Exklusiv

: Keine NINA-App-Warnung in Katastrophengebiet

von Oliver Klein, Julia Klaus, Nils Metzger
22.07.2021 | 14:47 Uhr
NINA-App blieb stumm: Nach ZDFheute-Informationen gab sie ausgerechnet im besonders betroffenen Landkreis Ahrweiler keine einzige Warnung aus.
Die Notfall-Informations- und Nachrichten-App "NINA" des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. ArchivbildQuelle: imago
Über sie will der Staat die Bevölkerung vor Katastrophen warnen: Die App NINA. Mit ihr sollen Warnungen und konkrete Handlungsanweisungen beispielsweise bei Überflutungen, Großbränden oder Terroranschlägen auf die Handys der Nutzer geschickt werden. Doch die App ist bei der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz ausgerechnet in einem besonders betroffenen Gebiet stumm geblieben.
Nach mehreren Anfragen von ZDFheute am 19. Juli und den Folgetagen entschied das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) am Donnerstag, sämtliche Warnmeldungen zur Flutkatastrophe vollständig auf seiner Webseite zu veröffentlichen, die am 14. und 15. Juli über die NINA-App ausgespielt wurden. Jetzt wird klar: Im besonders schlimm betroffenen Landkreis Ahrweiler gab es keine einzige Warnmeldung über die NINA-App, vor oder während der Flut. Die Zahl der Toten ist dort zuletzt auf 128 gestiegen.
Die Kreisverwaltung Ahrweiler bestätigte ZDFheute am Donnerstagabend, nur über die Katwarn-App gewarnt zu haben.

NINA und Katwarn

Die Katastrophen-Warnapp NINA wird vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) herausgegeben. NINA steht für "Notfall-Informations- und Nachrichten-App". Mit Informationen befüllen NINA verschiedene Stellen. Angeschlossen ist NINA an das Modulare Warnsystem des Bundes (MoWaS). MoWaS stammt ebenfalls vom BBK. Mit dem System können Behörden von Bund und Ländern sowie Leitstellen, Landkreise und kreisfreie Städte Warnungen aussenden - die gehen auch an Medien und Nachrichtenagenturen.

Die Katwarn-App wurde vom Fraunhofer-Institut FOKUS entwickelt und warnt ebenfalls vor Gefahren und Katastrophen wie Unwettern, Bränden oder Bombenfunden. Wie auch bei NINA versenden verschiedene Stellen über Katwarn offizielle Warnmeldungen.

BBK: "Unsere Technik hat zu 100 Prozent funktioniert"

Noch ist die Ursache für die Panne nicht abschließend geklärt. Nach Erscheinen dieses Beitrags erklärte das BBK, dass es keine technischen Probleme gegeben habe.
"Wir sind ja gewissermaßen wie die Post: Ob da am Ende ein Päckchen ankommt, hängt davon ab, ob am Anfang jemand ein Päckchen aufgegeben hat oder nicht", erklärt Miriam Haritz, Abteilungsleiterin des Krisenmanagements beim BBK im Gespräch mit ZDFheute. "Wenn Sie sehen, dass da aus einem Landkreis keine Meldungen vorliegen, dann bedeutet das, dass aus diesem Landkreis auch nichts geschickt wurde."
Wir können nur sagen: Unsere Technik hat zu 100 Prozent funktioniert. Daran hat's nicht gelegen.
Miriam Haritz, Abteilungsleiterin des Krisenmanagements beim BBK
Auch sei mit Katwarn vereinbart worden, dass wichtige Meldungen von Katwarn auch über die NINA-App ausgespielt werden sollten. "Wir können nicht genau feststellen, warum das nicht passiert ist. Wenn Katwarn warnt, müsste auch Nina warnen. Aber wenn Katwarn ausgestellt hat, dass NINA anschlagen soll, dann können wir auch keine Warnungen weiterleiten."*
NINA, KatWarn, WarnWetter und Co.

Von wem stammen die Meldungen in NINA?

Diverse Institutionen von Bundes- bis Landkreisebene können in NINA Warnmeldungen verschicken: etwa Katastrophenschutzbehörden, Deutscher Wetterdienst oder das gemeinsame Hochwasserportal der Länder (LHP). Bei einer akuten Warnlage kommen sie vor allem aus den Ländern und Landkreisen.
So einfach die Theorie. Das rheinland-pfälzische Landesamt für Umwelt teilte ZDFheute mit, dass es nur für manche Flüsse Informationen über LHP an die Warnapp NINA weitergebe. Die Ahr sei nicht darunter. "Die Übermittlung der regionsbezogenen Hochwasserfrühwarnung für kleine Einzugsbiete (...) befindet sich derzeit in der Abstimmung mit den Bundesländern", so das Landesamt. Es geht also um Zuständigkeiten.

Katwarn fordert auf, Wohnungen zu verlassen - NINA schweigt

Die Landesbehörde wies zudem darauf hin, dass in Rheinland-Pfalz alle Hochwasserwarnungen über die Warn-App Katwarn verbreitet würden. Diese müssten theoretisch auch automatisiert an NINA gegangen sein - was in Ahrweiler aber offenbar nicht geschehen ist. ZDFheute liegen die Katwarn-Meldungen aus der Zeit, als die Flut kam, für mehrere Städte im Krisengebiet vor. Keine der teils sehr konkreten Warnungen von Katwarn für die Städte Bad-Neuenahr-Ahrweiler und Sinzig wurde von NINA verbreitet.
So forderte die App Katwarn am Abend des 14. Juli um 23:09 Uhr die Anwohner im Krisengebiet ultimativ auf, sich in Sicherheit zu bringen: "Aufgrund der starken Regenereignisse sollen die Bewohnerinnen und Bewohner der Städte Bad Neuenahr-Ahrweiler, Sinzig und Bad Bodendorf, die 50 m rechts und 50 m links von der Ahr wohnen, ihre Wohnungen verlassen." Doch NINA schwieg. 
Der Krisenstab des Landes verwies ebenfalls auf die Kreisverwaltung, ebenso die Feuerwehr Koblenz, wo die für Ahrweiler zuständige Zentrale Leitstelle sitzt.
Nach Erscheinen des Artikels bestätigte der Landkreis Ahrweiler am Donnerstagabend, dass von ihm lediglich Meldungen über die Katwarn-App verschickt wurden. "Sowohl der Deutsche Wetterdienst als auch der Hochwassermeldedienst Rheinland-Pfalz und der Landkreis Ahrweiler warnten über Katwarn frühzeitig vor Hochwasser im Krisengebiet", sagte eine Sprecherin ZDFheute.
Der Landkreis betonte in seiner Stellungnahme auch zahlreiche weitere Schutzmaßnahmen, die ab dem 13. Juli getroffen worden seien, darunter die Einrichtung eines Lagezentrums oder das Verteilen von Sandsäcken.
Die Nutzerin Valeyla auf Twitter
Nach den Überflutungen hat der Chef des Bundesamts für Bevölkerungsschutz den Katastrophenschutz verteidigt. "Unsere Warninfrastruktur hat geklappt im Bund", sagte Schuster im ZDF.

Schon früher Probleme mit NINA-Warnapp

Bislang betonte die Bundesregierung, dass die vom Bund bereitgestellte Warn-Infrastruktur funktioniert habe. "Diese technischen Instrumente haben während der Flutkatastrophe funktioniert und damit auch zum Schutz der Bevölkerung erheblich beigetragen", sagte Vize-Regierungssprecherin Martina Fietz mit Blick auf die NINA-App.
Probleme mit der NINA-App haben Tradition: Bei einer Alarmübung am sogenannten "Warntag" im September 2020 versagte die App, die Warnmeldungen gingen zum großen Teil gar nicht oder nur verspätet durch. Der damalige Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Christoph Unger, musste deshalb sein Amt aufgeben.
Ob Warnungen über NINA Menschenleben hätten retten können, ist unklar. Nur ein Bruchteil kennt die App überhaupt. Bis heute haben etwa neun Millionen Menschen NINA auf ihr Smartphone geladen - nur etwa ein Zehntel der Bevölkerung könnte so maximal gewarnt werden - wenn NINA denn überhaupt Warnungen verschickt. Der Fall zeigt: Kommunikationsketten haben bei der Flutkatastrophe versagt.
* Nachtrag vom 22.7.2021, 14:15 Uhr: Das rheinland-pfälzische Innenministerium verweist auf die Zuständigkeit des Landkreises Ahrweiler. Per Mail schrieb ein Sprecher: "In Bezug auf den Katastrophenschutz gilt: Die Landkreise und kreisfreien Städte geben die Warnmeldungen aus." Und: "Der Landkreis warnt eigenständig unter Berücksichtigung der Gefahrenlage vor Ort."
Das Statement des BBK wurde in dem Artikel am 22.7.2021 um 14:41 Uhr aktualisiert. Das Statement der Kreisverwaltung Ahrweiler wurde am 22.7.2021 um 19:20 Uhr aktualisiert.

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