: Energiewende auch ohne Nord Stream 2?

von Mark Hugo
11.09.2020 | 14:57 Uhr
Würde ein Aus für Nord Stream 2 die Energiewende gefährden? Fakt ist: Gas wird für den Übergang gebraucht. Dass die Lichter ohne die Pipeline ausgehen, glauben Experten aber nicht.
Berlin macht im Fall des vergifteten Kreml-Kritikers Alexej Nawalny Druck auf Moskau und schließt einen Stopp der fast fertigen Ostsee-Pipeline nicht mehr aus. Ein wirtschaftliches Pfund allemal, denn Nord Stream 2 soll, so die Betreiber, einmal 26 Millionen Haushalte mit Erdgas versorgen. Und damit viel Geld in russische Kassen spülen. Ein großes Problem wäre das Aus auch für die beteiligten europäischen Firmen.
Es gehe um bezahlbares Erdgas, das auch für die Klimastrategie der EU wichtig sein könnte, argumentieren die Betreiber. Die europäische Eigenproduktion sei immerhin rückläufig. Und: Das Erdgas kann genutzt werden, um emissionsintensive Kohle im Energiemix zu ersetzen und dient als Back-up, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Tatsächlich wird bei der Stromproduktion mit Erdgas rund 40 Prozent weniger Kohlendioxid ausgestoßen als bei Kohle.

Erdgas zur Absicherung

Fakt ist auch: Am Energiemix hatte Erdgas im ersten Quartal 2020 einen Anteil von immerhin 12,7 Prozent. Kohle und Kernenergie kamen zusammen auf fast 34 Prozent. Kohle soll aber bis spätestens 2038, Kernkraft bis 2022 ersetzt werden. Und dann? Zur Absicherung der Versorgung werde Gas gebraucht werden, glaubt auch Prof. Manfred Fischedick vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie.
"Im Strombereich wird sicher relativ gesehen mehr Gas eingesetzt werden als heute", sagt er. Aber er sagt auch:
Grundsätzlich haben wir in Deutschland mittelfristig genug Bezugsmöglichkeiten von Erdgas - auch ohne Fertigstellung von Nord Stream 2.
Je weiter der Ausbau erneuerbarer Energien voranschreite, umso mehr gehe nämlich auch der Gasanteil zurück. Die Kraftwerke müssten dann zur Sicherung bei Flaute oder wenig Sonne "in einem nur geringen Maß ausgelastet werden." Außerdem könnte fossiles Erdgas wohl in Zukunft durch grünen Wasserstoff oder grünes Methan ersetzt werden, so Fischedick.
Mit Hilfe von Wasserstoff soll Deutschland bis 2050 klimaneutral werden. Umweltfreundlich ist er aber nur, wenn der Strom für seine Herstellung aus erneuerbaren Energien stammt.

Wärmesektor "ist entscheidend"

Ähnlich sieht das Dr. Felix Matthes vom Öko-Institut. Er verweist darauf, dass schon heute nur ein Fünftel des in Deutschland verbrauchten Erdgases in der Stromerzeugung eingesetzt werde - drei Viertel dagegen für Wärme. In Deutschland wird laut Statistischem Bundesamt noch immer jede zweite Wohnung mit Gas beheizt. Auch da allerdings wird erneuerbare Energie immer bedeutender.
Die im heutigen politischen Umfeld erwartbaren Erdgaseinsparungen im Wärmesektor liegen weit über dem zeitweisen Zusatzbedarf in der Stromversorgung.
Felix Matthes, Öko-Institut
Mit der Energiewende würde dieser Zusatzbedarf nach und nach sinken. Wie viel Erdgas Europa künftig braucht, entscheide sich also vielmehr im Wärmesektor, weniger im Stromsektor. Dass die neue Pipeline großen Einfluss auf die Erdgaspreise haben würde, glaubt er nicht. Sein Fazit: "Nord Stream 2 ist ein primär durch geopolitische Interessen motiviertes Projekt." Erfolg oder Misserfolg der Energiewende seien davon jedenfalls nicht abhängig.

"Neue Erkenntnisse" zu Methan

Übrigens: Nord Stream 2 steht nicht nur wegen des Streits mit Russland unter Druck. Im Juli hatte die Deutsche Umwelthilfe (DUH) Klage gegen die Genehmigung eingereicht. Hintergrund seien "neue Erkenntnisse zu Methan-Emissionen aus Förderung, Verarbeitung und Transport des Erdgases." Methan ist ein stark klimaschädliches Treibhausgas. Bei der Genehmigung sei dies aber nicht berücksichtigt worden.
Für die DUH ist klar: "Es darf nur noch Infrastruktur errichtet werden, die uns hilft, die Klimaziele zu erreichen." Die Umweltschützer klagen daher auch gegen Flüssigerdgas-Terminals, über die amerikanisches Fracking-Gas nach Deutschland transportiert werden könnte.
Mark Hugo ist Redakteur in der ZDF-Umweltredaktion

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