Was für ein Gift hat die Charité gefunden?

von Jan Schneider und Nils Metzger
24.08.2020 | 19:06 Uhr
Auch die Ärzte der Charité gehen im Fall Nawalny von einer Vergiftung aus. Welchen Stoff haben sie bei dem Kreml-Kritiker gefunden? Antworten eines Toxikologen.
Quelle: epaCharité in Berlin - hier wird der russische Regierungskritiker Alexej Nawalny behandelt.
Im Fall des im Koma liegenden russischen Regierungskritikers Alexej Nawalny gehen die behandelnden Ärzte in der Berliner Charité von einer Vergiftung aus. Die klinischen Befunde deuten auf eine Intoxikation durch eine Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer hin, heißt es in einer Pressemitteilung vom Nachmittag.

Was sind Cholinesterase-Hemmer?

"Cholinesterase-Hemmer sind eine große und gut erforschte Gruppe von Stoffen, die von Pflanzenschutzmitteln bis hin zu Kampfstoffen reichen", erklärt Martin Göttlicher, Direktor des Instituts für Toxikologie des Helmholtz-Zentrums München.
Es handle sich bei der Gruppe um "sehr potente Giftstoffe". Aus derselben Stoffgruppe stammt auch das Nervengift Nowitschok, das durch die mutmaßliche Vergiftung des ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal international für Schlagzeilen sorgte.

Pjotr Wersilow

Im September 2018 wurde der russische Aktivist der Protestgruppe Pussy Riot mit möglichen Symptomen einer Vergiftung in ein Moskauer Krankenhaus gebracht. Später kam er zur Behandlung in die Berliner Charité. Wersilow macht für seine mutmaßliche Vergiftung den russischen Geheimdienst verantwortlich. Als Hintergrund für die Attacke geht er von einem Zusammenhang zu seinen Recherchen über drei im Juli 2018 ermordete russische Journalisten in Zentralafrika aus.

Sergej Skripal

Der ehemalige Doppelagent und seine Tochter Julia waren im März 2018 im englischen Salisbury dem in der Sowjetunion entwickelten Nervengift Nowitschok ausgesetzt worden. Beide entgingen nur knapp dem Tod. Westliche Geheimdienste beschuldigen die russische Regierung, den Anschlag als Vergeltung für Skripals Tätigkeit als Doppelagent veranlasst zu haben. Eine 44-jährige Britin, die später mit dem Nervengift in Kontakt kam, starb.

Alexander Perepilitschni

Der russische Geschäftsmann und Informant starb 2012 beim Joggen in der Nähe von London. Die Polizei ging von einem natürlichen Tod aus. Eine zwei Jahre später von seiner Lebensversicherung in Auftrag gegebene Untersuchung ergab jedoch, dass Spuren eines Gifts von einer chinesischen Pflanze namens Gelsemium in seinem Magen gefunden wurden. Perepilitschni war ein möglicher Kronzeuge in der Affäre um den Tod eines russischen Anwalts im Jahr 2009.

Alexander Litwinenko

Der frühere russische Agent und Kreml-Kritiker starb 2006 im Exil in London an einer Vergiftung mit hochgradig radioaktivem Polonium. Zuvor hatte er mit den russischen Geschäftsmännern und Ex-KGB-Agenten Dmitri Kowtun und Andrej Lugowoi Tee getrunken. London gibt Moskau die Schuld, das jegliche Verantwortung bestreitet.

Viktor Juschtschenko

Im Jahr 2004 wurde der damalige Oppositionskandidat und spätere Präsident der Ukraine schwer krank. Österreichische Ärzte stellten drei Monate später eine Dioxinvergiftung beim Helden der sogenannten Orangenen Revolution fest. Juschtschenkos Gesicht trägt bis heute die Spuren der Vergiftung. Angetreten war er gegen den russlandfreundlichen Kandidaten Viktor Janukowitsch.

Georgi Markow

Im September 1978 verspürte der oppositionelle bulgarische Schriftsteller an einer Londoner Bushaltestelle ein Stechen im Bein. Ein Mann, der eine Art Regenschirm fallen gelassen hatte, entschuldigte sich. Markow bekam kurz darauf hohes Fieber und starb vier Tage später im Krankenhaus.

Bei einer Obduktion wurde im Bein des Toten eine Platinkapsel mit dem Gift Rizin gefunden. Der Anschlag auf den Oppositionellen konnte nie vollständig aufgeklärt werden. Als wahrscheinliches Szenario gilt ein Anschlag des bulgarischen Geheimdienstes mit Unterstützung des sowjetischen KGB.

Quelle: AFP
Cholinesterase-Hemmer oder auch Acetylcholinesterase-Hemmer hemmen den Abbau von Acetylcholin, dabei handelt es sich um einen der wichtigsten Botenstoffe im menschlichen Körper. Acetylcholin ist unter anderem verantwortlich für die Übertragung eines Reizes vom Nerv zum Muskel, um eine Bewegung auszuführen.
Seit Tagen liegt der Kremlkritiker Alexej Nawalny im Koma. Ärzte der Berliner Charité gehen davon aus, dass er vergiftet wurde. Dazu ZDF-Reporter Carsten Behrendt.

Wie wirkt ein solches Gift?

Experten ist die Wirkstoffgruppe also durchaus geläufig. Toxikologe Göttlicher beschreibt die Wirkung folgendermaßen:
Zuerst merkt man Speichelfluss, dann wird das Herz langsamer, dann werden irgendwann die Muskeln schwach, und irgendwann ist das auch - wenn es nicht beahndelt wird - tödlich.
Martin Göttlicher

Kann eine Vergiftung mit dem Wirkstoff geheilt werden?

Bisher haben die Wissenschaftler der Charité nur die Wirkstoffgruppe ermitteln können. "Die konkrete Substanz ist bislang nicht bekannt und es wurde eine weitere breitgefächerte Analytik initiiert", heißt es aus der Berliner Klinik. Daher sei es sehr schwer, die Heilungschancen und -dauer für Nawalny abzuschätzen.
"Wie gut eine Vergiftung zu behandeln ist, hängt sehr davon ab, um welchen Stoff es sich genau handelt", so Toxikologe Göttlicher.
Der schwer erkrankte Kreml-Kritiker Alexej Nawalny wird jetzt in der Berliner Charité behandelt. Dabei soll auch geklärt werden, ob er vergiftet wurde. Wer ist Nawalny?

Ist es plausibel, dass das Gift im Tee verabreicht wurde?

Je nach Stoff kann es durchaus möglich sein, dass das Gift in einem heißen Tee verabreicht wurde, so Göttlicher.
Eine unbemerkte Aufnahme ist gut möglich, da die Stoffe selbst ohne Geruch und Geschmack sind. Bei einer Verwendung als Pflanzenschutzmittel werden gezielt Stoffe hinzugemischt, um sie ungenießbar zu machen. Bei Kampfstoffen ist das natürlich nicht der Fall.
Martin Göttlicher
Ob es sich bei dem Vorfall um eine gezielte oder versehentliche Vergiftung handle, könne man jedoch erst sagen, wenn weitere Informationen bekannt sind.