Interview

: Experte: "Kernkraftwerk ist keine Atombombe"

08.08.2022 | 21:28 Uhr
Nach den Angriffen auf das AKW in Saporischschja wächst die Sorge weltweit. Nuklear-Experte Sebastian Stransky erklärt im ZDF-Interview, welche Gefahren von den Kämpfen ausgehen.

Zwar entsprechen ukrainische Atommeiler europäischen Sicherheitsstandards. Allerdings bergen Kämpfe rund um die Reaktoren grundsätzlich Gefahren, so Atomexperte Sebastian Stransky.

08.08.2022 | 19:01 min
Die Kampfhandlungen um das ukrainische Kernkraftwerk in Saporischschja halten weiter an. Die Angst vor Konsequenzen ist international groß. Der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Rafael Grossi, sieht die "sehr reale Gefahr einer nuklearen Katastrophe" im Kriegsgebiet. 
Im Interview mit ZDFheute live spricht Nuklear-Experte Sebastian Stransky von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit, über die Gefahr, die von einem Angriff ausgeht und inwiefern dies mit einer Atombombe vergleichbar wäre. Das sagt der Reaktor-Experte über …

… die Lage in Saporischschja:

Das, was da gerade passiert ist - um es etwas flapsig zu sagen - ist ein absolutes No-Go.
Sebastian Stransky, Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit
"Ein Kernkraftwerk ist eine sicherheitstechnisch diffizile Einrichtung. Dass es Teil von Kampfhandlungen wird, ist etwas, dass wir uns vor einigen Monaten noch nicht haben vorstellen können."
Dies sei eine traurige Realität, die Kämpfe sollten so schnell wie möglich beendet und die Truppen so schnell wie möglich abgezogen werden.
Das Atomkraftwerk Saporischschja liegt im von Russland kontrollierten Teil der Südukraine.

… mögliche Folgen eines Beschusses des AKWs

"Das hängt davon ab, wie stark die Anlage durch Kampfhandlungen beschädigt werden würde. Wenn bestimmte Anlagenteile von Geschossen oder Raketen getroffen würden, würde das nicht automatisch zu schweren Schäden führen. Es würde auch nicht automatisch zu einer Kernschmelze (…) mit einer Freisetzung einer großen Menge Radioaktivität führen, sondern das hängt wirklich von dem ganz konkreten Handlungsablauf ab."
"Es gibt ein paar neuralgische Punkte in dem Kernkraftwerk, auf jeden Fall. Aber vom Grundsatz her sind diese Reaktoren, wie sie auch in Saporischschja stehen, gegen Ereignisse von außen geschützt."
Ein einfacher Schuss oder ein einfacher Treffer auf das Reaktorgebäude oder eines der Nebengebäude würde nicht automatisch zu einer nuklearen Katastrophe oder einem nuklearen Unfall führen.
Sebastian Stransky, Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit

… den Vergleich zwischen dem Beschuss eines AKWs und dem Einschlag einer Atombombe:

"Es ist spaltbares Material in Form von Uran-Dioxid in Tablettenform - das ist kein Material, was man als Sprengstoff bezeichnen kann."
Ein Kernkraftwerk ist keine Atombombe - und überhaupt nicht damit vergleichbar.
Sebastian Stransky, Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit
"Zu so einer Explosion wie bei der Bombe in Hiroshima würde es in keinem Kernkraftwerk der Welt kommen können. Das hängt einfach mit der Geometrie und auch mit der Anreicherung des Urans zusammen."

In den vergangenen Tagen wurde das ukrainische AKW mehrmals beschossen. Wer dafür verantwortlich ist, bleibt unklar und die Sorge um die Sicherheit der Anlage wächst.

08.08.2022 | 01:58 min

… das Sicherheitsrisiko für die Mitarbeiter im Kraftwerk:

"Unter welchen Umständen die Leute arbeiten - darüber können wir nur spekulieren (…). Wir kriegen immer nur indirekt Nachrichten aus Saporischschja. Was wir uns natürlich vorstellen können:
Eines der grundlegenden Prinzipien des sicheren Betriebes eines Kernkraftwerkes ist natürlich neben der technischen Sicherheit der Anlage auch die organisatorische Sicherheit.
Sebastian Stransky, Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit
Das bedeutet, dass das Betriebspersonal ungestört von äußeren Einflüssen, ohne Stress und ohne Druck arbeiten soll und selbstständig Entscheidungen treffen soll. Wenn ich mir vorstelle, dass das Schichtpersonal mittlerweile nach fünf Monaten (…) unter der russischen Besatzung arbeitet - ich weiß nicht, wie genau dieses Besatzungsregime genau ausgestaltet ist (…) - der Stresspegel unter den Leuten durchaus ein sehr hoher ist. Das kann natürlich auch zu menschlichen Fehlern führen. (…)"

In den vergangenen Tagen gab es einige Angriffe auf das AKW Saporischschja, für die sich Russland und die Ukraine gegenseitig verantwortlich machen. Droht eine atomare Katastrophe?

08.08.2022 | 33:09 min
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Quelle: ZDF

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