter, die für das ZDF in Myanmar waren.

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