Erstmals anhaltendes Ozonloch über Arktis

25.03.2020 | 19:16 Uhr
von Doris Neu
Bereits 2011 hatte sich über dem Nordpol ein Ozonloch gebildet, aber nur kurz. Jetzt gibt es ein Ozonloch, das schon zehn Tage in Folge anhält. Was heißt das?
Die Ozonschicht über dem Nordpol ist so dünn wie seit 2011 nicht mehr. Quelle: dpa
Es ist das erste Mal, dass sich über der Arktis ein so deutlich ausgeprägtes und so lange andauerndes Ozonloch gebildet hat, sagt der Polarforscher Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut in Potsdam gegenüber ZDFheute. Es halte schon zehn Tage in Folge an.
Erstmals habe man 2011 beobachtet, dass der Ozonverlust über dem Nordpol so drastisch gewesen sei. Damals sei aber die Decke der Ozonschicht lediglich für ein oder zwei Tage unter das Level gesunken, das oft als Ozonloch definiert wird.

Tiefer Einbruch in Ozonschicht über Nordpol

Dort, wo die Ozonschicht normalerweise am dichtesten ist, in etwa 18 Kilometern Höhe, beobachten die Forscher vom Alfred-Wegener-Institut derzeit einen tiefen Einbruch. Der Ozonverlust beträgt dort 90 Prozent - 2011 waren es 80 Prozent. Aktuell ergibt sich mit den Schichten darüber und darunter ein Ozonverlust von etwa 50 Prozent.

Wann spricht man von einem Ozonloch?

Die Ozonschicht in der Stratosphäre hält UV-Strahlung von der Erde ab. Die Abnahme des Gases Ozon wurde seit den 1970er Jahren am Südpol beobachtet. Sinkt die Dicke der Ozonschicht - betrachtet wird der von Menschen verursachte Ozonabbau - unter einen bestimmten Wert (220 Dobson-Einheiten), sprechen Forscher von einem Ozonloch.
Die Gründe für das Ozonloch über der Arktis sieht der Forscher, der beim Alfred-Wegener-Institut die Abteilung Atmospärenphysik leitet, in einem besonders stark ausgeprägten Polarwirbel in diesem Winter und sehr niedrigen Temperaturen in der Stratosphäre.

Forscher: Ozonloch könnte unsere Breiten zeitweise treffen

Der Polarwirbel ist ein Tiefdruckwirbel in der Stratosphäre, der über der zentralen Arktis liegt - über einem Gebiet, das ungefähr 20 Millionen Quadratkilometer groß ist. Diese Luftmassen sind noch eingeschlossen und "befinden sich im Moment über einer Region, in der kaum Menschen leben und wo der Einfallswinkel der Sonne ohnehin niedrig ist", so Markus Rex.

Markus Rex ...

... führt die Sektion Atmosphärenphysik am Alfred-Wegener-Institut und lehrt Physik an der Universität Potsdam. Zudem leitet er die MOSAiC-Expedition mit der "Polarstern", die im September 2019 in die Arktis gestartet ist. Die Forschungsmission zahle sich schon jetzt aus, sagt Markus Rex. Man habe etwa über der Zentralarktis mit Helium gefüllte Ballons aufsteigen lassen und so auch wichtige Erkenntnisse über die Ozonschicht gewinnen können.
Markus Rex, Leiter des ForschungsteamsQuelle: dpa
Doch das könne sich im Frühjahr ändern. "Wahrscheinlich wird sich der Polarwirbel ungefähr im April zerlegen und Teile davon können dann auch in andere Breiten driften." Es sei möglich, dass dann Bruchstücke auch in unsere Breiten oder nach Südeuropa gelangen.
Wir beobachten die Lage sehr genau und werden die Bevölkerung gegebenenfalls rechtzeitig warnen.
Markus Rex, Polarforscher

Ozonschicht baut sich langsam wieder auf

Dass die ozonzerstörenden FCKW (Fluorchlorkohlenwasserstoffe) seit langem verboten sind, habe zu einer Regeneration der Ozonschicht beigetragen - sie sei weltweit wieder dicker geworden, so Markus Rex. 2019 war das Ozonloch so klein wie seit rund 30 Jahren nicht mehr. Allerdings sind die FCKW extrem langlebig, ihr Abbau dauert Jahrzehnte.
Das Verbot dieser Stoffe sei ein "durchschlagender Erfolg" für die Umwelt gewesen, betont der Wissenschaftler. Andernfalls wäre die Ozon-Situation jetzt deutlich schlimmer.

Ozonloch über der Arktis kein Dauer-Phänomen

Rex geht nicht davon aus, dass ein anhaltendes Ozonloch über der Arktis ein jährlich wiederkehrendes Phänomen wird. Der starke Jetstream - ein Westwindband über den mittleren Breiten -, der für das aktuelle Tiefdruckgebiet über der Arktis verantwortlich sei, schwäche sich insgesamt ab.
Daher sei eher damit zu rechnen, dass ein Ozonloch über der Arktis ein bis zweimal pro Jahrzehnt auftreten kann. Und das auch nur noch bis etwa Mitte des Jahrhunderts. Bis dahin werde die Konzentration der FCKW so weit abgesunken sein, dass sie auch bei großer Kälte in der arktischen Stratosphäre keinen großen Schaden mehr an der Ozonschicht anrichten können.

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