: Das Spiel mit den Zuschauern

von Tobias Landwehr, Tokio
21.07.2021 | 06:00 Uhr
Publikum bleibt bei Olympia außen vor. Der Weg zu diesem Entscheid ist und bleibt ein chaotischer: Tokio unterläuft die eigenen Regeln, während das IOC weiter auf Zuschauer hofft.
Olympische Spiele in Tokio ganz ohne Zuschauer? Das IOC hofft noch...Quelle: picture alliance / Marco Wolf
Geisterspiele. Dieser Begriff macht über Olympia in Tokio die Runde. Mit dem Eintritt in den Ausnahmezustand wurden sämtliche Zuschauer aus den Stadien der Kapitale und dessen Nachbarpräfekturen verbannt, denn die vierte Welle ist in vollem Lauf.
In den letzten Tagen lagen die Neuinfektionen konstant fünfzig Prozent über denen der Vorwoche. Großer Trubel bei Olympia würde die Ausbreitung womöglich anfachen.

Wie soll der Olympische Spirit aufkommen?

Die Entwicklung der Fallzahlen ähnelt - wenn auch auf wesentlich geringerem Niveau - der in England vor einer Woche. Dort ließ man jedoch auf dezenten Druck der UEFA trotz wissenschaftlicher Warnungen 60.000 Zuschauer zum EM-Finale zu. Bei Olympia hingegen scheint sich das IOC dem wissenschaftlichen Anraten zu beugen.
Es ist allerdings nicht so, dass es das IOC unversucht ließe, doch noch Menschen und Stimmung in die Stadien zu bekommen, etwa bei sinkenden Fallzahlen. Denn nur VIPs auf den Rängen werden den viel beschworenen, olympischen Spirit nicht herbeirufen können.
"So etwas wie hier in Tokio hat es noch nie gegeben, und wird es in dieser Form hoffentlich auch nie mehr geben", sagte DOSB-Chef Alfons Hörmann zum Start der Olympischen Spiele.

Das IOC äußert sich schmallippig

"Mein persönliches Gefühl ist, dass bei der Zuschauerfrage der größte Druck vom IOC und der Regierung kam", sagt Yano Gomi Harumi, Mitglied des Organisationskomitees (OK) der olympischen Spiele. "Innerhalb des OKs gab es diesen Druck nämlich nicht wirklich".
Die Antwort des IOC auf eine Anfrage zur Position in der Zuschauerfrage liest sich so: "Wie unser offizielles Statement schon suggeriert: Es war eine Entscheidung der japanischen Beteiligten, die wir als IOC und IPC respektieren. Dem haben wir nichts hinzuzufügen."

Fußball-Europameisterschaft: Paneuropäisch ausgespielt

Natürlich sind die Positionen von IOC und UEFA zwei grundsätzlich andere. So hieß es etwa kurz vor dem EM-Höhepunkt, die UEFA drohe damit, den finalen Kick von Wembley nach Budapest zu verlegen – schließlich seien da rechtlich mehr Zuschauer erlaubt. Auch die Bürgermeisterin von Rom bot sich spontan, das englisch-italienische Duell relativ liberal zu hosten.
Darauf erhöhten die Behörden das Publikumslimit auf 60.000 in Wembley, das Finale blieb in London. Dieses paneuropäische Spiel von "Angebot und Nachfrage" bietet sich dem IOC nicht. Ein Fußball-Match wenige Tage vor Austragung in eine andere Stadt verlegen, das geht. 339 olympische Wettbewerbe ad hoc zu verlagern: Unmöglich.
Ein großer Teil des deutschen Olympia-Teams ist in Tokio eingetroffen.

Das IOC braucht keine Zuschauer-Einnahmen

Als Verband hat der IOC Zuschauer auch nicht so nötig wie die UEFA, die bei der EM 2016 in Frankreich immerhin noch knapp mehr als zwanzig Prozent ihrer Einnahmen aus dem Ticketing erlöste.
Vertraglich wären bei Olympia die Ticketeinnahmen nicht dem IOC, sondern vor allem der Stadt Tokio zugute gekommen. Die Zuschauerlosigkeit schadet dem IOC nicht.
Etwa 700 Millionen Euro fehlen Tokio jetzt. Vertraglich ist das IOC nicht verpflichtet, dies auszugleichen. Ob es sich dennoch solidarisch zeigt, ließ es offen. Stattdessen kündigte es eine akustische Zuschauersimulation an, sodass an TV- und LCD-Screen der Zuschauermangel nicht ganz so auffällt.

Chaotische Entscheidungsfindung in Japan

Der Weg zum Zuschauerbann war eine komplexe Angelegenheit. "Die Stadt, das IOC, die Regierung: Alle hatten enorme Schwierigkeiten, ihre eigene Zuständigkeit und Position zu finden", weiß Komiteemitglied Yano.
"Auch ich hätte viel mehr bewegen können, hätte ich gewusst, was denn nun die eigentlichen Rechte und Befugnisse des Komitees seien", sagt die Professorin für Infektiologie, die erst im März nach dem Sexismus-Skandal um Ex-Chef Yoshiro Mori zum OK dazustieß.

10.000 Zuschauer bei einem Baseballspiel

Diese Art von Unordnung findet man auch in Tokios Zuschauerpolitik wieder. Denn noch am 14. Juli, zwei Tage nach Inkrafttreten des neuen Ausnahmezustandes, verfolgten je 10.000 Zuschauer Partien der Pro-Baseballliga im Tokio Dome und im Saitamer MetLife Stadion.
Der Koushien, Japans legendäre Oberschul-Baseball-Meisterschaft, wird im Großraum Tokio auch weiterhin von Zuschauern frequentiert. Und nach den Testevents zu olympischen Eröffnungsfeier strömen hunderte Freiwillige ungeordnet in die U-Bahn.

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